Paul Thomson von Franz Ferdinand:
Der Schlagzeuger im Interview

In Interviewsby indiespect

Vor dem Konzert von Franz Ferdinand in der Halle 622 in Zürich, am 11. März, hatte ich die Möglichkeit mit Schlagzeuger Paul Thomson zu sprechen. Unter anderem erzählte er woher der neue Sound von «Always Ascending» kommt und wie Schottisch die Band wirklich ist. 

Franz Ferdinand sind:

Alex Kapranos (Gesang, Gitarre)
Dino Bardot (Gitarre) 
Bob Hardy (Bass) 
Paul Thomson (Schlagzeug)
Julian Corrie (Keys)

Indiespect: Am Freitag habt ihr euer letztes Konzert in Prag gespielt. Das heisst ihr hattet gestern einen freien Tag. Was habt ihr gemacht?

Paul Thomson: Wir sind gestern Morgen um ungefähr 10 Uhr hier angekommen. Aber wir haben noch im Tourbus geschlafen. Ich wurde wachgerüttelt, weil der Bus an einem Ort parkte, wo es nicht erlaubt war. Ich hatte einen wirklich schrägen Traum. Deshalb war ich für eine Weile etwas von der Rolle. Ich glaube wir waren technisch gesehen nicht wirklich in Zürich, sondern etwas ausserhalb.

Indiespect: Welche Art Traum war das denn, wenn ich fragen darf?

Paul: Es war ein Angst-Traum, der von meinen Katzen handelte. Ich glaube das Tourleben ist ziemlich intensiv und ich war seit einer Weile nicht mehr zuhause. Manchmal manifestieren sich deine Ängste in solchen Situationen in deinen Träumen.

Indiespect: Wann bist du denn zum nächsten Mal zuhause?

Paul: Wir sind jetzt noch einmal zwei Wochen auf Tour. Danach kehren wir für einige Wochen nachhause zurück, bevor es für sechs Wochen in die USA geht. In der Mitte spielen wir noch in Mexiko, das wird sich auch wie eine Art Pause anfühlen. Denn in den USA sind sich viele Städte ziemlich ähnlich.

Indiespect: Ihr habt euer neues Album «Always Ascending» in Februar veröffentlicht. Auch wenn es elektronischer ist, habt ihr trotzdem alles live eingespielt. Ist das richtig?

Paul: Ja, alles wurde live gespielt. Es wurde alles in Echtzeit bei richtigen Menschen gespielt. Keine der Teile wurden sequenziert. Alle Rhythmus-Teile habe ich zuerst eingespielt. Alles andere wurde dann darauf aufgebaut.

Franz Ferdinand

Paul Thomson und seine Band-Kollegen in Action, in der Halle 622 in Zürich.

Indiespect: Man spürt noch etwas den FFS-Vibe auf diesem Album.

Paul: Ich glaube das tut man. Das war die letzte Platte, die wir aufgenommen haben. Wir waren auch im selben Studio. Und sie ist unter ähnlichen Bedingungen entstanden. Das FFS-Album haben wir sehr schnell aufgenommen. Wir arbeiteten über längere Zeit daran und haben dann die Songs geübt. Als wir im Studio waren, ging alles sehr schnell. Wir haben diese Erfahrung sehr genossen. Sie stand im Gegensatz zu den Aufnahmen unserer letzen beiden Alben. Also dachten wir, dass wir es wieder so machen möchten. Wir haben viel Zeit damit verbracht die Songs zu schreiben und zu arrangieren. Danach haben wir gelernt, sie als Band zu spielen. Als wir ins Studio gingen, nahmen wir die Hauptteile in nur ungefähr sechs Tagen auf.

Indiespect: Zu welchem Zeitpunkt des Arbeitsprozesses sind die neuen Mitglieder zur Band gestossen? Hattet ihr bereits Demos von allen Songs?

Paul: Ja, wir hatten bereits ziemlich gut klingende Studio-Demos. Wir waren in Alex’s Studio, in welchem wir auch einen Grossteil des zweiten Albums gemacht haben. Anschliessend wollte uns unser Produzent Phillipe (Zdar) aus der Umgebung lösen, in der wir alle Songs über ein Jahr hinweg geschrieben hatten. Er wollte uns in eine Hauptstadt bringen, um das Gefühl dieser Stadt zu spüren. Das frischt alles noch einmal etwas auf.

Indiespect: Hat sich euer Sound noch einmal verändert, als im Speziellen Julian Corrie zur Band stiess?

Paul: Oh ja! Wenn du dir die originale Demo-Version von Feel The Love Go anhörst und dann mit der aufgenommenen Version vergleichst, würdest du die Entwicklung hören. Und du würdest die unterschiedlichen Persönlichkeiten spüren, die ihre DNA eingeprägt haben. Julians Einstieg war ein grosses Ding für uns. Für eine Weile waren wir nur zu dritt am Schreibprozess beteiligt. Dieser Prozess hat sich massiv beschleunigt als Julian zur Band kam. Er hat sehr viel Energie und er weiss, was er tut. Er ist Ton-Ingenieur und ein eingefleischter Musiker.

Indiespect: Ich habe gehört, dass er sehr schnell gelernt hat, eure Songs zu spielen. Habt ihr «Always Ascending» zum ersten Mal mit ihm gespielt?

Paul: Wir hatten ungefähr die Hälfte von Always Ascending geschrieben. Wir waren bereits fertig mit dem Intro, das ja auch der Grundstein des Songs ist. Zudem dauert es ungefähr das halbe Lied. Danach stagnierte es und wir wussten nicht mehr wirklich weiter. Die zweite Hälfte stellten wir erst fertig, als Julian schon dabei war. Wir hatten immer noch grosse Lücken im Song. Wir wussten einfach, dass wir einen Unterbruch haben wollten. Deshalb haben wir komplette Stille ins Arrangement eingefügt. Diese musste ich dann ausfüllen. Danach mussten wir das Stück so lernen zu spielen, dass es flüssig war und eine menschlicher Charakter erhielt.

Zusammen auf Tour mit Sparks unter dem Namen «FFS». Das Foto stammt vom Auftritt im X-TRA Zürich in 2015.

Indiespect: Für «Feel The Love Go» und «Always Ascending» habt ihr zusätzlich gekürzte Versionen ohne die Intros veröffentlicht. Wieso das?

Paul: Das ist fürs Radio. Das Label wollte, das wir das machen. Und wenn du für Fernsehauftritte angefragt wirst, bekommst du zwei Minuten und vierzig Sekunden Zeit. Also mussten wir zurück in den Proberaum und uns überlegen, welche Teile wir weglassen können, um eine neue Version zu arrangieren.

Indiespect: Ist das nicht etwas frustrierend? Wie du sagtest, ist das Intro bei «Always Ascending» ein wichtiger Teil des Songs, den ihr für die Radio-Version komplett weglassen musstet.

Paul: Ein bisschen schon. Aber wir kriegen es hin, dass es immer noch flüssig ist und uns Spass macht zu spielen. Es ist einfach eine neue Herausforderung. Seit Beginn haben wir versucht Songs unter drei Minuten zu machen. Jetzt sind wir bei manchen bei fünf bis sechs Minuten angekommen. Das zeigt auf, wie wir uns weiterentwickeln. Vielleicht haben wir einfach mehr zu sagen.

They’re all so arty: Franz Ferdinand Videoclips sind niemals langweilig.

Indiespect: Alex hat erzählt, dass nachdem NickMcCarthy die Band verlassen hat, du derjenige seist, der am meisten an fremden Sprachen interessiert ist. Stimmt das, oder war das nur ein Witz?

Paul: Sprachen? Nein, ich schäme mich es zu gestehen. Meine Aufnahmefähigkeit für fremde Sprachen ist sehr klein. Das ist auch ein bisschen eine britische Krankheit. Ich fühle mich wie ein totaler Ignorant, wenn ich in anderen Ländern bin und deren Sprachen nicht sprechen kann. Ich gebe mir Mühe die rudimentärsten Phrasen und Sätze zu lernen, um durchzukommen. Die anderen sprechen etwas Französisch. Wir haben das halbe Album in Paris aufgenommen. Alle Gesangs-Parts und das Mixing wurden dort gemacht. Wir haben also viel Zeit in Frankreich verbracht. Ich glaube Alex beherrscht mehr als nur rudimentäres Französisch.

Indiespect: Wie kamst du auf die Idee einen Song in Deutsch zu singen? Ihr habt eine deutsche Version von «Tell Her Tonight» als B-Seite eurer Single «Michael» aufgenommen.

Paul: Das war zu einer Zeit, als das Label noch B-Seiten forderte. Diese haben wir jeweils sehr schnell geschrieben. Der Instrumental-Part von Tell Her Tonight war von einer fehlgeschlagenen Version, die wir mit einem Produzenten Tore Johansson gemacht haben. Er hat damals unser erstes Album aufgenommen. Wir mochten sie nicht und haben uns deshalb entschieden, sie neu im Stil unserer Demo-Version aufzunehmen, die wir in Glasgow gemacht hatten. Tore hat diese dann in Schweden, in Malmö gemixt. Wir hatten also diese alte Instrumental-Version als wir zu dieser Zeit in Hamburg aufnahmen. Deshalb sagten wir uns: Okay, lasst es uns in Deutsch machen. Und ich sagte: Oh, ich werde es singen. Also hat Nick den Text für mich übersetzt und alles in phonetischer Schrift aufgeschrieben, damit ich es singen konnte.

Paul sings «Tell her Tonight» in German.

Indiespect: Wenn du das als deutschsprachige Person lesen würdest, könntest du wahrscheinlich kaum verstehen, was all diese Wörter bedeuten.

Paul: Ja. Für mich sah es auch nur wie ein absurdes phonetisches Gedicht aus.

Indiespect: Also hast du den Text nie auswendig gelernt?

Paul: Ich habe nur vom Blatt abgelesen. Ich meine, ich hätte es tun können. Zu dieser Zeit hörte ich eine Menge deutschsprachiger Musik. Viel Neue Deutsche Welle, zum Beispiel DAF. Ich schnappte also immer wieder ein bisschen auf, aber nie genug, um wirklich mit jemandem Deutsch sprechen zu können.

Die aktuelle Besetzung von Franz Ferdinand.

Indiespect: Franz Ferdinand ist als Band aus Glasgow bekannt. Ihr habt euch zwar alle dort getroffen, aber ihr seid ursprünglich nicht alle aus Schottland, oder?

Paul: Nein. In meinem sozialen Umfeld gibt es tatsächlich niemanden, der in Glasgow zur Welt kam. So ist es auch in London. In Musik- und Kunst-Kreisen triffst du nie jemanden, der effektiv aus London kommt. Alle siedeln nach London oder Glasgow um, um das Ansehen zu erhalten, in einer dieser Kunststädte studiert zu haben. Ich glaube es ist auch eine guten Stadt für Musik-Clubs. Daft Punk‘s erste Single erschien bei einem Label aus Glasgow. Und dann gibt es da die ganzen Orange Juice-, Josef K- und Postcard-Szene (Plattenlabel). Josef K war zwar eigentlich aus Edinburgh aber das Label hatte seinen Sitz in Glasgow. Weiter geht es mit Teenage Fanclub, Mogwai etc. Deshalb ist Bob von Yorkshire nach Glasgow gezogen. Er war ein riesiger Fan von Belle and Sebastian und Mogwai. Er wollte also da studieren, um etwas davon zu kriegen, was sie hatten.

Indiespect: Heisst das er würde lieber Musik im Stil von «Belle and Sebastian» machen?

Paul: Ich gluabe, das würde er tatsächlich, ja. Oder Mogwai. (lacht)

Indiespect: Ich habe das gefragt, weil du denn markantesten schottischen Akzent innerhalb der Band hast.

Paul: Ja, ich habe einen merkwürdigen Akzent. Ich bin in Edinburgh aufgewachsen. Deshalb habe ich Einflüsse sowohl von der Ost- als auch der West-Küste.

Indiespect: Das ist also der Akzent, den wir in der Original-Version von Braveheart hören?

Paul: Das ist Mel Gibson, der Australier ist und vorgibt Schotte zu sein. Und er tut es wirklich sehr sehr schlecht (lacht). Es ist dasselbe bei der Original-Version des Disney-Films Greyfriars Bobby. Keiner der Personen ist Schotte. Alle geben es nur vor zu sein. Sogar in Trainspotting ist es so. Jonny Lee Miller ist eigentlich Engländer. Ewan McGregor ist wirklich Schotte, das ist sein echter Akzent. Auch der harte Kerl Begbie – Robert Carlyle – ist Schotte. Er ist sogar aus Glasgow.

404 – gateway not found
My wife is such a fanThe Academy Award von Franz Ferdinand

Indiespect: Kennst du euern heutigen Support-Act, CRIMER?

Paul: Nein. Normalerweise erhalte ich die Aufgabe Vorbands auszuwählen. Im Moment haben wir aber so viel mit der Promo fürs neue Album zu tun, dass ich keine Gelegenheit hatte, mir Bands aus Zürich anzuhören. Also haben wir das den Promotern überlassen.

Indiespect: Sie haben einen guten Job gemacht.

Paul: Na, das ist doch gut! Wir hatten einige schräge Acts darunter. Wie heisst er nochmal? CRIMER? Ich werde ihn mir definitiv anschauen.

Indiespect: Zum Ende des Interviews noch eine Frage. Welche ist deine liebste Textzeile aus einem Franz Ferdinand Song?

Paul: Eine Textzeile? Ich glaube mein Favorit ist von The Academy Award. Es sind viele zusammenhangslose Worte, die zusammengefügt wurden. Er macht einen Verweis zu 404 – gateway not found und dann my wife is such a fan, was aus Columbo stammt. Ich mag unlogische Texte, die zusammen etwas bedeuten.