Muse in London: Live-Premieren und ein «Metal»-Medley bei der Rückkehr in die Royal Albert Hall

In Reviewsby indiespect

Muse erobern die Royal Albert Hall aufs Neue

Muse schaffen es immer wieder, sich neu zu erfinden. Dabei überraschen sie sich wahrscheinlich teilweise selbst. Wenn Songschreiber Matt Bellamy einen akustischen Song schreiben möchte, kann das etwas opulenter enden als gedacht. Mit Simulation Theory hat das Trio vor einem Monat sein achtes Studioalbum veröffentlicht. Der Sci-Fi-Retro-Touch zieht sich durch das Werk und neue Einflüsse halten Einzug. Unverkennbar bleiben sie trotzdem – nur schon wegen Bellamys einzigartiger Stimme. Erstmals kommt das Album mit zahlreichen Alternativ-Versionen daher, welche näher an der ursprüngliche Song-Idee orientier sind. Hier ist die Akustik-Gitarre oder das Klavier auch mal dominant zu hören.

Eine halbe Million Pfund für den Prince’s Trust

Mit einer Benefizkonzert kehrten Muse am Montag nach zehn Jahren für eine Show in die legendäre Royal Albert Hall in London zurück. Für den Prince’s Trust konnte mit dem Konzert eine halbe Million Pfund gesammelt werden. Als junge Musiker sind Muse selbst von dieser Organisation gefördert und unterstützt worden. Seit Veröffentlichung des Albums standen mehrheitlich TV-Auftritte sowie einige Promo-Konzerte, wie z.B. am Reeperbahn-Festival in Hamburg, auf dem Programm. Die Stadion-Tour startet erst im nächsten Jahr. Der Gig in einer der schönsten Hallen der Welt stand also irgendwo zwischen zwei Tourneen. Entsprechend unsicher waren die Fans, was sie musikalisch erwarten würde.

Royal Albert Hall

Die Royal Albert Hall wurde bereits 1871 eröffnet.

Yungblud absolviert sein Work-Out auf der Bühne

Zum Einstieg, präsentiert sich der junge englische Musiker Yungblud vor ausverkauftem Haus. Er springt wie der junge Anthony Kiedis über die Bühne, ohne auch nur ausser Atem zu kommen. Mit Jahrgang 1998 hat man scheinbar noch unendlich viel Energie. Musikalisch bietet der Sänger mit seiner Band einen abwechslungsreichen Stilmix. Sein Auftritt im ehrwürdigen Raum scheint bei einem Grossteil des Publikums gut anzukommen, auch wenn viele erst nach und nach ihren Platz in der Halle einnehmen.

Muse

Die mächtige Orgel thront über Muse – bleibt leider jedoch unbenutzt.

Muse: Live-Premieren statt Standard-Set

Schon vor Konzertbeginn kreist eine Laola fünf Mal durch die komplette Royal Albert Hall. Die Besucher freuen sich sichtlich auf den Headliner und sind gespannt, was diese präsentieren werden. Muse sind in dieser Hinsicht ziemlich undurchsichtig. Ob sie eher ein Standard-Set wählen oder etwas Spezielles zusammenstellen, weiss man erst, wenn Matt Bellamy, Dom Howard und Chris Wolstenholme die Bühne betreten.
Das Licht geht aus und der Applaus brandet auf. Es erklingen die ersten Töne des Album-Openers Alogrithm. Die erste Überraschung ist geglückt – der Song feiert in der Royal Albert Hall seine Live-Premiere. Bellamy sitzt am Klavier. Ein Bild, das in den letzten Jahren immer etwas seltener wurde. Nach dem theatralischen Instrumental-Intro packt er sein Mikrofon und setzt mit glasklarer Stimme ein. Während man Gänsehaut bekommt, wird einem wieder schlagartig bewusst, was für ein einmaliger Sänger und Songwriter Matthew Bellamy ist.

Matt Bellamy wendet sich auch immer wieder den Fans zu, die hinter seinem Rücken Platz genommen haben.

Mit Psycho gibt es einen Ausflug zum letzten Album Drones. Anschliessend wird ein Happy Birthday für Chris Wolstenholme angestimmt. Er feierte am Tag zuvor seinen 40. Geburtstag. Der Fan-Chor hat etwas Koordinations-Schwierigkeiten, doch die Geste kommt beim Bassisten an. Als Dankeschön gibt es den selten gespielten titelgebenden Track des Debütalbums Showbiz zu hören. Ein Standard-Set scheint es also definitiv nicht zu werden. Auch nach knapp 20 Jahren hat der Song nicht an Frische und Kraft verloren. Eine weitere Premiere feiert die funkige Nummer Break It to Me. Auf der Bühne klingt sie noch wilder als in der orientalisch angehauchten Album-Version.

This means war
With your creator
Reload
Crash outAlgorithm von Muse

Die neuen Songs bestehen den Live-Test

Break It to Me war einer dieser Songs, der bei den Fans unterschiedlich aufgenommen wurde. Er ist in seiner Mischung gewöhnungsbedürftig und nicht jedermanns Sache. Doch live scheint er durchs Band gut anzukommen. Das gilt auch für The Dark Side, welches rasch zu einem Publikumsliebling avancieren dürfte.
Mit Uprising gibt es den einzigen Titel von The Resistance. Knapp 10 Jahre ist es her, seit Bellamy zum ersten Mal den Aufstand forderte. Das folgende The 2nd Law: Unsustainable diente auf der 2nd-Law-Tour als Opener und ist seither grösstenteils aus dem Set verschwunden. Die Komposition deckt einen weiteren Stilmix von Muse ab. Hier kombinieren sie mit echten Instrumenten klassische Musik mit Dubstep. Pressure verbreitet gute Laune – auch bei der Band. Mit Leidenschaft malträtieren die drei Jungs aus Teignmouth ihre Instrumente. Nach Plug in Baby und Supermassive Black Hole, zwei Set-Klassikern und Publikumslieblingen, folgt als Übergang zu Thought Contagion mit The 2nd Law: Isolated Stsyem das zweite Instrumental-Stück des Drones-Vorgängers.

Muse

Muse haben die schwarzen Drones-Overalls wieder abgelegt.

Time is Running Out und noch so viele Songs zu spielen

Kaum ein Track schaffte es über die Jahre so viel Publikumsbeteiligung zu erhalten wie Time is Running Out. Es ist eines der wenigen Stücke des Albums Absolutions, welches seit seiner Entstehung nie fehlen darf. Im Anschluss kündigt Matthew Bellamy 15 minutes of metal an. Was dann folgt haut jeden hartgesottenen Fan vom Hocker. Ein Feuerwerk aus den Stücken Stockholm Syndrome, Assassin, Reapers, The Handler, Dead Star und New Born führt zu ekstatischen Zuständen in den ehrwürdigen Gemäuern. Muse spielen zum ersten Mal ein Medley dieser Art. Bellamy hatte dies jüngst in einem Interview angekündigt. Man wolle möglichst viele Songs im Set der kommenden Stadiontour spielen können. Die Dauer der einzelnen Songs fällt erfreulich lange aus, einzig Assassins wirkt mehr wie ein Teaser. Nach der ersten Euphorie über die Klänge des Eröffnungs-Riffs ist es nach dem Intro auch schon wieder vorbei. Man ist hin- und hergerissen von der Medley-Idee. Zwar gibt es so die Chance lange nicht mehr gehörte Songs zu hören, doch keinen dafür in seiner Gänze.

Das erste Muse-Medley in voller Länge.

Die obligaten Zugaben

Wenig Überraschungen bieten Muse dafür bei den Zugaben. Die Band dürfte Starlight auch einmal einige Jahre Pause gönnen. Dann würden viele Fans den Track bestimmt wieder mit mehr Inbrunst mitsingen. Und der einzige Haken bei Knights of Cydonia ist, dass man bereits beim Einsetzen der Harmonika weiss, dass sich das Konzert mit galoppierenden Schritten dem Ende nähert. Wie immer bei einer Muse-Show, ist auch in der Royal Albert Hall die Zeit viel zu schnell vergangen. Zum Glück steht schon bald die Stadiontour auf dem Plan. Diese Tourneen sind jeweils mit den längsten Spielzeiten ausgestattet. Dafür werden sie wohl nicht die Intensität einer Royal Albert Hall erreichen. So hat jedes Konzert seine Vor- und Nachteile.

Muse

Ein immer häufigeres Bild – Matthew Bellamy ohne Gitarre.

Fazit

Muse in der Royal Albert Hall – das ist eine Traum-Kombination. Jedem Fan wird bei diesem Konzert das Herz höher geschlagen haben, egal wie oft er die Band bereits gesehen hat. Und auch den Musikern war anzumerken, dass es für sie ein ganz spezieller Abend in dieser historischen Venue war. Das wird nur schwierig zu toppen sein.