Art Brut im Gare de Lion Wil:
Die Eddie-Argos-Show zu Ostern

In Reviewsby indiespect

Art Brut: Die Band ohne Sänger

Gegründet wurden Art Brut 2003 in London. Treffender könnte der Name die Band wohl kaum beschreiben, denn als Art Brut bezeichnet man Aussenseiter-Kunst. Als Aussenseiter kann man Frontmann Eddie Argos ziemlich gut bezeichnen. Er ist der Kopf der Band, aber kein Sänger im eigentlichen Sinn. Vielmehr erzählt er mit Sprechgesang aus seinem Leben. Sämtliche Texte sind autobiografisch und sind quasi das musikalische Tagebuch von Argos, der mittlerweile in Berlin wohnt. Die bekanntesten Songs wie Emily Kane oder My Little Brother befinden sich alle auf dem Debüt Bang Bang Rock & Roll von 2005. Seither haben Art Brut drei weitere Alben sowie ein Best-Of veröffentlicht. 2018 erschien mit dem Album Wham! Bang! Pow! Let’s Rock Out! die erste neue Musik nach siebenjähriger Pause. Mit diesem traten Art Brut am gestrigen Ostersonntag im Gare de Lion in Wil auf.

Art Brut

Der Geschichtenerzähler von Art Brut: Eddie Argos

Eddie Argos: Ein Geschichtenerzähler

Man sieht Eddie Argos an, dass er nicht nur leichte Zeiten in seinem Leben gehabt hat. Zur Verarbeitung packt er seine Geschichten in Liedtexte. Diese beginnt auch an diesem Abend mit der Gründung der Band und dem gleichnamigen Titel Formed A Band. Gleich beim ersten Song des Debüts nimmt Argos Stellung zu seinem speziellen Gesang und nimmt so jedem Kritiker den Wind aus den Segeln.

And yes, this is my singing voice, it’s not irony, it’s not Rock & Roll,
We’re just talking, to the Kids.Formed A Band, Art Brut

Weiter geht es mit My Little Brother. Hier setzt Argos zu einem mehrminütigen Monolog mitten im Publikum an. Er scheint es zu geniessen, seinen grössten Hit damit aufzubrechen. Das Lied hat er geschrieben, als sein kleiner Bruder 22 Jahre alt war, mittlerweile ist er 37. Früher hätten sich seine Eltern sorgen um seinen kleinen Bruder gemacht, weil dieser wild und ausser Kontrolle war. Mittlerweile ist er Lehrer und ruhig geworden. Jetzt machen sich die Eltern zu Weihnachten sorgen um ihren älteren Sohn, der in einer Band spielt, mit der er zwar überleben, aber kein Geld verdienen kann.

Art Brut

Volle Verausgabung bei Art Brut

Krankheitsgeschichten und Parallelen zu Josh Homme

Hospital ist ein Track ab dem aktuellen Album. Darin wird erklärt, warum so lange keine neue Musik von Art Brut erschienen ist. Nachdem er über ein halbes Jahr mit grippeähnlichen Symptomen gekämpft hat, liess Argos sich in Deutschland untersuchen. Der Arzt schickte ihn sofort ins Spital und bereits am Tag darauf wurde er operiert. Der Musiker litt an Divertikulitis und Peritonitis, einer Darmerkrankung und einer Bauchfellentzündung. Ohne Behandlung hätte die Krankheit zum Tod führen können. Um der ernsten Thematik wieder etwas die Schwere zu nehmen, erzählt Eddie Argos von Josh Homme, dem Sänger und Gitarrist der Band Queens of the Stone Age. Dieser hätte auch mal eine Krankheit gehabt, an der er fast gestorben wäre. Daraufhin habe er ihr ein ganzes Album gewidmet, eine ziemliche Heulsuse. Er selbst habe das in nur einem einzigen Song verarbeitet.

Art Brut

Fitnessprogramm à la Argos

Selbstdiagnose und Deutschlektion

Einen Grund für seine schlechte Gesundheit liefert Argos gleich selbst nach. Alcoholic Unanimous handelt von der Zeit, in welcher der Engländer viel zu viel getrunken hatte. Im Anschluss zeigt er stolz seine Deutschkenntnisse. Mit den Worten Punk-Rock ist nicht tot bezeugt er seine Liebe zu Hamburg und zu St. Pauli im Speziellen. Ähnlich charmant wie die Aussprache der Zeile Ich Trinke Schampus mit Lachsfisch von Franz Ferdinand-Sänger Alex Kapranos. in deren Song Darts of Pleasure, kommt der Ausflug ins Deutsche daher. Rotz und Galle spuckt Argos bei Axl Rose. Der Track klingt nach waschechtem englischen Punk aus der Ära der Sex Pistols.

No one’s gonna tell me what to do
I’m gonna do what the hell I want to!Axl Rose, Art Brut
Art Brut

Top of The Pops: Art Brut

Richtig schön selbstironisch wird es bei Kultfigur. Mit dem Song zementieren Art Brut ihren Aussenseiter-Status und beweisen, dass sie ihre öffentliche Wirkung ganz gut einschätzen können. So gibt es Zeilen wie We’ve got a lead singer / Doesn’t really sing / Lives off his paintings / Got a flat in Berlin oder Last night I dreamt / We won the Mercury Music Prize / Our parents were proud / But a little surprised. Je nach Lust und Laune verändert Eddie Argos die Setlist und seine Band muss sich sofort darauf einstellen. Direct Hit ist einer dieser Songs, der nicht eingeplant ist. Aus einer Laune bestimmt der Frontmann, dass dieser gespielt werden soll. Seine Mitmusiker scheinen ihren Querkopf am Mikrofon zu kennen und setzen sogleich mit ein. Überhaupt vergisst man bei der Aura von Eddie Argos, dass die Band hohe Qualität an den Tag legt. Die Gitarren-Riffs und der Drive des Schlagzeugers sind beeindruckend. Ein gutes Bespiel für die musikalische Qualität ist die Instrumentierung des Songs Too Clever vom neuen Album.

Art Brut

Rockstar-Moves bei Art Brut

Emily Kane und Wham! Bang! Pow! Let’s Rock out!

Über seine immer währende Jugendliebe Emily Kane singt Eddie Argos an jeder Indie-Disco seit 2005. Die Zeile I’ve not seen her in 10 years, 9 months, 3 weeks, 4 days, 6 hours, 13 minutes, 5 seconds verändert er relativ ungenau zu I’ve not seen her in 20 years. Er merkt an, dass das eigentlich gar nicht stimme. Sie habe sich mal bei ihm gemeldet und sie hätten sich etwas unterhalten. Zum Abschluss gibt es Wham! Bang! Pow! Let’s Rock out!, den Titeltrack des aktuellen Albums auf die Ohren. Der schon völlig durchgeschwitzte Argos springt wild auf der Bühne umher und verliert noch einmal mehr Flüssigkeit. Vor den Zugaben kauern die Musiker in der Hocke, während die Fans jubeln und das mit Argos einstudierte Wolfsgeheul wiederholen. Mit ihren drei Zugaben Hooray, Bad Weekend und Post Soothing Out reisen Art Brut ein weiteres Mal quer durch ihre Diskografie. Beim Schluss-Song von 2007 packt die Band noch einmal ein Riff aus, dass einen grossen Hit einleiten könnte. Top of The Pops gibt es zwar nicht mehr, aber vielleicht schaffen es Art Brut irgendwann noch ins grosse Rampenlicht. Spätestens dann würden sie sich wohl auflösen. Denn wie heisst es so schön: Der Weg ist das Ziel.

Fazit

Art Brut spielen mit ihrem Nischen-Dasein. Die Geschichten von Eddie Argos sind ehrlich und direkt. Manchmal witzig, manchmal tragisch und nostalgisch. Dass die Band nicht nur textlich ein Image zeichnen, sondern es auch auslebt, macht sie erst richtig authentisch. Wenn die Musiker nicht seit 2003 Freude an der Musik hätten, wären sie wohl nicht schon so lange auf der Bühne, selbst wenn der ganz grosse Erfolg ausbleibt.