Mando Diao in Zürich:
Good Times im Kaufleuten

In Reviews by indiespect

Mando Diao 2.0

In den frühen 2000er-Jahren führte kein Weg an Mando Diao vorbei. Sie schwammen ganz oben auf der Indie-Welle und erreichten 2004 mit Songs wie Down In The Past ein grosses Publikum. Auf Festivals waren die Schweden immer weit oben im Line-Up gesetzt. Die Band lebte vor allem von den charismatischen Sängern Björn Dixgård und Gustaf Norén. Ihren grossen Wurf schafften sie 2009 mit dem Album Give Me Fire. Mindestens der Titel Dance With Somebody ist sogar dem grössten Musikmuffel ein Begriff. Live konnten Mando Diao nicht immer überzeugen. Je nach Tagesform lieferten sie eine energiegeladene, begeisternde Show ab oder die Lieder dümpelten vor sich hin, während sich die beiden Frontmänner brüderlich ein Mikrofon teilten. Gepaart wurde das mit der teils etwas arroganten Attitüde von Gustaf Norén. 2014 drifteten Mando Diao in andere Sphären ab. Mit Ælita lieferten sie ein Album ab, welches nicht bei allen Fans für Begeisterungsstürme sorgte. Zu kitschig und abgedreht, teilweise sogar etwas verwirrt, wirkten die Schweden in dieser Ära.

2015 folgte der grosse Knall. Der Weggang von Gustaf Norén wurde bekanntgegeben. Für kurze Zeit stand der weitere Weg der Band in den Sternen, da sie sich extrem stark mit dem Zusammenspiel der beiden markanten Stimmen identifizierte. Auch nach der Meldung, dass es ohne Norén weitergehen würde, war die Skepsis noch gross.

Dieses Jahr meldeten sich Mando Diao nun endlich mit einem neuen Album zurück. Erfrischend leicht und unverkrampft kommt Good Times daher.  Sicherlich seinen Teil dazu beigetragen hat der neue Lead-Gitarrist Jens Siverstedt. Er hatte keine leichte Aufgabe übernommen, als er die Lücke, die Norén hinterliess, füllen sollte. Mit der nötigen Portion Selbstvertrauen und seinem Talent schaffte er es jedoch, dass es so wirkt als wäre er schon immer dabei gewesen. Bereits bei zahlreichen Festivalauftritten war die neu gewonnene Harmonie unter den Musikern spürbar. Zurzeit ist das Quintett mit ihrem neusten Werk auf Clubtour. Diese führte sie gestern ins Kaufleuten Zürich

Razz

Razz unterstützen Mando Diao auf ihrer aktuellen Herbsttour.

Stimmungsvoller Einstieg mit Razz

Eingeheizt wurde dem Zürcher Publikum von der jungen deutsche Band Razz. Die Indie-Rock-Formation aus dem Emsland begleitet Mando Diao bei den Konzerten im deutschsprachigen Raum. Bereits im Sommer 2016 stellte die Band am Fête de Lion in Wil und an anderen kleinen Festivals ihr Können unter Beweis. Mit dem aktuellen Support-Slot erreichen sie nun endlich auch ein grösseres Publikum. Die sympathischen Jungs machen dabei einen durchgehend souveränen Eindruck und gewinnen mit Songs wie Black Feather oder Paralised bestimmt jeden Abend das einen oder andere Fanherz dazu. Im November kam das zweite Album mit dem Titel Nocturnal auf den Markt. In ihrer noch jungen Karriere haben sich Razz bereits einen eigenen Stil angeeignet und sind auf dem besten Weg, auch bald alleine grössere Clubs zu füllen. Am 25. Januar 2018 kehren die vier Jungs bereits in die Schweiz zurück. Dann spielen sie im Dynamo Werk 21, ebenfalls in Zürich .

Rock’n’Roll von den Stiefeln bis zum Scheitel – Mando Diao sind so gut in Form, wie lange nicht mehr.

Mando Diao: Vollprofis mit frischer Energie

Nach dem opulenten Intro L’Arena von Ennio Morricone aus dem Tarantino-Klassiker Kill Bill Vol. 2 legten Mando Diao mit San Francisco Bay los. Die Rockstar-Attitüde haben die Schweden definitiv nicht verlernt. Schön aufgereiht standen sie da und stellten sich mit ihrer Coolness gegenseitig in den Schatten. All The Things durfte als erster Song vom neuen Album den ehrwürdigen Kaufleuten-Klubsaal erzittern lassen. Wie schon so oft bestach in dieser Location die hervorragende Akustik. Der Sound war glasklar abgemischt und verlieh der Musik noch mehr Power. Gepaart mit der Live-Energie der Schweden sorgte dies für die perfekte Kombination. 

Die neuen Titel fanden allesamt sehr guten Zuspruch beim Zürcher Publikum. So auch der Titeltrack Good Times. Zugeschnitten auf die Stimme von Björn Dixgård brachte der Song das ausverkaufte Kaufleuten zum tanzen und verbreitete seine positive Energie bis in die hinterste Ecke.

Carl-Johan Fogelklou nutzt die Wand als willkommene Stütze

Schweisstreibender Auftritt für Band und Zuschauer

Bei einer etwas ruhigeren Version von All My Senses konnte sich der bereits schweissnasse Dixgård wieder auf Raumtemperatur abkühlen. Doch bereits bei Dancing All The Way To Hell, einem Stück gegen alle Rassisten auf dieser Welt, schoss der Hitzepegel wieder nach oben. Die Bandkollegen Carl-Johan Fogelklou, Daniel Haglund, Patrik Heikinpieti und der eingangs erwähnte Jens Siverstedt schienen sich in Zürich sichtlich wohl zu fühlen. Während Fogelklou gemütlich an die Wand gelehnt Bass spielte, hatte Keyboarder Haglund ein Dauergrinsen auf den Lippen. 

Björn Dixgård mit intensivem Blick bei «Break Us»

Dem getragenen Mr. Moon und dem mittlerweile fünfzehn-jährigen The Band folgte das emotionalste Stück im Set. Nur Björn Dixgård und Keyboarder Daniel Haglund waren auf der Bühne verblieben und stimmten das Stück Break Us an. Die Intensität wurde durch die dramatische Beleuchtung und die ernsten Blicke des Sängers noch verstärkt. Der kämpferische Song ist bestimmt auch als Aufarbeitung der Vergangenheit zu verstehen. Im Mittelteil kehrte der Rest der Band auf die Bühne zurück, um den Titel in Vollbesetzung zu beenden. Dies war sicherlich einer der Höhepunkte des Abends und ein richtiger Gänsehaut-Moment. Gleich zwei weitere neue Stücke folgten mit Voices On The Radio und Watch Me Now. Hier durfte der neue Lead-Gitarrist seine Fähigkeiten bei einem genialen Gitarren-Solo unter Beweis stellen. Seine Finger flogen mit einer Perfektion und Leichtigkeit über die Saiten, dass es eine wahre Freude war, ihm dabei zuzuschauen.

Das Hemd musste weichen.

Mit Down In The Past kamen auch die frühen Mando Diao-Fans wieder auf ihre Kosten. Band und Publikum sang dabei um die Wette. Hier bewiesen sich die Zuschauer als sehr textsicher. Beim später folgenden Gloria war das dann eher weniger der Fall. Dixgård und seine Bandkollegen schienen den Versuch der Zürcher schon fast niedlich zu finden. Einzig das Wort Gloria wurde immer mit voller Inbrunst gesungen, danach verwandelte sich das Ganze in einen unverständlichen Brei. Mit einem Grinsen und den Worten: «Maybe it’s too old for you, maybe it’s too old», zeigte der Sänger Mitleid und setzte wieder mit ein. Der Stimmung tat dies keinen Abbruch – im Gegenteil. Die charmante Reaktion des Frontmanns lockerte die Atmosphäre noch weiter auf. Das träumerische Ochrasy bildete danach den Abschluss des regulären Sets. Auch hier versuchten die Fans eher zurückhaltend den Text mitzusingen und überliessen es lieber den Profis.

Jens Siverstedt nahm bei der Bandvorstellung die Zügel in die Hand.

Bei den Zugaben ging es nach dem eher ruhigeren Child noch einmal richtig zur Sache. Es folgte Shake, welches bereits zum Klassiker geworden ist, obwohl der Titel erst auf dem neusten Album erschienen war. Im Mittelteil übernahm der junge Lead-Gitarrist das Zepter, um die Band vorzustellen. Dabei stellte Jens Siverstedt ein weiteres Talent unter Beweis – er entpuppte sich als der geborene Entertainer. Mit witzigen Ansagen zu jedem Kollegen sorgte er für Lacher und tosenden Applaus. Als krönenden Abschluss hatten sich die Schweden ihren Über-Hit Dance With Somebody aufgespart. In purer Ekstase endete nach gut 95 Minuten bester Unterhaltung das Konzert. Mando Diao verabschiedeten sich und liessen beim Verlassen der Bühne ein wunschlos glückliches Publikum zurück. 

Fazit

Längerfristig hat der Ausstieg von Gustaf Norén der Band gut getan. Mit Good Times haben sie ein tolles neues Album geschaffen und sprühen auf der Bühne wieder vor Spielfreude. Dies war in den letzten Jahren nicht immer der Fall gewesen. Es ist schön zu sehen, dass Mando Diao wieder dort sind, wo sie hingehören.

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