Belle and Sebastian zeigen
im Zürcher X-TRA, wie die Menschheit
ihre Probleme lösen kann

In Reviews by indiespect

Nachholtermin nach zwei Jahren

Im November 2015 hätten Belle and Sebastian bereits zwei Konzerte in der Schweiz spielen sollen. Mit ihrem neunten Studioalbum Girls In Peacetime Want To Dance waren Auftritte in Fribourg und Zürich geplant. Leider mussten kurzfristig alle Termine abgesagt werden, weil Sänger Stuart Murdoch erkrankt war. Etwas mehr als zwei Jahre hat es nun gedauert, bis die Schotten zumindest für ein Konzert in die Schweiz zurückkehrten. Gestern spielten die Twee-Pop-Pioniere im Zürcher X-TRA. Musikalisch hat sich in Zwischenzeit auch wieder etwas getan. Bisher sind zwei Teile ihrer EP-Trilogie How To Solve Our Human Problems erschienen.

Pictish Trail: Schottischer Wirbelwind zum Auftakt

Mit Vorbands ist es so eine Sache. Als Konzertbesucher freut man sich nicht immer darauf. Man weiss oft nicht, was einen erwartet und es kann durchaus zu einem Durchhalten werden, bis die Band auftritt, für die man eigentlich gekommen ist. Nicht so bei Pictish Trail. Der ebenfalls aus Schottland stammende Sänger Johnny Lynch überzeugte mit seiner Live-Band mit einem erfrischenden Mix aus Indie-Folk und elektronischen Klängen. Mit seiner Natürlichkeit und seinem Witz hatte er das Publikum im Nu in der Tasche. Er bedankte sich für das frühzeitige Erscheinen. Und tatsächlich war das nicht nur eine Floskel. Das X-TRA war bei seinem Auftritt bereits sehr gut gefüllt. Ein Anspiel-Tipp ist der Track Dead Connection, der die verschiedenen Stile harmonisch vereint (siehe Video).

Belle and Sebastian: Musiker-Rekord auf der Bühne

Die Besetzung der Schotten schwankt seit jeher zwischen sechs und sieben Musikern. Je nach Bühnengrösse kann es da bereits eng werden. Für ihr Konzert in Zürich haben sie jedoch zusätzlich ein lokales Streicher-Quartett sowie einem Trompeter engagiert. Die Gast-Musiker fügten sich perfekt ein und durch ihr Mitwirken entstand ein noch intensiveres Klangerlebnis. Frontmann Stuart Murdoch leidet seit Jahren am Chronischen Erschöpfungssyndrom und musste immer wieder Rückfälle seiner Krankheit überwinden. Die Schübe bremsten den Sänger zu diesen Zeiten komplett aus, sodass er nur noch zuhause liegen und nichts unternehmen konnte. Er verarbeitete dies erstmalig im Song Nobody’s Empire auf der letzten LP. Man kann ihn sich in diesem fragilen Zustand beinahe nicht vorstellen, wenn man das Energiebündel auf der Bühne sieht. Aus jeder Pore tropft die Liebe zur Musik und zu seinen Fans.

Belle and Sebastian

Musiker soweit das Auge reicht: Belle and Sebastian auf der Bühne im Zürcher X-TRA.

Was Belle and Sebastian nebst ihren zahlreichen Bandmitgliedern zusätzlich einzigartig macht, ist die gesangliche Dreierspitze bestehend aus Stuart Murdoch, Stevie Jackson und Sarah Martin. Jeder von ihnen übernimmt bei unterschiedlichen Stücken die Lead-Stimme und jeder bringt eine andere Farbe in die Songs. Aber auch im Zusammenspiel harmonieren die Stimmen hervorragend. Die unbändige Spielfreude haben alle Musiker von Belle and Sebastian gemeinsam. Diese zeigt sich auch in der Auswahl ihrer Titel für die Setlist. Kein Konzertabend gleicht dem anderen. Es wird nicht nur die Reihenfolge gemischt, sondern auch immer wieder andere Songs gespielt. So boten die Schotten auch gestern ein Spektrum aus insgesamt zwölf verschiedenen Veröffentlichungen. Das macht ihnen kaum einer nach.

Stuart Murdoch wagt einen Ausflug ins Publikum.

Spontaneität und Spielfreude: Das Rezept für gute Laune

Auch spontane Interaktionen mit dem Publikum liess die Band aus Glasgow zu. Als jemand zwischen zwei Stücken Love Is In The Air rief, sangen Jackson und Murdoch spontan den halben Song, wobei sie sich textlich aushalfen, wenn einer nicht mehr weiter wusste. Die Band ist seit ihrer Gründung im Jahr 1996 extrem produktiv und hat einen schier unerschöpflichen Fundus an Kompositionen. Daher müssen sie den einen oder anderen Fan enttäuschen, wenn sie seinen Lieblingssong nicht spielen. Aber trotzdem kommt keiner zu kurz. Nebst den wundervollen neuen Titel wie We Were Beautiful, Sweet Dew Lee oder The Same Star fanden auch ältere Publikumslieblinge wie I Want The World To Stop, I Didn’t See It Coming oder Funny Little Frog einen Platz im Set. Ein Happy Birthday für Sarah Martin, welche am gestrigen Abend ihren Geburtstag feierte, durfte natürlich auch nicht fehlen. Zu diesem Anlass überreichte ihr Bandkollege Stuart Murdoch einen Blumenstrauss. Das Zürcher Publikum beschenkte er immer wieder mit Geschichten und Anekdoten. So erzählte er beispielsweise von den Schwierigkeiten bei der Einreise. Sie seien sechs Stunden an der Grenze aufgehalten worden, bevor sie endlich weiterfahren durften. Normalerweise würden sie immer ein Erinnerungsfoto in der Stadt machen, die sie gerade besuchten. Bei Zürich sei dies unter diesen Umständen leider nicht möglich gewesen.

Für «The Boy With The Arab Strap» holten sich Belle and Sebastian Fans auf die Bühne.

Auf einen Tanz mit Stuart Murdoch

Für The Boy With The Arab Strap holte sich Murdoch traditionsgemäss tanzwillige Fans auf die Bühne, die den letzten freien Platz noch ausfüllen durften. Scheinbar haben es die Schotten gerne kuschelig eng und brauchen nicht viel Freiraum für sich selbst. Für den letzten Part des Song suchte er sich den Weg ins Publikum, um von dort die strahlenden Gesichter auf der Bühne zu sehen. Als letzten Titel im regulären Set, wählten sie den auf dem Debüt-Album Tigermilk (1996) erschienenen Song My Wandering Days Are Over. Natürlich liessen sie ihre Fans nicht bereits hängen und kehrten nach tosendem Applaus wieder auf die Bühne zurück. Die weiblichen Zuschauer wurden nach Songwünschen für die Zugabe gefragt. Mit der Auswahl schienen alle glücklich zu sein. Erst ging es mit The Party Line in die Disco, bevor I’m a Cuckoo das Konzert endgültig abschloss. Mit einer Melodie im Kopf und einem warmen Gefühl im Herzen verliessen die glücklichen Fans den Club am Limmatplatz.

Fazit

Belle and Sebastian machen glücklich. Ihre Musik scheint auch gleich die Antwort auf die Frage How To Solve Our Human Problems zu sein. Mit ihrer Leidenschaft und Hingabe schaffen sie es, ein völlig entspanntes Gefühl herzustellen und durch ihre Songs die Menschen nachhaltig zufriedener und lebensfroher zu machen.

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