Openair St. Gallen 2019: Musikgenuss mit Rekordtemperaturen

In Reviewsby indiespect

Schlammgallen wird Sun Gallen

Regelmässige Besucher des Openair St. Gallens sind sich sämtliche Wetterkapriolen gewohnt. Bereits im letzten Jahr konnte man kaum glauben, wie grün die Wiese im Sittertobel sein kann, wenn nicht Dauerregen vorherrscht. 2019 kam zur Sonne von 2018 noch eine Hitzewelle dazu, wie sie die Schweiz seit 2015 nicht mehr erlebt hat. Während am Donnerstag und Freitag eher das jüngere Publikum mit Acts wie Rin, Yung Hurn oder KIZ angesprochen wurde, setzten die Veranstalter am Samstag und Sonntag mit Die Ärzte und Florence and the Machine auf bewährte Grössen.

Die Sitterbühne unter blauem Himmel.

Royal Republic locken die Zuschauer aus dem Schatten

Vor 14 Uhr am Samstag brennt die Sonne mit voller Wucht aufs Festivalgelände. Royal Republic-Frontman Adam Grahn wirft fünf Minuten vor seinem Auftritt einen kurzen Blick von der Bühne und sieht – nichts. Beinahe niemand, ausser einer handvoll Hardcore-Ärzte-Fans hat sich vor der Sitterbühne platziert. Zum Glück ändert sich das, sobald die Schweden mit Fireman & Dancer den ersten Song anstimmen. Die Musikfans verlassen ihre Schattenplätze, um mit Royal Republic zu feiern. Die neuen Stücke vom letzten Album Club Majesty ziehen ebenso gut wie die Klassiker Full Steam Space Machine oder Tommy Gun. Grahn setzt zu einer Ansprache an, die kaum ein Zweiter so cool vortragen könnte. Er habe die Sonne noch nie so sehr verachtet. Seine Frisur verlange nach einer ganzen Menge Haarspray. Nun laufe ihm alles in die Augen und brenne, als würde einem direkt jemand ins Gesicht pissen – ohne vorher einen Drink auszugeben. Die vier Herren lassen sich davon aber nicht beirren und liefern in der brütenden Mittagssonne eine energiegeladene Show ab.

Royal Republic

Das ist Rock’n’Roll: Haarspray in den Augen.

Yungblud – die neue Form des Punks

Yungblud ist ein Energiebündel – sogar bei Temperaturen weit über 30 Grad. Er sprintet unentwegt hin und her, ohne ausser Atem zu kommen. Seine Bühnenpräsenz ist beeindruckend und seine Musik abwechslungsreich. In seiner Erscheinung mischt sich Wahnsinn mit unbändiger Leidenschaft. Wenn Yungblud zwischendurch selig lächelt, hellt sich sein Gesicht auf, als wäre er eine andere Person. Sein Auftritt ist ein einstündiger Sprint – kein Wunder ist sein Konzert im November im Dynamo schon beinahe ausverkauft. Besonders hervor sticht ein ruhigerer Song des Engländers. Polygraph Eyes zeigt eine weitere Facette des sonst eher lauten Musikers.

Yunglub

Yungblood lässt sich vom Thermometer nicht stoppen.

Bosse und sein Kampf um die Gunst der Schweizer

Aki Bosse macht schon lange Musik. Jahrelang hat er dies auch in seinem Heimatland Deutschland etwas unter dem Radar getan. Doch mit Teilnahmen an Stefan Raabs Bundesvision Song Contest und Songs wie Schönste Zeit, So oder So oder 3 Millionen hat er sich immer weiter nach oben gespielt. Spätestens mit seinem ersten Nummer-1-Album Engtanz im Jahr 2016 hat er die oberste Liga erreicht. Ausverkaufte Hallen und gute Slots an den grössten Festivals Deutschlands ist er sich längst gewöhnt. Doch hierzulande spielte er seine erste Headline-Show im März 2016 im kleinen Exil in Zürich. Im November 2018 kehrte er ins deutlich grössere Dynamo zurück. Für ihn fühle sich ein Auftritt in der Schweiz an, wie vor sieben bis acht Jahren in Deutschland, verriet der Musiker im Interview, anlässlich der Veröffentlichung seines neusten Album Alles ist Jetzt im Oktober 2018. Dementsprechend nervös ist er vor seinem Konzert auf der Sternenbühne des Openair St. Gallens. Wird überhaupt jemand kommen?

Seine Sorgen sind unbegründet, das Zelt ist bis hinten gefüllt und die Besucher scheinen auch seine Songs zu kennen. So verwandelt Axel Bosse mit seiner knapp 10-köpfigen Band die Sternenbühne in einen Tanztempel. Gewohnt wild rauscht er unentwegt von einer Ecke der Bühne zur anderen. Er hat Glück, dass er diese schweisstreibende Aktivität nicht auf der Hauptbühne machen muss, ansonsten liefe er Gefahr zu kollabieren.

Bosse

Bosse in der Nervositäts-Therapie auf der Sternenbühne.

Die Ärzte kehren nach sechs Jahren ins Sittertobel zurück

Mit den Ärzten kam am letzten Tag des Openair St. Gallens 2013 die Sonne doch noch ins Sittertobel. Das verregnete Wochenende hatte dem Gelände seine typische Schlammlandschaft geschenkt und einen kleinen See vor der Bühne hinterlassen. Es war ein ungewohnter Anblick, die selbsternannte beste Band der Welt bei Tageslicht zu sehen. Auch sie fühlten sich in ihren Sonnenbrillen wie Vampire, die aus Versehen dem Licht ausgesetzt sind. Das letzte Album der Ärzte ist gar noch länger her, als der Auftritt im Sittertobel. Auch ist 2012 erschienen, seither sind die Berliner nicht mehr gemeinsam unterwegs gewesen. Mit Abschied und Rückkehr meldeten sie sich kurz vor dem Sommer eindrucksvoll zurück. In diesem Zusammenhang spielten sie eine handvoll Festivalshows in Deutschland, Österreich und zum Abschluss in der Schweiz. Mit einer Startzeit um 22 Uhr können Bela, Farin und Rod endlich wieder zu ihrer natürlichen Schaffenszeit aufspielen. Die Haare frisch gefärbt, die Teetasse bereit und die Sprüche im Köcher legen sie eindrucksvoll mit Unrockbar los.

Ein Spässchen erlauben sich die Alt-Punks bereits zu Beginn. Wie so oft werden sie bei den ersten Tönen von einem Vorhang verdeckt. Als dieser fällt und die Menge schon aufschreien will, erscheint dahinter nur ein weiterer Vorhang. Einige Takte später wird das Sichtfeld auf die heilige Dreifaltigkeit endlich frei. Wie aus einer langen Schlacht zurückgekehrte Könige werden die Musiker empfangen.

Die Ärzte

Die Ärzte sind wieder da – ein schöner Anblick.

Die Texte sitzen, als wären Die Ärzte nie weg gewesen

Wie bei kaum einer anderen Band singen die Fans jede Textzeile mit, die aus den Mündern von Urlaub, Felsenheimer und Gonzalez kommen. Die Ärzte haben sich auf einer kleinen Clubtour durch Europa warm gespielt. Musikalisch funktioniert daher alles wunderbar, doch die Ansagen und Konversationen wirken nicht so flüssig und unbeschwert wie auch schon. Urlaub animiert das Publikum zwar noch immer, doch es sind deutlich weniger Sitzlaolas und andere Spielchen, als auch schon. Das auf zwei Stunden festgesetzte Konzert wirkt verhältnismässig wie ein Showcase-Konzert. Bei eigenen Shows spielen Die Ärzte gut und gerne 40 bis 50 Minuten länger und lassen sich dadurch mehr Zeit für ihre Ansagen. Da diese fast genauso wichtig sind, wie die Songs selbst, fällt das auf. Natürlich fehlen aber auch in St. Gallen aber Hits wie Junge, Schrei nach Liebe oder Zu Spät nicht. Die Berliner haben sich rar gemacht und als Headliner ihren Köder ausgeworfen. Sie können es immer noch und haben die Fans wieder am Haken. Jetzt müssen sie nur noch eine Hallentour folgen lassen – mit einem nicht enden wollendem Ärzte-Set, vollgepackt mit Laolas und spontanen Ausbrüchen.

Florence and The Machine

Florence and the Machine kämpft gegen die Sonne.

Florence and the Machine:
Ihr Kampf mit der Sonne, den Ventilatoren und den Schuhen

Florence Welch hat mit ihren roten Haaren den wohl empfindlichsten Hauttyp, den man nur haben kann. Kein Wunder leidet sie im prallen Sonnenlicht. Die Ventilatoren kühlen sie zwar ab, doch sie lüften auch immer wieder ihren Rock in Marilyn-Monroe-Manier. Deswegen lässt sie diese nach nur zwei Songs von Bühnenhelfern verschieben. Die Sängerin tritt gerne barfuss auf, doch auch dieses Gebot muss sie nach wenigen Minuten brechen. Der Bühnenboden ist schlicht zu heiss, um darauf ohne Schuhe zu wirbeln und tanzen.

Nachdem sich die Sängerin an die ungewohnten Umstände gewöhnt hat, liefert sie einen stimmungsvollen Abschluss auf der Hauptbühne des Festivals ab. Besonders freut sie sich, dass sie beinahe keine Smartphones in der Luft sieht. Normalerweise bitte sie an einer Stelle des Konzerts die Fans ihr Handy in die Tasche zu stecken und die Musik mit voller Aufmerksamkeit zu geniessen – in St. Gallen ist diese Aufforderung überflüssig. Mit Hits wie Dog Days Are Over, Jenny of Oldstone oder Shake it Out zum Ende liefert sie den Abschieds-Sountdrack für das Openair St. Gallen 2019.