Interview mit Stereophonics Bassist Richard Jones:
Wir waren Freunde, bevor wir die Band hatten.

In Interviews by indiespect

Stereophonics haben ihr elftes Album namens «Kind» im Oktober 2019 veröffentlicht. Es ist das siebte Nummer-1-Album für die walisische Band in Grossbritannien. Sie starteten 1992 als Trio und haben seither alle Höhen und Tiefen gemeinsam erlebt. Vor ihrem ausverkauften Konzert im Volkshaus Zürich sprach Bassist und Gründungsmitglied Richard Jones über die Dinge, die Stereophonics formten und warum es für sie so wichtig ist, vor Beginn der Band bereits Freunde gewesen zu sein.

Stereophonics sind:

Kelly Jones (Gesang, Gitarre)
Richard Jones (Bass)
Adam Zindani (Gitarre)
Jamie Morrison (Schlagzeug)

Indiespect: Gratulation zu eurem jüngsten Erfolg mit «Kind». Es ist euer siebtes Nummer-1-Album in Grossbritannien. Bedeuten euch Chart-Platzierungen noch etwas?

Richard Jones: Wir versuchen uns immer einzureden, dass es uns nicht viel bedeutet. Aber jedes Mal wenn es passiert, macht es uns noch immer richtig stolz. Die Tatsache, dass etwas, das wir erschaffen haben, den Menschen so viel bedeutet, dass sie losziehen und es kaufen. Darüber denkst du nicht wirklich nach, wenn du im Studio bist oder am Album arbeitest. Es beginnt erst in der Woche, in der das Album auf den Markt kommt. Dann beginnst du zu denken: Oh, könnte es vielleicht…?

Indiespect: «Kind» ist ein intimes Album. Ich habe gehört, dass ihr es beinahe live im Studio eingespielt habt.

Richard: Das ist richtig.

Indiespect: Welchen Einfluss hatte das auf den Klang des Albums?

Richard: Wenn du deine Performance einfangen möchtest und nicht auf Perfektion aus bist, passiert das unausgesprochen. Da sind fünf Leute im Raum, die alle miteinander spielen. Niemand weiss genau, was der nächste Schritt ist, weil du nicht alles ins Detail geprobt hast. Wir sind alle Kellys Melodien und Texten gefolgt.

Temples

Jamie Morrison, Adam Zindani, Kelly Jones, Richard Jones (v.l.n.r.)

Indiespect: Fühlt es sich also immer noch ein wenig wie eine Jam-Session an?

Richard: Wir haben die Songs vorher gekannt. Ich wollte sie auf diesem Album jedoch nicht zu oft spielen, bevor wir ins Studio gingen. Ich habe mir nicht wirklich viele Gedanken dazu gemacht. Ich wollte einfach da reingehen und spontan sein. Das ging uns glaube ich allen so. Als wir dann im Studio waren begannen wir einen Song zu spielen, starteten die Aufnahme und hörten sie uns danach an. Falls sie uns gefiel, behielten wir sie. Wir brauchten ungefähr zwei bis drei Takes für jeden Song. Wir wussten, wann wir das eingefangen hatten, was wir benötigten..

Indiespect: Wenn ihr nicht zufrieden damit wart, habt ihr dann alles zusammen noch einmal eingespielt, nicht getrennt?

Richard: Ja. Manchmal, wenn Kelly gleichzeitig Gitarre gespielt und gesungen hat, gab es einen Mix, weil die Gitarren ein wenig in die Gesangs-Mikrofone kamen. Das mussten wir dann manchmal separieren. Aber sonst wurde so ziemlich alles von uns fünf im selben Raum eingespielt. Danach legten wir fest, ob wir noch Overdubs brauchen. Bei einigen Songs haben wir Freunde von uns ins Studio genommen, um Backing-Vocals zu singen, zu klatschen oder andere Dinge. Wir haben alles nicht zu sehr durchdacht. Wir wollten sehen was funktioniert und haben es dann so belassen.

Stereophonics

Stereophonics während ihrem ausverkauften Konzert im Volkshaus Zürich.

Indiespect: Kellys Texte sind sehr persönlich. Gab es einen Song, bei dem du zunächst schockiert warst, als du hörtest, was in seinem Kopf vorging?

Richard: Es geht nicht so sehr darum, was vorgeht. Er kann was in seinem Leben vorgeht in eine Geschichte übertragen. Er nimmt dich mit auf eine Reise. Es gibt viele Momente, in denen du Kelly beim Singen zuhörst und die Geschichte dich wirklich trifft. Was er singt, bedeutet jedem so viel. Das ist die Schönheit daran, ein Songwriter zu sein. Wenn du bei jemandem eine Verbindung schaffst, mit etwas dass du erlebt hast, hat die andere Person offensichtlich selbst Erfahrung damit.

Indiespect: Für dich muss es noch spezieller sein, weil ihr euch kennt, seit ihr Kinder wart. Ihr scheint noch immer Freunde zu sein, die oft miteinander sprechen. Du kennst also wahrscheinlich die Geschichten teilweise bereits, bevor er sie in einem Song verarbeitet.

Richard: Manchmal sind die Geschichten auch abgeändert. Er fügt etwas hinzu, damit es Sinn macht. Er nimmt eine kleine Geschichte aus seiner persönlichen Sicht. Um das gesamte Bild zu zeichnen, fügt er Dinge hinzu. Es gibt einen Track auf dem Album und der ist… er spricht über einen Freund von uns. Wenn ich den Song höre, kommen viele Emotionen bei mir hoch.

Old friends, they grow old
Some don't make it at all
Those times, they were just gold

Auszug aus «This Life Ain't Easy (But It's The One That We All Got)»

Indiespect: Du meinst «This Life Ain’t Easy (But It’s The One That We All Got)», welches mit den folgenden Zeilen beginnt: Old friends, they grow old. Some don’t make it at all?

Richard: Ja, genau das ist es. Ich bin schrecklich mit Song-Titeln. Ich habe so viele Songs im Kopf. Um auf den Namen zu kommen, muss ich eine Melodie hören oder einen Teil vom Text. Als der Song aufgenommen wurde, wusste ich bei jeder Zeile genau, über was er sprach.

Indiespect: Weil ihr dieselben Emotionen durchlebt habt?

Richard: Die gleichen Emotionen, weil wir zusammen aufgewachsen sind. Wir waren zusammen auf Tour, wir haben dieselben Menschen kennengelernt. All diese Geschichten passierten mir gleichermassen wie Kelly. Er schreibt auf eine Art, mit welcher man sich verbunden fühlt. Sogar wenn du nicht weiss, um wen es in der Geschichte genau geht, kannst du eine Verbindung zum Song aufbauen, weil du mit jemandem in deinem Leben die gleiche Verbindung hast.

Indiespect: Wie du sagtest, es ist schwierig, sich an all eure Songtitel zu erinnern. Ihr habt elf Alben und es gibt viele Live-DVDs sowie Dokumentationen. Wenn jemand beginnen möchte, euch zu hören und Stereophonics noch nicht kennt, was würdest du der Person zum Einstieg empfehlen?

Richard: Ich glaube, wenn sie die Band noch nie live gesehen haben, ist das, was uns aktuell am meisten repräsentiert entweder das neue Album oder unser Album Graffiti on the Train.

Stereophonics

«Kind» ist das siebte Nummer-1-Album der Stereophonics in Grossbritannien. Das Cover wurde von Kelly Jones‘ Tochter Bootsy gemalt.

Indiespect: Warum denkst du im Speziellen an diese beiden?

Richard: Es ist die Art, wie wir aktuell auftreten und es bildet unsere Einstellungen am besten ab. Uns gefällt was wir tun. Wir haben einfach Selbstvertrauen, dass das was uns zufriedenstellt, anderen Menschen hoffentlich dieselbe Befriedigung gibt. Aber es gibt keinen Ersatz dafür, eine Band live zu erleben. Auf der Bühne können wir verschiedene Versionen von uns selbst zeigen. Mit unseren elf Alben kannst du nicht sagen, dass eines davon wiedergibt, wer wir sind. Wenn du an ein Live-Konzert kommst, können wir den Leuten zeigen, welche Reise wir hinter uns haben.

Auf der Bühne können wir verschiedene Versionen von uns selbst zeigen. Mit unseren elf Alben kannst du nicht sagen, dass eines davon wiedergibt, wer wir sind.

Richard Jones, Stereophonics
Stereophonics

Stereophonics zeigen alle verschiedenen Versionen von sich auf die Bühne.

Indiespect: Ich habe unter anderem auch an die Reise gedacht, nicht nur an die Musik. Es gibt so viele Dinge, die ihr als Band erlebt habt und ihr seit beinahe Tür an Tür aufgewachsen. Ihr seid eine grosse Band. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht immer leicht ist auf diesem Level die Freundschaft aufrecht zu erhalten.

Richard: Das Beste an der Band und unserer Freundschaft ist, dass wir Freunde waren, bevor wir die Band hatten. Als wir dann begannen Musik zu spielen und den Menschen zeigten, was wir tun möchten, wussten wir, dass es funktioniert. Wir haben denselben Musikgeschmack, dieselben Gefühle. Bei den Stereophonics geht es nicht um Richard Jones oder Kelly Jones, es geht um die Stereophonics. Alles, was ich immer wollte, ist das Beste für die Band zu tun und dafür zu sorgen, dass die Band die beste Version von sich selbst ist. Das ist das, was wir die ganze Zeit versuchen.

Das Beste an der Band und unserer Freundschaft ist, dass wir Freunde waren, bevor wir die Band hatten.

Richard Jones, Stereophonics

Indiespect: Ihr habt zu dritt angefangen. Du hast einmal erzählt, dass du zu Beginn immer wieder Lücken füllen musstest, weil ihr nur drei Personen in der Band wart. Wie hat sich das verändert, seit ihr nun vier Musiker in der Band seid und noch mehr auf der Bühne?

Richard: Ja. Wir haben unsere Techniken auf jedem Album geändert. Ich versuche immer etwas Neues zu finden, das ich tun kann. Einige meiner liebsten Bassisten sind sehr technisch und machen viele, viele verschiedene Sachen. Ich weiss, dass das nicht zu unserer Musik passt, aber ich kann kleine Elemente von diesen Musikern in verschiedene Songs einfliessen lassen. Wir hatten schon immer einen breit gefächerten Musikgeschmack. Uns gefällt Country-, Punk-, Rock-, Heavy Metal- oder Soul-Musik. Wir versuchen von jedem Stil die besten Elemente zu nehmen und in unseren Songs zu kombinieren – im Studio und auf der Bühne.

Stereophonics

Kelly Jones ist der Geschichtenerzähler der Stereophonics.

Indiespect: Das neue Album trägt die Stimmung von amerikanischer Country-Musik in sich. Was ist der Grund dafür, dass ihr so anders klingt als englische Bands, obwohl ihr ihnen geografisch näher seid, als den amerikanischen?

Richard: Ich glaube, auch das hat mit der Musik, die wir früher hörten und auch jetzt noch hören zu tun. So ziemlich alle von unseren Lieblingsband als wir aufgewachsen sind, waren Amerikaner. Als wir Teenager waren, war die Grunge-Szene sehr beliebt. Unsere Lieblingsbands zu dieser Zeit waren Pearl Jam, Soundgarden, Nirvana oder Black Crowes. Sie hatten alle einen grossen Einfluss auf unsere Band. Eine grosse Band names The Tragically Hip hatten ebenfalls grossen Einfluss. Uns gefallen auch ältere Bands wie die Eagles, Neil Young oder Bob Dylan. All diese Einflüsse kommen bei uns zusammen. Zudem bin ich ein riesiger Johnny Cash-Fan. Seine letzten Alben, die er mit Rick Rubin aufgenommen hatte, haben mich die letzten zehn Jahre stark beeinflusst. Tom Petty natürlich auch. (lacht)

Indiespect: Ich verstehe. Jetzt habe ich einen guten Eindruck von den Einflüssen eurer Band erhalten. Vielen Dank für deine Zeit.

Richard: Danke dir.