Temples im Mascotte:
Experimenteller Musikgenuss in Zürich

In Reviews by indiespect

Temples: Mit neuem Album und neuem Drummer auf Tour

Seit Veröffentlichung ihres Albums Volcano im Jahr 2017 hat sich bei den Engländern einiges getan. Nach dem umjubelten Debüt Sun Structures drei Jahre zuvor wurden die Erwartungen mit der zweiten Veröffentlichung nicht bei allen erfüllt. Für Fans des psychedelischen Sounds von Temples und die Musikpresse war der Nachfolger zu poppig und zu überambitioniert. Die Band selbst hat eingeräumt, dass sie zu sehr darauf bedacht waren, etwas zu erschaffen, das den Leuten gefällt. Dieser Umstand hat die Arbeit am aktuellen Album Hot Motion direkt beeinflusst. Hier haben die Briten bewusst auf weniger Opulenz gesetzt und genau die Musik geschrieben, welche sie selber am liebsten hören möchten. Zu den musikalischen Veränderungen kamen auch personelle dazu. Schlagzeuger Sam Toms hat die Band verlassen und wurde durch Rens Ottink ersetzt. Er stiess nach den Aufnahmen des Albums zur Band, weswegen Temples auf den Promofotos meist nur zu dritt zu sehen sind, obwohl Ottink ganz klar als offizielles Mitglied aufgenommen wurde. Aktuell sind die Engländer auf Tour und besuchten gestern Zürich. Das Mascotte war an diesem Freitag praktisch ausverkauft.

Temples

Adam Smith wechselt spielerisch zwischen Tasten und Saiten.

Die Chemie in der Band ist wiederhergestellt

Auch wenn man die Musiker nicht persönlich kennt, ist schnell spürbar, sobald etwas in der Besetzung nicht mehr richtig stimmt. So verriet Sänger James Bagshaw in Interviews auch den Grund für die Trennung von Schlagzeuger Sam Toms. Auf Tour müsse man als Band eine Einheit sein und alle müssen am selben Strick ziehen, damit alles klappt. Dies sei bei Toms immer häufiger nicht der Fall gewesen. Bei seiner letzten Show sei er beim Soundcheck erst gar nicht aufgetaucht und beim Konzert selbst erst 30 Minuten zu spät erschienen. Nach der Trennung fanden Temples den perfekten Ersatz in Rens Ottink – ein Musiker den die Band bereits seit Jahren kennt. Im Mascotte wirkt er alles andere als wie ein Fremdkörper. Nur schon rein optisch integriert er sich wunderbar ins Gesamtbild. Er ist es auch, der mit den ersten Rhythmen den Abend eröffnet. Mit The Howl starten Temples im Marschtempo. Mit diesem Opener haben die Jungs aus Ketting den perfekten Einstieg gewählt.

Temples

Bassist Tom Walmsley hat zusammen mit Sänger James Bagshaw Temples gegründet.

Die Fans egalisieren die Meinung der Kritiker

Certainty, der Auftakt des Albums Volcano folgt bereits als zweiter Song. Die freudige Publikumsreaktion zeigt den kritischen Musikredaktueren von damals den Finger. Was bei Grössen wie dem Musikexpress als keimfreie Synthie-Pop-Psychedelia verschrien wurde, kommt den Fans scheinbar noch immer ausgesprochen gut an. Es ist die Mischung, die Temples auszeichnet und dabei haben die Synthesizer ebenfalls einen berechtigten Platz.

Zu den Anfängen kehrt die Band um Sänger James Bagshaw mit A Question Isn’t Answered zurück. Überhaupt ist das Debüt Sun Structures mit sechs Tracks beinahe so gut vertreten wie das aktuelle Hot Motion. Auch wenn sich die Band zwischen den Alben immer wieder verändert hat, so fügen sich alle drei auf der Bühne harmonisch zusammen. Was im Vergleich zu den früheren Auftritten etwas wegfällt, sind die ausufernden Instrumentalparts gegen Ende der Songs. Die Live-Versionen halten sich mittlerweile eher an das Arrangement der Studioaufnahmen.

«Certainty» – alles andere als keimfreie Synthie-Pop-Psychedelia

Eine Aneinanderreihung von Highlights

Einen Song, der wirklich abfällt, gibt es von den Temples nicht. So ist es auch schwierig ein einzelnes Highlight hervorzuheben. Das neue You’re Either on Something ist ebenso ein Ohrwurm, wie Colours To Life noch immer eine wunderbare Traumwelt erschafft. Eher kann man die Überraschung von Holy Horses hervorheben. Mit seinen spannenden Rhythmuswechseln und dem skurrilen Text sticht der Track besonders hervor. In nur vier Jahren zu Klassiker gewordene Nummern wie The Golden Throne haben ebenfalls nicht an Frische verloren.

Ich würde nicht sagen, dass wir eine psychedelische Band sind. Ich würde uns eher als experimentelle Pop-Band bezeichnen.

James Bagshaw, Temples

Den Engländern ist es wichtig, nicht einfach als Retroband wahrgenommen zu werden, welche die Vergangenheit zelebriert. Vielmehr spielen sie mit Elementen der 60er- und 70er-Jahren, um sie mit moderner Technologie zu verbinden. Temples sind frisch und neu, auch wenn sie zu Teilen eine frühere Ära aufleben lassen. Bagshaw würde seine Band so auch nicht als psychedelische Band, sondern als experimentelle Pop-Band bezeichnen. Den Titelsong des neusten Pop-Experiments Hot Motion bringen die Musiker in der Mitte des Sets auf die Bühne. Im Anschluss folgen mit The Beam und Context gleich zwei weitere neue Tracks. An letzterem haben sich die Songwriter James Bagshaw und Bassist Tom Walmsley die Zähne ausgebissen. Am Anfang stand die Zeile When you put it in context it makes sense. In diesem Sinne wollten sie einen surrealen Text erschaffen, der jeweils mit den letzten Worten der Strophe im Zusammenhang wieder Sinn ergibt – keine einfach Aufgabe.

Temples

Volles Haus im Mascotte. Um auf der Galerie auch in der zweiten Reihe etwas zu sehen, muss man sich auf die Zehenspitzen stellen.

Wilde Ausbrüche eingerahmt in Vertrautes

Der neue Song Atomise beginnt ganz sanft, um im Mittelteil in die wildeste Gitarrien-Orgie auszubrechen, die Temples jemals geschrieben haben, bevor er sich wieder in harmonischem Gesang auflöst. Diese wilde Nummer wird von zwei alten Bekannten umrahmt. Keep in the Dark und Shelter Song stehen davor und danach auf der Setlist und bilden zusammen mit dem Hot Motion-Track den stimmungsvollen Abschluss. Auch als Zugabe greifen Temples auf ihr Debüt zurück. Mit Mesmerise runden sie den Abend ab.

Temples

Experimenteller Pop von Temples im Mascotte Zürich.

Fazit

Je länger es Temples gibt, desto klarer spürt man die Abgrenzung von reiner Nostalgie. Die Engländer haben sich einem Gefühl vergangener Tage verschrieben, ohne aber die Gegenwart zu vergesen. Immer wieder bringen sie neue Elemente in ihren Kosmos. Die Ideenvielfalt der Band aus Ketting scheint noch lange nicht ausgeschöpft zu sein. Spannende Melodien gepaart mit dem Gesang von James Bagshaw sorgen dafür, dass man Temples ewig zuhören könnte.