Franz Ferdinand in der Halle 622:
Aus vier mach fünf

In Reviewsby indiespect

Franz Ferdinand: Gestärkte Rückkehr nach Kollaboration mit Sparks.

2015 waren Franz Ferdinand zum letzten Mal für eine Clubshow in der Schweiz. Damals spielten sie zusammen mit den US-amerikanischen Synth-Pop-Urgesteinen Sparks unter dem Namen FFS ein Konzert im Zürcher X-TRA (zum Konzertbericht mit Interview). Damals gab es zwar auch einige Songs der Schotten zu hören, aber ein Grossteil der Tracks stammte vom selbstbetitelten Kollaborations-Album FFS. Der Name kann sowohl für Franz Ferdinand und Sparks, als auch für For Fuck’s Sake stehen. Kurz nach der Tour mit den Mael-Brüdern verliess Gründungsmitglied Nick McCarthy die Band, um mehr Zeit für seine Familie und seine Kinder zu haben. Das war ein grosser Schock für die Fans. Die Band selbst konnte sich psychisch längere Zeit darauf einstellen, denn bereits vor der FFS-Tour war klar, dass der Gitarrist nach jenen Konzerten Franz Ferdinand verlassen würde.

Neue Besetzung, neues Glück

Schnell war entschieden, dass es weitergehen würde. Die drei verbleibenden Mitglieder Alex Kapranos, Bob Hardy und Paul Thomson brauchten kaum Bedenkzeit. Auch an neuem Material schrieben sie zunächst als Trio. In der Demo-Phase fanden sie mit Julian Corrie ein neues Mitglied. Corrie ist in der schottischen Musikszene kein Unbekannter. Unter dem Pseudonym Miaoux Miaoux war er für bekannte Remixe von Bands wie Belle and Sebastian oder CHVRCHES verantwortlich. Der aus der elektronischen Musik kommende Musiker sorgte bei der Glasgower Indie-Band für einen spürbaren Verjüngungseffekt. Mit Dino Bardot wurde zudem an der Lead-Gitarre ein Ersatz gefunden. Zusammen mit Corrie komplettierte er die Besetzung von Franz Ferdinand. Im Februar ist das erste Album seit dem Ausstieg von McCarthy erschienen. Das fünfte Studioalbum mit dem Titel Always Ascending ist futuristischer und beatlastiger als die Vorgänger, ohne dabei den typischen Franz-Ferdinand-Sound zu verlieren. Aktuell ist das Quintett auf grosser Tour und machte gestern einen Zwischenstopp in der Halle 622 in Zürich. Nach ihrer letzten eigenen Clubshow im X-TRA, im April 2014, steigerten sie gar die Kapazität um das Dreifache. Sie gehören also definitiv noch nicht zum alten Eisen.

Crimer

Hat den Mittelscheitel als Erkennungsmerkmal verloren – der Tanzstil verrät ihn jedoch trotzdem noch: CRIMER als Support für Franz Ferdinand

Tanzwütiger Support von CRIMER

Normalerweise zeigt sich Schlagzeuger Paul Thomson für die Auswahl der Support-Acts verantwortlich. Da die Band jedoch so sehr mit der Promotion des neuen Albums beschäftigt war, überliess er dies den lokalen Veranstaltern. So kam das Zürcher Publikum in den Genuss von CRIMER. Am Rheintaler kommt derzeit niemand vorbei. Mit seinem 80s-Revival begeistert er alle Altersgruppen. Zwar hat er seit dem Video zum Song Hours seinen unverkennbaren Mittelscheitel verloren, aber seine Tanzwut ist geblieben. Ausdruckstanz in seiner schönsten Form untermalt auch in der Halle 622 die Titel wie Brotherlove oder Cards. Zwar tritt der Sänger mit zwei Musikern auf, doch diese verblassen etwas neben seiner Strahlkraft. Selbst Franz-Ferdinand-Sänger Alex Kapranos scheint Gefallen am Schweizer gefunden zu haben. Später bei seinem Konzert bedankt er sich für das fantastische Opening, was bei Bands in der Liga von Franz Ferdinand Seltenheitswert hat.

Franz Ferdinand

Lazy Boy mit einem Lächeln im Gesicht: Alex Kapranos beim Konzert in der Halle 622

Franz Ferdinand: Gospel-Disco meets Indie-Rock

Die Schotten um ihren charismatischen Frontmann Alex Kapranos betreten pünktlich um 21 Uhr die Bühne der Halle 622. Elegant in schwarz gekleidet und mit blonder Mähne zieht er die Fans sofort in seinen Bann. Ohne viele Worte strahlt Kapranos eine Aura aus, von der so mancher Frontmann nur träumen kann. Eröffnet wird der Abend mit dem Titeltrack Always Ascending, inklusive ausgedehntem Intro. Auch wenn Teile des neuen Albums elektronischer daher kommen, so wurden während den Aufnahmen nie Sequenzierer oder ähnliche Hilfsmittel verwendet. Jeder Beat wird von den Musikern live gespielt. Das sorgt auch auf der Bühne für einen bombastischen Sound. Bereits nach der ersten Nummer folgt mit Walk Away ein Klassiker aus einer anderen Ära von Franz Ferdinand. Zur Blütezeit des Indie-Rock feierten die Schotten mit Songs wie diesem für grosse Erfolge.

Bereits beim dritten Album Tonight von 2009 experimentierte die Band mit elektronischen Klängen. So auch beim nächsten Stück Lucid Dreams, welches auf dem Album ein beinahe schon hypnotisches Outro besitzt. So stellen Franz Ferdinand bereits bei den ersten drei Stücken ihr musikalisches Spektrum zur Schau. Anstatt sich nostalgisch am klassischen Indie-Rock der 00er-Jahre festzuhalten, entwicklen sie sich beständig weiter.

Machen auch in schwarz-weiss eine gute Figur: Franz Ferdinand

Lazy Boy und Glimpse of Love sind zwei weitere neue Songs, die ihren Weg ins Set finden. Ersterer sei durchaus autobiografisch, verriet Alex Kapranos in einem Interview. Er habe den Song geschrieben, als er faul auf dem Bett seiner Freundin lag, während diese schon längst bei der Arbeit war. Die Vorteile eines Rockstar-Daseins. Das neue Material wird schön zwischen Klassikern wie No You Girls oder The Dark Of The Matinée eingestreut . Der neue musikalische Einfluss ist auch bei den alten Stücken spürbar. Es wird mit ihnen experimentiert, ohne dabei den Original-Charakter zu zerstören.

Superman’s Freundin Lois Lane ist das Thema des nächsten Tracks. Es geht um die starke Frau hinter dem Superhelden, die eigentlich der heimliche Held in der Geschichte ist. Einen weiteren Kracher jeder Indie-Party folgt mit Do You Want To. Kapranos vollführt noch immer seine eleganten Sprünge und dreht Pirouetten wie früher. Seine Bewegungsabläufe sind eine Mischung zwischen Rock-Attitüde und Theatralik. Man kann sich den Sänger auch gut auf einer Theaterbühne vorstellen.

FaceTime

Through liquid crystal we look at the world. Ganz im Sinne von «The Acadamy Award» zeigte ein Vater seiner Tochter das ganze Konzert via Face Time

Through liquid crystal we look at the worldThe Academy Award – Franz Ferdinand

Der Titel The Academy Award findet an diesem Abend zwar keinen Platz im Set, seine Aussage aber sehr wohl. Während einem grossen Teil des Konzertes streckt ein Herr in den Vierzigern sein Smartphone in die Luft. Darauf zu sehen ist eine junge Dame – wahrscheinlich seine Tochter. Via FaceTime lässt er sie am Konzert teilhaben – ganz ohne Scham. Die Besucher neben ihm schütteln zwar den Kopf, sagen aber nichts. Die Szenerie ist wirklich absurd. 

Aber wieder zurück auf die Bühne: Slow Don’t Kill Me Slow ist der letzte Songs des neuen Albums und es überrascht, dass auch er live gespielt wird. Normalerweise werden solche Stücke in Live-Sets etwas vernachlässigt. Mit etwas ruhigeren Tönen und langsamerem Tempo sorgt er für die verdiente Verschnaufpause. Anders als bei Konzerten von Teenie-Stars halten an dieser Stelle die Fans noch richtige Feuerzeuge in die Luft. Es fällt auf, wie viel wärmer dieses Licht wirkt. Der Track soll wohl nicht nur Erholung für den vorausgehenden Song, sondern auch für den darauffolgenden bringen. Take Me Out lässt die Fans in der Halle 622 springen. Mindestens den Refrain kann jeder mitsingen, der nur das kleinste Interesse an diesem Genre hat.

Franz Ferdinand

Pastor Alex Kapranos

Jetzt wird es bei Feel The Love Go noch einmal richtig elektronisch. Wie ein Pastor fragt Kapranos die Zuschauer immer wieder aufs Neue Can you feel the love, Zurich? Fast so wie er im sehr abgedrehten Musikvideo zum Song als eine Art Guru seinen Jüngern. die Sinne vernebelt. Auf Disco folgt Rock. Mit Love Illumination sind Franz Ferdinand auf dem 2013 erschienenen Album Right Thoughts, Right Thoughts, Right Action noch einmal zu ihren musikalischen Wurzlen zurückgekehrt. Dank Julian Corrie am Keyboard wird anschliessend Ulysses noch mächtiger. Die prägnanten Stellen im Song hatte Nick McCarthy seinerzeit eher etwas zurückhaltender gespielt.

Zugaben, Zugaben, Zugaben

Die Band lässt sich nicht lange bitten, um für einige Zugaben noch einmal alles aus den Instrumenten zu holen. Die Worte Step out, step out of our cages läuten die letzte Phase des Konzerts ein. Paper Cages hat mit seinem grooving Klavier-Rhythmus einen extrem hohen Coolness-Faktor. Natürlich muss es in diesem Block auch noch einmal um eine Frau gehen. Mit Jacqueline schöpfen Franz Ferdinand noch einmal aus den Vollen, bevor sie bei Huck & Jim den Amerikanern den NHS (National Health Service) näherbringen wollen. Kapranos ist extrem stolz auf das neue Stück, weil er nun in jedem Interview erzählen kann, wie gut er das Gesundheitssystem findet, welches ihm bei seiner Asthma-Erkrankung eine grosse Hilfe gewesen war. Zum Abschluss wird die Halle komplett abgerissen. Bei This Fire wird sogar der anständigste Bürger zum Rebell, wenn er We’re going to burn this city schreit. 

Franz Ferdinand

Gentlemen durch und durch. Zur Verabschiedung gibt es eine tiefe Verbeugung.

Fazit

Franz Ferdinand haben sich nach dem Ausstieg von Nick McCarthy wieder gefunden. Mit ihren beiden neuen Mitgliedern haben sie neue Einflüsse zugelassen. Bewusst wollten sie keine Session-Musiker, sondern Persönlichkeiten, die ihren eigenen Stil einfliessen lassen. Daraus ist mit Always Ascending ein frisches Album entstanden, dass die Schotten in die Zukunft führt und sie nicht nur die glorreiche Vergangenheit zelebrieren lässt.