Warhaus im Salzhaus Winterthur: Ein Universum zwischen Dunkelheit und Liebe

In Reviews by indiespect

Warhaus bringen die Melancholie des Herbst ins frühlingshafte Winterthur

Aktuell gehen die beiden Leadsänger der belgischen Indie-Band Balthazar getrennte Wege. Mit ihren Solo-Projekten sind sie zeitgleich auf Tour. Dabei spielen sie teilweise innert weniger als zwei Wochen in der gleichen Location. So auch im Salzhaus in Winterthur. Gestern war die Bariton-Stimme von Balthazar mit seinem Projekt Warhaus für ein exklusives Konzert zu Gast. Maarten Devoldere hat im letzten Jahr zum Unmut seines Labels ein zweites Soloalbum veröffentlicht, anstatt wie geplant mit Balthazar an Album Nummer vier zu arbeiten. Aber es hatte sich schlicht zu viel Material angesammelt, das an die Öffentlichkeit wollte. Doch trotzdem werden die derzeit stattfindenden Warhaus-Shows, die letzten für eine ganze Weile sein. Denn anschliessend werden er und sein Gesangskollege Jinte Deprez sich wieder vollständig auf ihre Hauptband konzentrieren.

Warhaus

Trägt Mantel im Frühling: Maarten Devoldere von Warhaus.

Mehr als nur ein Hauch von Balthazar

Auf seinen beiden Warhaus-Studioalben wird Devoldere von seiner Muse Sylvie Kreusch unterstützt. Die beiden singen bei praktisch jedem Stück im Duett. Doch um die magische Verbindung nicht zu zerstören, ist die Sängerin nur selten bei Live-Auftritten zugegen. Stattdessen werden ihre Parts von männlichen Band-Mitgliedern übernommen – und das mit beeindruckender Präzision. Mit Michiel Balcaen ist am Schlagzeug sogar ein Balthazar-Mitglied bei Live-Konzerten von Warhaus mit von der Partie. Weil der eigentliche Bassist verhindert ist, springt mit Simon Casier gleich noch einmal ein Mitglied der Genter Band ein. Nachdem vor Kurzem der Ausstieg von Violinistin und Gründungsmitglied Patricia Vanneste bekannt gegeben wurde, fehlt somit an diesem Abend nur Jinte Deprez. Der zweite Sänger würde Balthazar komplett machen. Doch er wird erst am 1. Mai mit seinem Soloprojekt J. Bernardt auf derselben Bühne stehen.

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Bläser-Klänge gehören ins Warhaus- und Balthazar-Universum.

Maarten Devoldere gefällt es zu leiden

Um 21.15 betritt die Band um Maarten Devoldere die Bühne im Salzhaus. Es ist noch immer etwas ungewohnt, dass einem von keinen Säulen mehr die Sicht versperrt wird. Der Blondschopf ist in einem langen schwarzen Mantel gekleidet. Nicht gerade das Outfit, das den derzeit herrschenden frühlingshaften Temperaturen entspricht. Im Gespräch vor dem Auftritt verriet Devoldere auch, warum er sich das selbst antut. Er leidet gerne auf der Bühne. Und er mag es, wenn ihm der Schweiss in die Augen tropft. Nur so fühlt es sich für ihn richtig echt an. Im Gegensatz dazu, sitzt Balcaen ohne Schuhe, nur in weissen Socken, an seinem Schlagzeug. Mit Well Well legen die vier Herren sanft los. Sofort legt sich der mystische Klangteppich, der aus Devolderes Bariton-Stimme erzeugt wird, über den gesamten Raum.

Wie ein Boxer tanzt sich der Frontmann am Mikrofon in Rage. Immer wieder schreitet er wie ein wildes Tier von einem Ende der Bühne zum anderen und animiert das Publikm. Wenn er zwischen den Songs nicht mit trockenem Humor in seinen Ansagen unterhalten würde, könnte man ihn beinahe für etwas verrückt halten. Bevor er mit Against The Rich, seine Hymne gegen die Reichen und das Establishment singt, fragt er nach anwesenden Bankern. Fast entschuldigend fügt er an, dass er es in der Schweiz einfach nicht lassen könne, diese Frage zu stellen.

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Dieser Moment gehört nur ihm alleine: Maarten Devoldere singt «Kreusch»

Intimität bei der Huldigung seiner Muse

Alle Musiker verlassen die Bühne, nur Maarten Devoldere bleibt zurück. Er kündigt einen sehr intimen Song an und lässt mit einem Augenzwinkern verlauten: I’m gonna ask you in a very polite Belgian way to shut the fuck up. Dieser Aufforderung wird sofort Folge geleistet. Gebannt lauscht das Publikum Kreusch, dem Stück das er eigens für seine Inspirationsquelle Sylvie Kreusch geschrieben hat. Es klingt wie eine Beziehung mit einer zerstörerischen Kraft, von der er trotzdem zehrt und sich nicht lösen kann.

I’m gonna ask you in a very polite Belgian way to shut the fuck upMaaren Devoldere, Warhaus

Mit ebendieser Sylvie Kreusch singt Devoldere auf dem 2017 erschienenen Album das Duett Love’s A Stranger. Es ist eines der Highlights auf der zweiten Veröffentlichung von Warhaus. Die knisternde Chemie zwischen den beiden Sängern ist förmlich spürbar. Diese können die zwei Mitmusiker auf der Bühne zwar nicht erzeugen, aber sie machen ihren Job gesanglich sehr gut. Mit Here I Stand präsentiert der Belgier eine eigenwillige Komposition, welche noch unveröffentlicht ist. Warhaus ist definitiv kein Mainstream, sondern bewegt sich im eigenen Universum. Das zeigen auch ausgedehnte Instrumental-Einlagen, die man sonst eher bei experimentellem Jazz erwarten würde. Weitere Highlights sind das grossartige Machinery, ab dem Debütalbum We Fucked A Flame Into Being und Mad World. Letzteres hat ausser dem Titel nichts mit dem Tears For Fears-Klassiker gemeinsam.

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Wie ein Prediger auf den Knien singt Devoldere für seine Fans.

Verrückt wird Devoldere bei diesem Stück aber definitiv. Wie mit einem Speer stösst er mit dem Mikrofonständer über die Köpfe der Zuschauer und wirft ihn anschliessend unsanft zu Boden. Als er ihn kurze Zeit später wieder aufheben möchte, bemerkt er dessen desolaten Zustand und lässt das unbrauchbare Hilfsmittel kurzerhand über die ganze Bühne hinter den Vorhang schlittern. Die Band verlässt vor einer Zugabe kurz die Bühne. Diese Zeit wird vom Tour-Manager in Windeseile genutzt, um einen intakten Ersatz bereitzustellen. Bei seiner Rückkehr macht Devoldere grosse Augen, als hätte er es mit Magie zu tun. Jetzt wird es wohl sogar ihm im dicken Mantel zu heiss. Für die letzten Minuten muss er sich dessen doch noch entledigen. Ohne erneute Zerstörung des Mikrofonständers verabschieden sich Warhaus mit dem Titel Fall In Love stimmungsvoll vom Salzhaus Winterthur.

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Das Hemd gibt es erst ganz zum Schluss zu sehen.

Fazit

Warhaus haben eine düstere Ausstrahlung. Gleichzeitig wirken sie niemals niederschmetternd oder verzweifelt. Es ist die Sorte von Melancholie, in die man gerne eintaucht. Es ist sicher spannend zu sehen, inwiefern die beiden Solo-Karrieren von Maarten Devoldere und Jinte Dezprez den Sound des neuen Balthazar-Albums beeinflussen werden. Egal in welcher Konstellation, die Belgier sind immer einen Konzertbesuch wert.