Kettcar in der Kammgarn Schaffhausen:
Es war keiner dieser Zyankalitage

In Reviews by indiespect

Kettcar in Schaffhausen: Vom Norden Deutschlands in den Norden der Schweiz

Mit ihrem neusten Album Ich vs. Wir haben sich die Hamburger Indie-Dinos von Kettcar eindrucksvoll zurückgemeldet. Die grösstenteils politischen Texte haben den Nerv der Zeit getroffen und bescheren der Band derzeit eine beeindruckende Anzahl ausverkaufter Konzerte in ihrem Heimatland. Auch in der Schweiz findet die Formation um Sänger Marcus Wiebusch grossen Anklang. Beim Auftritt in der Kammgarn Schaffhausen war die Lokalität zwar nicht ausverkauft, aber sehr gut gefüllt.

Das Publikum war eine bunte Mischung gut gelaunter Menschen in den verschiedensten Altersgruppen. Die positive Grundstimmung trug einen wichtigen Teil zum speziellen Konzerterlebnis des Abends bei.

Fortuna Ehrenfeld

Mit Schlafanzug und Federboa: Martin Bechler und seine Mitmusiker von Fortuna Ehrenfeld eröffneten den Abend mit viel Charme.

Stimmungsvoller Einstieg mit Fortuna Ehrenfeld

Auch wenn es so klingt, bei Fortuna Ehrenfeld handelt es sich nicht um eine Fussballmannschaft, sondern um die Band des Kölners Martin Bechler. Zusammen mit Jenny Thiele am Keyboard sowie Paul Weissert am Schlagzeug präsentierte er, mit Schlafanzug und Kuschelfinken bekleidet, seine Kunst. Politische Statements, so auch gegen die AfD, fanden vor allem zwischen den Songs statt. So zum Beispiel als er von der Problematik der Werbung sprach, die von ebendieser Partei neben seiner Facebook-Seite erscheint. Rechtlich könne nichts dagegen unternommen werden. Mit den Worten Ich kann immer noch gut Schlafen, auch wenn es ein paar Ratten im Haus hat. Trotzdem: Sollte sich dennoch ein AfD-Sympathisant hierhin verirrt haben: Raus! Fick dich! 

Was Köln und Schaffhausen verbindet, ist die Lage am Rhein. So erzählte er auch von seinem Ausflug zum Rheinfall. Sie seien trotz dem Dauerregen losgezogen, hätten aber den Rheinfall nicht gefunden. Dieses Rinnsal könne ja wohl nicht alles sein, meinte der Musiker mit trockenem Humor. In Köln sei der Rhein schon etwas imposanter. Dafür wäre die Farbe nicht so schön. Der exzentrische Sänger lieferte einen kurzweiligen und sympathischen Auftritt ab, der auch von seinen Zwischenansagen lebte.

Marcus Wiebusch

Bezeichnen sich selbst als Indie-Dinos: Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff von Kettcar

Kettcar: Eine Band, die sich nicht nur als Polit-Punker sieht

Mit Trostbrücke Süd eröffneten die Hamburger den Abend. Die Zuschauer lauschten gebannt. Eine warme und positive Stimmung erfüllte die Kammgarn an diesem verregneten und kalten Montagabend. Mit Hamburger Charme begrüsste Wiebusch das Publikum: Hallo Schaffhausen, alte Lady. Lange ist’s her. Der Sänger war bereits 1995 mit einem anderen musikalischen Projekt in Schaffhausen. Damals trat er im Fasskeller auf, wie er sich noch gut erinnern konnte. Er meinte, dass wohl kaum ein Besucher von damals den Weg in die Kammgarn gefunden hätte.

Kettcar spielten zur Feier des Erfolgs von Ich vs. Wir einige Konzerte, bei welchen das Album in voller Länge präsentiert wurde. In Schaffhausen hingegen wurde es ein bunter Mix aus früheren Songs und dem Erfolgsalbum. So konnte nach den fantastischen und politischen Stücken Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun) sowie Wagenburg ein sogenannter Emo-Block, bestehend aus drei Liebesliedern folgen. Schön zu sehen war auch, dass sich die Band nicht nur als moralische Instanz sieht, sondern die Reduzierung darauf teilweise sogar etwas belächelt. Sie möchten nicht plötzlich als reine Polit-Punker bezeichnet werden. Die Mischung macht den Charme von Kettcar aus. Die politische Meinung wird zwar klar und deutlich formuliert, aber dazwischen bleibt auch Zeit für die Liebe und etwas Mädchenmusik. Das Stück Balu beispielsweise, löse, nach Angabe des Sängers, beim Publikum immer geschlechtsspezifische Reaktionen aus. Den Männern sei es oft etwas zu kitschig. Sie dürften, wenn sie mit einer Frau am Konzert sind, jedoch nichts sagen, weil sonst der Haussegen schief hänge.

Kettcar

Die Lichtshow setzte immer wieder schöne farbliche Akzente

Grand Hotel Van Cleef und der vermeintlich grosszügige Schweizer

Auch Bassist Reimer Bustorff ergriff immer mal wieder das Wort. Beispielsweise als er von den Anfängen des Plattenlabels Grand Hotel van Cleef erzählte, welches er 2002 zusammen mit Marcus Wiebusch und Thees Uhlmann gegründet hat. Dieses hat mittlerweile Musiker wie Olli Schulz, Gisbert zu Knyphausen oder auch Fortuna Ehrenfeld unter Vertrag. Für dieses kleine Indie-Label hätten sie zu Anfangszeiten einen Online-Shop eingerichtet. Als eines Tages die erste Bestellung aus der Schweiz kam, ein Einkauf für 25,80 Euro, freuten sie sich wie Schnitzel, erinnert sich Bustroff. Als sie dann auf dem Konto den Betrag von 2580 Euro gutgeschrieben bekamen, wurde die Freude gar noch grösser und es brach schon fast Feierlaune aus. So grosszügig hätten sie die Schweizer nicht eingeschätzt. Einige Zeit später kam dann leider eine E-Mail, in der die besagte Person mitteilte, er habe das Komma falsch gesetzt. Da wurde die Illusion jäh zerstört, dass alle Schweizer Geld ohne Ende hätten.

Kettcar

Ein Schlafanzug in den vordersten Reihen. Fortuna Ehrenfeld mischte sich gegen Ende unters Volk.

Die Treppe der Kammgarn bietet Besuchern, die nicht so gerne ein ganzes Konzert stehen, die Möglichkeit mit gutem Blick auf die Bühne zu sitzen. Für die erste Zugabe wurden entgegen dem Text, bei dem es heisst Auf den billigen Plätzen – Jetzt mal hinsetzen, die sitzenden Gäste vom Sänger zum Aufstehen animiert. Auch das geschah wieder sehr charmant. Trotz den Worten Also jeder wie er sich fühlt, blieb keiner sitzen. Ein weiteres Highlight folgte mit einem Stück ab Marcus Wiebuschs Solo-Album Konfetti mit dem Titel Der Tag wird kommen. Der Song handelt von der nach wie vor homophoben Haltung im Profi-Fussball und davon, dass es irgendjemand als Erstes schafft, dieses Tabu endlich zu brechen. Bei Ich danke der Acadamy und dem vermeintlich letzten Stück Landungsbrücke raus gesellten sich die Musiker von Fortuna Ehrenfeld in die vorderen Reihen und tanzten ausgelassen mit.

Sogar für eine zweite Zugabe fand die Band noch einmal den Weg auf die Bühne. Mit Den Revolver entsichern verabschiedeten sie sich definitiv vom Publikum. Länger wollten sie nicht auf ihre inoffizielle Afterparty im Tabaco warten. Die Kneipe schien gemäss Nachforschungen von Bustorff der einzige Ort zu sein, der an einem Montag bis drei Uhr geöffnet hat. So tauchten alle Musiker, abgesehen von Marcus Wiebusch, kurze Zeit später an besagtem Ort auf und feierten ihren gelungen Auftritt. Der Sänger musste bestimmt seine Stimme für den Auftritt im Bierhübeli in Bern am darauffolgenden Tag schonen.

Kettcar

Fortuna-Ehrenfeld-Keyboarderin Jenny Thiele als Fangirl zauberte den Musikern von Kettcar ein Lächeln auf die Lippen.

Fazit

Es sind diese Konzerte, die das Herz eines jeden Musikfans höher schlagen lassen. Die perfekte Symbiose aus Band und Publikum. Ein Miteinander im Besten Sinne, ohne Hass und Missgunst. Kettcar schafften es, dass das Publikum in Schaffhausen an diesem Abend mit diesem Gefühl nachhause gingen.

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