Hecht im ausverkauften Salzhaus:
Winterthur feiert die Mundart-Helden

In Reviewsby indiespect

Der Aufstieg der neuen Mundart-Generation

Die Schweizer Mundartband Hecht schwebt derzeit auf der Erfolgswolke. Nach einer Tour in den kleineren Clubs des Landes Anfang des Jahres mit zahlreichen ausverkauften Konzerten, spielten sie sich im Festivalsommer endgültig in die Herzen ihrer deutschsprachigen Landsleute. Bei ihren Auftritten an Festivals wie dem Heitere Openair, dem Gurtenfestival oder dem Stars in Town in Schaffhausen, begeisterten sie ein grosses Publikum. Dies hatte zur Folge, dass die Abschlusstournee für das im August 2015 veröffentlichte zweite Studioalbum «Adam + Eva» im Nu ausverkauft war. Hecht füllten sowohl das Bierhübeli in Bern, das Salzhaus in Winterthur sowie die Härterei in Zürich. Dort findet am 25. November 2016 das offizielle Tourabschluss-Konzert statt. Aufgrund der riesigen Nachfrage legen die Hechte Anfang des nächsten Jahres noch einmal nach. Im März werden sie zusätzlich im Kofmehl in Solothurn, dem Kaufleuten Zürich und wiederholt im Bierhübeli auftreten.

Ansturm auf das Salzhaus

Am Freitag stand nun als das Salzhaus in Winterthur auf dem Tourplan der Wahlzürcher. Vor Türöffnung wurden Gitter aufgestellt, um einen geregelten Einlass zu gewährleisten. Nach dem Anstehen in der bitteren Kälte waren die Besucher froh, endlich im Club zu sein. Die Schlange an der Garderobe wuchs stetig und verlief bald an der kompletten Bar vorbei bis zum Eingang. Im Barbereich war hinter den Tischfussball-Kästen sogar eine Leinwand angebracht, um das Konzert auch ohne direkten Blick auf die Bühne verfolgen zu können.

Hecht werden gefeiert wie alte Helden

Nach der Basler Vorband «Les Touristes», die schmutzige Texte in schöne Melodien verpackten traten nach einer kurzen Pause die fünf Herren von Hecht auf die Bühne. Ohrenbetäubender Jubel durchströmte den bis in die hintersten Ecken gefüllten Raum. Für die höheren Kreisch-Tonlagen sorgten die zahlreichen jüngeren Damen, die einen grossen Teil des Publikums ausmachten. Nebst Teenagern hatten auch junge Familien mit kleinen Kindern den Weg ins Salzhaus gefunden. Ein kleiner Fan hielt tapfer ein selbstgebasteltes Schild mit den Buchstaben «HECHT» in die Luft und übertönte zeitweise textsicher die übrigen Zuschauer in der Nähe.

Hecht wird vom Winterthurer Publikum gefeiert
(Foto: t13 // tabea hüberli // fotografie)

Die alten Männer an der Spitze der Mundart-Musik bekommen ohne Zweifel Konkurrenz vom Nachwuchs. Zwar sind Züri West, Patent Ochsner und Co. noch immer gut im Geschäft, aber bei den Jungen kommen sie immer weniger an. Genau diese Zielgruppe scheint Hecht wieder anzusprechen. Eine Band die bewusst auf Schweizerdeutsche Texte setzt und sich dadurch das Einzugsgebiet selbst eingrenzt.

Zu Beginn ihrer Bandgeschichte vor über fünfzehn Jahren waren die Lieder noch auf Englisch und die Band um Stefan Buck trug den Namen «Seng». Weil er jedoch seine Geschichten in seiner Muttersprache singen wollte, entschloss er sich das Konzept umzustellen. Nach Überzeugungsarbeit bei seinen Bandkollegen entstand dabei das, was Hecht heute sind. Mehr zu diesem Thema könnt ihr hier im Interview mit Stefan und Philipp nachlesen.

Die Songauswahl: von «Autopilot» bis «Wenn d’Sonne Chond»

Vor allem bei Songs ab dem aktuellen Album «Adam + Eva» zeigte sich das tanzwütige Publikum textsicher. Auch Tracks vom mittlerweile vier Jahre alten Debütalbum «Wer zerscht s’Meer gsehd» durften nicht fehlen. Bei «Autopilot» geht es um das Gefühl, wenn man auf dem Nachhauseweg vom Ausgang, mit etwas Alkoholeinfluss plötzlich glaubt die Welt zu verstehen. Aber auch «See Springe» und der älteste Hecht-Song «Tänzer» durften an diesem Abend nicht fehlen. Zwischen Songs wie «Brissago», «Sansibar» oder «Wenn d’Sonne chond» blieb auch immer wieder Zeit für lustige Geschichten aus der Vergangenheit. Sänger Stefan Buck erzählte beispielsweise, dass er mit 17 Jahren ein Konzert im Salzhaus besuchte. Vor ihm an einen Holzbalken gelehnt stand Mona Vetsch. Damals moderierte sie noch die Jugendsendung «Oops!» auf SF2. Nach kurzem hin und her hätten sie die junge Mona einfach angequatscht und gefragt, ob sie bei ihr in der Sendung auftreten dürften. Die Antwort kam promt und kurz: «Ich bin ez ame Konzert!» Aber milder fuhr sie fort, dass sie ihr eine E-Mail schreiben könnten. Das taten die jungen Musiker dann auch tatsächlich. So kamen sie dank dem Salzhaus zu ihrem ersten Fernsehauftritt.

Voller Körpereinsatz auf der Bühne
(Foto: t13 // tabea hüberli // fotografie)

Der neuste Hecht: Chris Filter am Schlagzeug ist seit März 2016 mit von der Partie
(Foto: t13 // tabea hüberli // fotografie)

Tanzeinlage vor der Bühne

Tänzerische Fähigkeiten bewiesen Hecht beim Song «Gymnastique». Sie teilten das Publikum in der Mitte, um ihre einstudierte Choreografie vorzutragen. Wer nicht in der nähe der Mitte oder hinter einem der vielen Balken stand, konnte davon aber leider nicht allzu viel sehen. Wer Hecht am Sommer auf einem der Festivals spielen gesehen hat, konnte sich die Szenerie immerhin vorstellen. Auch das Publikum verstand ohne Ansage die Anweisungen aus dem Track

Ufe, abe, links und rechts
Mir schiebed dis Herz a richtigi Fleck
Na chli füre, hindre links und rechts
Mir schiebed dis Herz a richtigi FleckGymnastique, Hecht

Tanzende Fische im Salzhaus
(Foto: t13 // tabea hüberli // fotografie)

Eine Live-Premiere gab es in Winterthur sogar auch noch. Der auf der bisherigen Tour vernachlässigte «Matros» durfte sich endlich dem Publikum präsentieren. Überhaupt konnte sich wohl kein Fan beklagen. Ziemlich jeder Song der aktuellen Platte wurde vorgetragen.

Nach dem regulären Set liessen sich die fünf Wahlzürcher für zwei Zugabeblocks noch einmal auf die Bühne locken. Diese boten mit dem Titelsong «Adam + Eva», der Tanz-Hymne «Tanze Tanze» sowie dem Ohrwurmgarant «Charlotta» einen hochkarätigen Abschluss für ein schweisstreibende Konzert. Die Kälte von draussen war vergessen und die eine oder andere Stimme hatte sich durch rege Gesangsbeteiligung ebenfalls verabschiedet.

Bis auf den letzten Platz gefüllt – Das Salzhaus Winterthur
(Foto: t13 // tabea hüberli // fotografie)

Christoph Schröter und Philipp Morscher im Element
(Foto: t13 // tabea hüberli // fotografie)

Fazit

Hecht sorgten an diesem kalten Herbsttag für den perfekten Einstieg ins Wochenende und schöpften in Winterthur ihr ganzes Potenzial aus. Beim Aufstieg der fünf Freunde scheint kein Ende in Sicht. Nach einem erfolgreichen Jahr, sieht es auch nach ausverkauften Konzerten im März aus. Endlich kommt wieder einmal etwas frischer Wind in die Schweizer Mundart-Szene. Hoffen wir Hecht kann noch lange auf der Erfolgswelle schwimmen.

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