We Are Scientists im Werk 21:
Die Formel der Glückseligkeit im Dynamo Zürich

In Reviewsby indiespect

We Are Scientists: Das Konzert beginnt beim Merchandise

Ein Konzert von We Are Scientists beginnt nicht erst auf der Bühne. Das zeigt sich auch bei ihrem Konzert am Montag im Dynamo Werk 21 in Zürich. Empfangen wird man vom Sänger Keith Murray und Bassist Chris Cain am Merch-Tisch. Statt die Artikel nur mit den Preisen zu versehen, werden diese humoristisch umschrieben. So steht bei den T-Shirts beispielsweise high quality garbage bag for your body, zu Deutsch: qualitativ hochwertige Müllsäcke für deinen Körper. Mit ähnlichen witzigen Texten werden auch Poster und Alben der Band angepriesen. Als Support lässt die New Yorker Indie-Band immer lokale Acts auftreten. An diesem sommerlichen Abend sind dies Them Fleurs.

Them Fleurs

Them Fleurs sorgen für einen stimmungsvollen Auftakt.

Them Fleurs: Viel Leidenschaft zwischen Indie-Pop und Rock

Zwar ist der Showbeginn auf 20 Uhr festgelegt. Da aber wunderbar sommerliche Temperaturen herrschen, verweilen die Besucher noch etwas länger am Limmat-Ufer direkt vor dem Dynamo. Ungefähr eine halbe Stunde nach dem festgesetzten Start schlendert einer nach dem anderen ins Werk 21 und Them Fleurs betreten die Bühne. Mit Musik zwischen gefühlvoller Sanftheit und leidenschaftlichen Gitarrensoli überzeugt die Band bei ihrem Auftritt. Mit kurzen Ansagen in charmantem Walliser-Dialekt sammelt Sänger Samuel Schnydrig zusätzliche Sympathiepunkte. Nach einem kurzweiligen Set verabschieden sich die Musiker, um direkt im Anschluss mit den Fans am Merch-Tisch ein Bierchen zu leeren und die Musik an den Mann und die Frau zu bringen.

We Are Scientists

Keith Murray von We Are Scientists prüft noch einmal alle Einstellungen vor dem Auftritt.

We Are Scientists: Eine Band und ihre Liebe zu Katzen

Die New Yorker sind bereits Urgesteine des Indie-Rock. Nach ihrer Gründung im Jahr 2000 brachten sie mit Safety, Fun, and Learning (In That Order) 2002 in Eigenregie eine erste Sammlung an Songs heraus. Diese wurde jedoch bei keinem Label veröffentlicht und ist daher der Öffentlichkeit nicht wirklich bekannt. Richtig los ging es mit With Love and Squalor im Jahr 2006. Noch immer finden sich im Live-Set zahlreiche Songs von diesem Album. Bereits damals, noch vor dem Internet-Boom, zierten das Cover drei süsse Katzen. Der Stubentiger ist ein Markenzeichen, das We Are Scientists bis heute begleitet. In der Besetzung gab es seit damals zwei Wechsel. Nach Gründungsmitglied Michael Tapper (bis 2007) sass auch Razorlight-Schlagzeuger Andy Burrows hinter den Drums. Seit 2014 ist Keith Carne fester Bestandteil der Live-Besetzung. Auch wenn er nicht offiziell zur Band gehört, ist er mittlerweile auch beim Aufnahmeprozess für neue Alben unerlässlich. Dies verriet auch Sänger Keith Murray bei unserem letzten Interview.

We Are Scientists

Chris Cain am Bass und an der Witze-Front.

Ein immerwährendes Heilmittel gegen schlechte Laune

Nach dem Job als Verkaufspersonal erledigen die beiden Keiths der Band auch gleich den letzten Schliff beim Soundcheck in Eigenregie. Sogar auf dem Backstage-Pass ist wieder eine Katze abgebildet. Nach dem Intro Blue Moon von Billie Holiday betreten die drei Musiker für ihr eigentliches Konzert die Bühne. Gestartet wird mit Your Light Has Changed ab dem jüngst erschienenen sechsten Studioalbum Megaplex. Ohne Umschweife geht es mit The Great Escape direkt an den Anfang der Karriere. Auch wenn stetig neue Alben dazu kommen, schaffen es We Are Scientists noch immer, eine ausgewogene Setlist zusammenstellen. Wie üblich ist die vorletzte Veröffentlichung am wenigsten vertreten. Aber mit Buckle schenken die New Yorker den Fans dennoch ihren besten Song des Albums Helter Seltzer (2016).

Keith Murray: Der Silberfuchs von We Are Scientists

Keith Murray und Chris Cain haben die chemische Formel gefunden

Nur selten harmonieren zwei Musiker so gut, wie die beiden Gründungsmitglieder von We Are Scientists. Bei unterhaltsamen Ansagen treiben sich Sänger Keith Murray und Bassist Chris Cain regelmässig zu humoristischen Höhenflügen. So bezeichnen sie das Werk 21 als Zürcher Katakomben. Zu diesen hätten sie eine ganz spezielle Beziehung, weil sie hier einen Vampir aufgezogen und gefangen gehalten haben. Leider sei er entwischt und nun auf Rache aus. Beim Klassiker It’s A Hit bitten sie die Fans deshalb, auf das Mitsingen im Refrain zu verzichten, um den zornigen Vampir nicht anzulocken. Stattdessen solle man die Worte auf einen Zettel schreiben und am Ende des Songs zur Bühne reichen.

Doch nicht nur das Comedy-Programm stimmt, auch musikalisch lassen We Are Scientists keine Wünsche offen. Sei es bei neuen Songs wie One In, One Out und No Wait At Five Leaves oder bei älteren Indie-Hymnen wie After Hours oder This Scene Is Dead. Das perfekt eingespielte Trio bringt die Tracks mit einer spielerischen Intensität auf die Bühne. Nobody Move, Nobody Get Hurt haben sich die Musiker bis zum Schluss aufgehoben. Seit seiner Erscheinung im Jahr 2005 fehlt dieser Titel an garantiert keiner Indie-Party. Natürlich ist dies nur vermeintlich das Ende.

We Are Scientists in voller Pracht: Keith Murray, Keith Carne und Chris Cain.

Der neue Trend: Die direkte Zugabe mit Ankündigung

Immer häufiger kann man bei kleineren Konzerten beobachten, dass die Band vor den Zugaben die Bühne nicht verlässt. Statt einen künstlichen Applaus zu ernten, geben sie kurz zu Protokoll, dass das Set eigentlich vorbei wäre und nun die Zugaben folgen. So auch an diesem Abend. Mit Rules Don’t Stop und Nice Guys werden diese gleich mit zwei Songs ab dem 2010 veröffentlichten Album Barbara eröffnet. Zusammen mit dem früher im Set gespielten I Don’t Bite sind das mit Abstand die besten Tracks des dritten Studioalbums der New Yorker.

Vor der dritten und letzten Zugabe verlässt Sänger Keith Murray die Bühne. Nach kurzer Irritation im Publikum, taucht er fröhlich tanzend mit einer neuen Flasche Bier aus dem Backstage wieder auf. Er stimmt Textbook an und begibt sich sogleich für einen wilden Ausflug ins Publikum. Als wolle er jeden Ecken der Venue erkunden springt er Bier trinkend und singend hin und her. Mit dieser ausgelassenen Performance verabschieden sich We Are Scientists von der Bühne. Binnen Sekunden befinden sich Murray und Cain wieder hinter dem Merch-Tisch, während Schlagzeuger Carne beim Abbau hilft. So funktioniert Multitasking.

Fazit

We Are Scientists ist die immer freundliche und immer gut gelaunte Indie-Band aus New York. Sie haben sich diesen Ruf über ihre ganze Karriere erarbeitet. Auch für ein Spässchen sind die Musiker immer zu haben. Das ist vielleicht der Grund, warum sie teilweise nicht richtig ernst genommen werden. Dabei veröffentlichen sie seit 2005 ein gutes Album nach dem anderen. Dazu kommt, das We Are Scientists auch live stets zu überzeugen wissen. Möge es noch viele Jahre so weitergehen.

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