Jan Böhmermann & das RTO Ehrenfeld in Zürich:
Satire in Perfektion in der Halle 622

In Reviewsby indiespect

Jan Böhmermann spielt mit seinem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld das erste Auslandskonzert in Zürich

Der deutsche Satiriker lässt sich in keine Schublade stecken. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und handelt sich damit immer wieder Schwierigkeiten ein. Von vielen wird er verehrt, von ebenso vielen gehasst. Politikern wie Erdogan oder der AFD ist er ein Dorn im Auge und auch die Gangster-Rapper hat er bereits eiskalt vorgeführt. Nach dem Ausstieg von Rapper Dendemann hat sich Böhmermann für seine Late-Night-Sendung Neo Magazin Royale das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld, kurz RTO, zusammengestellt. Das Orchester ist die perfekte Untermalung für die zahlreichen Satire-Songs, die der Moderator mittlerweile veröffentlicht hat. Wie gut sie wirklich sind, wird spätestens beim Live-Auftritt in Zürich klar. Gestern Abend fand in der Halle 622 in der erste Auftritt ausserhalb von Deutschland statt.

Jan Böhmermann

Jan Böhmermann & das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld. © Heavy german Shit

Böhmermann: Der perfekte Entertainer

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Jan Böhmermann ein grosser Fan von Broadway-Shows und Musicals ist. Nach einem kraftvollen Intro des RTO betritt er in Kunstpelzmantel und Sonnenbrille die Bühne. Die eigens für ihn komponierte Hymne Ach wär ich nur brettert er mit einer Leichtigkeit von der Bühne, als wäre er nur dafür gemacht. Nach einer kurzen Begrüssung folgt der erste von vielen Anti-Nazi-Sprüchen. Ja, ich trage Pelz. Den habe ich einem Nazi über die Ohren gezogen. Echter Nazi-Pelz. Baby Got Laugengebäck ist einer der wenigen Songs ohne tiefere Botschaft. Es mutet schon fast wie Eurovision Song Contest-Auftritt von Stefan Raab an. Mit Wadde hadde dudde da? belegte der Entertainer im Jahr 2000 den fünften Platz. Im Gegensatz zu Raab bleiben die übrigen Texte alles andere als unpolitisch. Bei Rainer Wendt wird der Chef der deutschen Polizeigewerkschaft vorgeführt und mit Es gibt keine Nazis in Sachsen wird Böhmermanns Lieblingsthema eine Hymne gewidmet.

Hymne für das Proletariat, Feminismus, Gangster Rap und Udo Jürgens

Florentin Will und Giulia Becker aus dem Autorenteam des Neo Magazin Royal dürfen auch ihren Part zur Show beitragen. So steht der aus der Sendung bekannte Beefträger Will bei Wir sind Versandsoldaten – Kampflied der Paketkuriere Pate für die unterbezahlten Kuriere des Landes. Immer wieder verlässt Böhmermann die Bühne, um sein Outfit zu wechseln und um dem RTO mehr Raum zu geben. Bei Interpretationen von Britney Spears‘ Toxic oder dem 90er-Hit Hymn zeigen sie ihr ganzes Können. Endlich kann das Orchester eine Brillanz zeigen, die in der Fernsehsendung nur angedeutet wird. Der Feminismus wird von Giulia Becker bei Verdammte Schi*e zelebriert, bevor dem US-Widerling Donald Trump Grab US by the pussy gewidmet wird.

Gesanglich am beeindruckendsten ist die Stimme von Jan Böhmermann beim Udo-Jürgens-Titel Tausend Jahre sind ein Tag. Der Titelsong der Zeichentrickserie Es war einmal … der Mensch aus den 80er-Jahren, wird gar zu einem Highlight des Abends. Das Arrangement und die Komplexität der Komposition zeigen, welch clevere Lieder Udo Jürgens nebst den seichteren Stücken noch geschrieben hat. Stilistisch steht das im krassen Gegensatz zu Böhmermanns Alter Ego POL1Z1STENS0HN, der für die harten Punch-Lines verantwortlich ist. Blasserdünnerjunge macht sein Job und Recht kommt sind Meisterwerke, die so manchem Gangster-Rapper den ironischen Spiegel vorhalten.

Dominic Deville: Gastauftritt beim «tiefgründigsten» Titel des Abends

Das Schweizer Late-Night-Kollege Dominic Deville war schon in Böhmermanns Sendung zu Gast und darf beim ersten Schweizer Konzert die Bühne mit ihm teilen. Menschen, Leben, Tanzen, Welt spiegelt die seichten Texte der deutschen Schmuse-Sänger wider. Mit Werbeslogans und den emotional geladensten Wörtern haben Schimpansen aus Zoo Gelsenkirchen den Song zusammengestiefelt. Mittlerweile hat dieser eine solche Eigendynamik entwickelt, dass er sogar in die Vapiano-Playlist aufgenommen wurde.

Ey yo, du studierst Mathe? Ich studier‘ Bitches

Auch Neu-Interpretationen von Gangster-Rap sind im Repertoire des Entertainers aus Breme. Style & das Geld von Kay One ist in seiner neuen Form einfach nicht zu übertreffen. Die derben und primitiven Texte stellt Böhmermann in den musikalischen Kontrast im Stil von Sängern wie Max Raabe. Auch den Chart-Hit Senorita, welchen Kay One mit Pietro Lombardi veröffentlich hat, gibt es in einer zuckersüssen Ballade zu hören.

Hermann van Veen folgt auf Gangster-Rap

Als erste Zugabe gibt es wieder ein reines Orchester-Stück vom RTO Ehrenfeld. Harder, Better, Faster, Stronger von Daft Punk kommt bei den Zuschauern ausgesprochen gut an. Als anschliessend die Sirenen erklingen, weiss wohl jeder was kommt. Der grösste Böhmermann-Hit Ich hab Polizei hat seit seiner Veröffentlichung nicht an Grossartigkeit eingebüsst. Dafür sprechen auch die 30 Millionen Views auf Youtube. Doch verabschieden möchte sich der Satiriker wieder mit einem Klassiker. Jemand stiehlt die Show von Hermann van Veen beschliesst einen abwechslungsreichen Abend mit musikalischer Top-Qualität.

Fazit

Jan Böhmermann ist wohl der derzeit einflussreichste Satiriker im deutschsprachigen Raum. Ausserdem verfügt er über grandiose Entertainer-Qualitäten und ein Stimme, die sich in allen Musikstilen einsetzen lässt. Gepaart mit dem aussergewöhnlichen Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld sorgt das für ein einmaliges Erlebnis.