Leoniden in Schaffhausen: Wilde Indie-Tanzparty in der Kammgarn

In Reviewsby indiespect

Die Leoniden sind ein Synonym für gute Laune

Kaum sind sie auf grosser Tour, kündigen sie bereits die nächste an. Die Deutschen spielen in ihrer Heimat mittlerweile in grossen Läden und locken mit ihrem tanzbaren Indie-Rock auch in der Schweiz immer mehr Besucher an. Zeichen dafür sind die drei Konzerte in Schaffhausen, Aarau und Luzern. Während das KiFF und die Schüür öfter auf dem Tourplan von Indie-Bands stehen, legen diese im nördlichsten Kanton des Landes nur selten einen Stopp ein. Am Donnerstag sorgten die Leoniden mit ihrem Auftritt in der Kammgarn für eine der wenigen Gelegenheiten, in der Munotstadt in den Genuss dieses Genres zu kommen.

Pabst

Düsterer Auftakt mit Pabst

Pabst bieten das Kontrastprogramm zum Auftakt

Musikalisch ist die Berliner Band Pabst eher der schlecht gelaunte Bruder der Leoniden. Während der Hauptact munter das Tanzbein schwingt, zieht es den Support eher in den Keller, um den Frust rauszulassen. Mit einem Schuss Punk präsentiert das Trio Grunge vom Feinsten und lässt mit seinem wuchtigen Sound ein erstes Mal die Kammgarn erzittern.

Leoniden

Kuscheln mit den Leoniden

Leoniden: Die Kopfstimme des deutschen Indie-Rock

Die Kieler Band veröffentlichte 2017 ihr selbstbetiteltes Debütalbum und ist vielen Musikfans durch ihre Auftritte an zahlreichen Festivals in Deutschland bekannt. Die Leoniden heben sich vor allem durch den ausgeprägten Einsatz der Kopfstimme von Sänger Jakob Amr ab. Diese möchte er auch in Schaffhausen präsentieren. Die fünf Musiker betreten gut gelaunt die Bühne. Die positive Energie ist bereits spürbar, bevor überhaupt ein Ton erklingt. Ein Blick ins Publikum zeigt, dass die Fanbasis vorwiegend aus jüngeren Menschen bis maximal Mitte 20 zu bestehen scheint. Mit jugendlicher Ausgelassenheit feiern sie entsprechend ihre Lieblinge.

Das Tattoo auf seiner Hand unterscheidet Scott Hutchison am stärksten von Christian Ulmen.

Mit Piano und Kopfstimme starten die Leoniden mit Colorless direkt mit komplett runtergedrücktem Gaspedal. Spätestens sobald die wilde Bassline und das treibende Schlagzeug einsetzt, gibt es kein Halten mehr. Eine beeindruckende Energie breitet sich in der Kammgarn aus, welche die Kieler nicht abreissen lassen. Es wird schnell klar, weshalb sie momentan in ihrer Heimat grosse Live-Erfolge feiern. Leoniden sind mit ihren Songs die Zuckerwatte des Indie-Rock. Manchem sind sie wohl etwas zu süss und zu klebrig, aber wenn man ganz ehrlich ist, machen sie einfach gute Laune.

Leoniden

Pyroshow à la Leoniden

Rockstar-Attitüde gibt es nur ironisch

Wenn mal ein Oh oh-Chor angestimmt wird, dann geschieht dies eher zur Belustigung und weil es Spass macht, als aus einer wirklichen Ernsthaftigkeit. Die Leoniden zeigen sich mit ihren Fans auf Augenhöhe und integrieren sich als Teil des Ganzen. Der Sound ist dominiert von verschiedenen Perkussions-Instrumenten, Bass, Beats und Keys. Darüber tänzelt wunderbar die Stimme von Jakob Amr. Besonders eingängig zeigt sich diese Mischung bei 1990. Hier ist auch mal die Bauchstimme von Amr zu hören.

Anyone can see the space beneath the sky. Insomniac alibis.
Anyone can fill the space beneath the sky. Insomniac alibis.

1990, Leoniden

Vor pompösen Instrumentierungen schrecken die Leoniden ebenfalls nicht zurück. Bei Slow wird Instrument um Instrument geschichtet, wie es gefällt. Zu den erwähnten Erkennungsmerkmalen der Band kommen hierbei zusätzlich Streicher zum Einsatz. Das Motto lautet ganz offensichtlich klotzen statt kleckern. Diese Band versteckt sich nicht, sondern stellt sich selbstbewusst ins Scheinwerferlicht. Zwei Highlights gibt es zum Ende des Sets. Alone und Kids fordern den Tanzschuhen noch einmal alles ab. Vor allem bei Alone wird die Kopfstimme noch einmal höher geschraubt. Das unglaublichste daran ist, dass es dem Sänger keinerlei Mühen zu machen scheint, in diesen Höhen zu singen.

Leoniden

Hat da jemand Zugabe gerufen? Jakob Amr späht heimlich um die Ecke.

Hat da jemand Zugabe gerufen?

Nach einer ersten Verabschiedung späht Jakob von der Seite der Bühne heimlich um die Ecke, um den Applaus zu geniessen. Wie so oft wird das mitterweile zum Chor degradierte Seven Nation Army von den Fans gegrölt. Doch so textsicher und wohlklingend hat selten ein Act den Song aufgenommen. Der Sänger nutzt das Publikum als Band und singt darüber die Zeilen der White Stripes, die nur halb so berühmt wie das dazugehörige Riff sind. Alleine und im Scheinwerferlicht wechselt Amr am Piano zu den sanften Klängen von The Tired, bevor seine Bandkollegen wieder zu ihm stossen, um in die abschliessende Party einzustimmen.

Leoniden

Mit den Cowbells auf Entdeckungsreise durch die Kammgarn.

Mit den Cowbells in jede Ecke der Kammgarn

Wie ein moderner Staubsaugroboter, der die ganze Wohhnung abscannt, will auch Sänger Jakob jede Ecke der Venue entdecken. Er schnappt sich seine Cowbells und lässt sich damit zuerst für einige Takte inmitten des Publikums nieder, bevor er in jeder Himmelsrichtung einige Takte trommelt. Unweigerlich kommt einem dabei die Energie eines Duracellhäschens in den Sinn. Wieder auf der Bühne angekommen sorgen Nevermind und Sister sorgen für den Abschluss eines wunderbaren Konzertabends voll von guter Laune. Die Schaffhausen-Premiere der Kieler Leoniden ist ohne Zweifel gelungen.

Leoniden

Fünf Jungs mit einer grossen Portion Energie: Leoniden

Fazit

Es ist kein Wunder, dass es für die Leoniden auf den Bühnen Deutschlands aktuell so gut läuft. Sie bieten einen ansteckenden Sound, der gepaart ist mit einer Positivität, welcher man sich nur schwer entziehen kann. Nebenbei sind die Kieler sehr fleissige Arbeiter. Noch nicht einmal ist ihre Tour zu Ende und schon hat sie für nächstes Jahr eine weitere angekündigt. Darunter befinden sich auch Termine in zwei weiteren Schweizer Städten. Am 14. Oktober 2020 spielen sie im Salzhaus in Winterthur und am Tag darauf im Dachstock in Bern.