Razorlight im Kaufleuten Zürich: Mit der Handbremse in den fünften Gang

In Reviewsby indiespect

Razorlight: Formatiert und neu aufgesetzt

Johnny Borrell hat mit seiner Band Razorlight in der Blüte Indie-Hits für die Ewigkeit geschrieben. Wire to Wire und America sind noch immer auf jeder Indie-Anthem-Compilation zu finden. Seither hat sich einiges getan. Von der Ur-Besetzung ist gerade noch der Sänger übrig. 2009 verabschiedete sich Schlagzeuger Andy Burrows, später der Rest der Band. Mit 10 Jahren ist David Sullivan-Kaplan, der Nachfolge-Schlagzeuger von Burrows, mittlerweile nach Borrell das dienstälteste Mitglied von Razorlight. Gitarrist David Ellis ist seit 2017 und Bassist Harry Deacon gar erst seit 2018 von der Partie.

Razorlight

Er ist Razorlight: Johnny Borrel mit Overall und Seidenschal.

Olympus Sleeping: Das erste Studioalbum seit zehn Jahren

Das Hit-Album Slipway Fires scheint schon ewig auf dem Markt zu sein. Doch es ist der direkte Vorgänger des im Oktober 2018 veröffentlichten Olympus Sleeping. Ganze zehn Jahre mussten Fans auf neue Musik von Razorlight warten. Viele haben die Band deshalb und aufgrund der zahlreichen Wechsel schon im Indie-Nirvana gesehen. Umso erfreulicher ist es, dass Olympus Sleeping überzeugen kann. Der Razorlight-Vibe ist geblieben und neue Frische ist dazugekommen. Aber die grossen Tage scheinen auch bei Razorlight vorbei zu sein. Gestern spielten sie auf ihrer aktuellen Tour das einzige Konzert in der Schweiz, im Festsaal des Kaufleuten Zürich.

Razorlight

Razorlight wirken zu Beginn noch etwas abwesend.

Erstes Drittel des Sets mit angezogener Handbremse

Während andere Konzerte direkt ab dem ersten Ton in Fahrt kommen, dauert es bei Razorlight an diesem Abend etwas länger. Die Band spielt akkurat und der Gesang von Borrell kommt glasklar aus den Boxen. Doch die Mienen in der Gesichtern zeugen nicht unbedingt von Spielfreude. Hat sich Borrell von seinem Comeback etwas anderes erhofft? Mit dieser Einstellung kann man ein Schweizer Publikum an einem windigen Sonntagabend auf jeden Fall nicht knacken. Richtig in Fahrt bringt der Wuschelkopf seine Fans erst mit dem Klassiker In The City von 2004. Mit einer ungeahnten Dramatik singt er sich wie ein Geisteskranker durch die Tempowechsel des Tracks. An den ruhigen Stellen ist es im Publikum totenstill. Dies verleiht dem Song eine noch schneidendere Dramatik. Ab diesem Wendepunkt kommt auch Leben in die Gesichter der Musiker. Sie wirken wie ausgewechselt.

In der Mitte des Sets kommt das Lachen auf die Bühne.

Neue Songs haben das Zeug zum Sommerhit

Wie ein alter Freund, den man nie vergisst, kommt Before I Fall To Pieces daher. Die Stimme von Borrell ist noch immer so beeindruckend und unverkennbar wie vor über zehn Jahren. Mit Carry Yourself folgt ein neuer Track, mit dem Zeug zum Sommerhit. Das Gitarren-Intro scheint wie gemacht für den Festivalsommer und der Refrain passt zu jedem Trailer, der die Stimmung eines Openairs einfangen soll. Razorlight sind jetzt richtig unter Strom. So tanzen sie lässig quer durch ihre Diskografie. Auf Vice, welches 15 Jahre auf dem Buckel hat, folgt mit Olympus Sleeping der Titeltrack des neusten Albums. Die Indie-Ballade schlechthin spielen Razorlight zum Abschluss des regulären Sets. Wire to Wire lässt jedes Fanherz schmelzen.

Razorlight

Wie ein Hexermeister beschwört Johnny Borrell seine Hand.

Ein grosses «Fuck You» an Donald Trump

Auch bei den Zugaben mischen Razorlight die Alben stimmig. Während das neue Got to Let the Good Times Back into Your Life klingt wie der Titelsong einer TV-Serie, liefern sie mit Somewhere Else noch einmal eine eingängige Ballade. Für Support-Act Fétiche ist das Konzert in Zürich der letzte gemeinsame Abend mit Razorlight. Johnny Borrell bedankt sich herzlich bei ihnen und widmet ihnen mit Dank verbunden und Donald Trump mit einem grossen «Fuck You» den letzten Song – America. Mit dieser grossen Hymne findet ein stimmiger Abend mit einem holprigen Start seinen würdigen Abschluss

Razorlight

Das Lachen wird immer breiter.

Fazit

Zum Glück haben Razorlight in der Mitte des Sets immer stärker zugelegt, ansonsten hätte man sich fragen müssen, warum Borrell die Band überhaupt noch einmal zusammengetrommelt hat. Die Engländer haben es geschafft, nach zehn Jahren ein frisches Album abzuliefern und auch live zu überzeugen. Jetzt heisst es: dran bleiben und wieder relevant werden.