Stereophonics im ausverkauften Volkshaus Zürich: Walisischer Mix aus Stadionrock und Tiefgründigkeit

In Reviews by indiespect

Stereophonics mit «Kind» zum siebten Mal an der Spitze der UK-Charts

Kelly Jones und seine Band liegen nie auf der faulen Haut. Im Oktober 2019 veröffentlichten die Waliser mit Kind ihr elftes Studioalbum. Es ist inspiriert von amerikanischer Country-Musik und ist sehr persönlich geworden. Das sind nicht Indizien, die zwangsläufig auf einen Chart-Erfolg hindeuten. Nichtsdestotrotz hat es Kind bereits als siebtes Album der Stereophonics an die Spitze der UK-Charts geschafft. Für Sänger Kelly Jones und dem trotz gleichen Nachnamen in keinem Verwandtschaftsverhältnis stehenden Bassisten Richard Jones ist dies jedoch nur eine erfreuliche Nebenerscheinung. Sie kennen sich praktisch seit Geburt und haben seither alle Höhen und Tiefen gemeinsam durchlebt. Diese Erfahrungen sind in den Texten von Stereophonics verankert. So wirkt die Band trotz ihrer Grösse noch immer authentisch und leidenschaftlich. Gestern fanden Stereophonics endlich wieder einmal den Weg in die Deutschschweiz und spielten ein Konzert im ausverkauften Zürcher Volkshaus.

Stereophonics

Musiker durch und durch: Stereophonics im Volkshaus

Durch eine bewegte Geschichte mehr als eine Band

Gestartet haben die Waliser 1992 zu dritt. Kelly Jones, Richard Jones und Stuart Cable waren damals wie Brüder. Cable, der am Schlagzeug sass, kam jedoch mit dem zunehmenden Erfolg nicht immer gut klar, verfiel dem Alkohol und wurde dadurch immer unzuverlässiger. Seine Probleme hat der Musiker im Buch Demons and Cocktails: My Life with «Stereophonics» festgehalten. 2003 musste der Schlagzeuger die Band verlassen – Freunde blieb man trotzdem. 2010 verstarb Cable an den Folgen von übermässigem Alkoholkonsum. Die Nachwirkungen dieses tragischen Ereignisses spürt man in den Texten von Kelly Jones bis heute. So gibt es auch auf dem aktuellen Album beim Track This Life Ain’t Easy (But It’s The One That We All Got) eine klare Referenz an den verlorenen Freund. Hier lauten die ersten Zeilen:

Old friends, they grow old
Some don't make it at all
Those times, they were just gold

This Life Ain't Easy (But It's The One That We All Got, Stereophonics
Stereophonics in Urbesetzung

Stereophonics in ihrer Urbesetzung

Die gemeinsame Vergangenheit und die Verletzlichkeit machen aus den Stereophonics viel mehr als nur Schöpfer von Hits wie Dakota oder Maybe Tomorrow. Seit ihrer Gründung haben sich die Waliser den Ruf einer exzellenten Live-Band erarbeitet. In Zürich zeigen sie einmal mehr, wie gerechtfertigt er ist. Die Setlist ändert sich bei jedem Tour-Stopp. Im Studio ist die Formation mittlerweile ein Quartett geworden, auf der Bühne kommen noch einmal zwei weitere Musiker dazu. Gemeinsam erschaffen sie musikalische Perfektion. Es geht nicht darum mit Stadionrock alle zum Jubeln zu bringen – obwohl die Stereophonics auch dieses Spiel beherrschen – sondern darum, die Fans einzubinden und Emotionen zu teilen. Ein Stereophonics-Publikum sollte in der Lage sein, sich auf verschiedenste Stimmungen einzulassen.

Adam Zindani

Adam Zindani ist seit 2007 Teil der Band.

Fan-Wunsch erfüllt sich nach 17 Jahren

Alles ist möglich. Was bei anderen eine Floskel wäre, ist bei Kelly Jones die Wahrheit. Zwischen den Radiohits Maybe Tomorrow und Have A Nice Day erfüllt der Sänger einem Fan in der ersten Reihe einen lang gehegten Traum. So meint Kelly, seit ungefähr 20 Jahren wünsche sich die besagte Dame einen ganz speziellen Song, diesen würden sie nun spielen. Also weicht die Band kurzerhand von der Setlist ab und performt zum ersten Mal seit siebzehn Jahren den Track Climbing The Wall vom 2003er-Album You Gotta Go There to Come Back. Auch sonst meinen es die Stereophonics gut mit Zürich. Den gleichnamigen Titeltrack vom Album Graffiti On The Train gibt es genauso zu hören, wie die aussergewöhnliche Scream Above the Sounds-Single All In One Night.

Das Artwork von «Kind» ziert auch das Schlagzeug. Gemalt wurde es von Bootsy Jones, Kelly Jones‘ ältester Tochter.

Es folgt eine Reihe ruhigerer Kompositionen. Die Texte sind nicht nur schön, sondern musikalische Therapie, wie der erwähnte Track This Life Ain’t Easy (But It’s The One That We All Got) oder das mit Optimismus gespickte Stitches. Mit 21 Songs liefern die Waliser eine stattliche Show ab, vor allem wenn man bedenkt, dass hier die Zugaben noch nicht mitgezählt sind. Dabei setzen sie auf ihre Musik, statt auf ein ausgefallenes Bühnenbild. Hinter den Musikern hängt lediglich ein einfacher Vorhang und grosse Lampen beleuchten die Band stimmungsvoll von hinten, während eine Lichterkette zeitweise an die Abschlussparty einer Highschool erinnert. Für das Ende hat sich die Band nach Just Looking mit A Thousand Trees einen Song vom Debütalbum Word Gets Around aus dem Jahr 1997 aufgespart.

Stereophonics

Mit der Gitarre auf dem Klavier: Höchste Rockstar-Noten für Kelly Jones.

Anekdoten und den grössten Hit zum Abschluss

Als Einstieg in den Zugabenblock erzählt Kelly Jones von einer prägenden Zeit für die Band. Stereophonics durften 2004 David Bowie auf seiner A Reality Tour in Amerika als Support-Act begleiten. Es war die letzte Tour, die Bowie vor seinem Live-Ruhestand spielte. Jones erinnert sich, wie Bowie beim Soundcheck in den leeren Rängen sass und der jungen Band aufmerksam zusah, wie sie daran tüftelte, den besten Sound aus ihren Instrumenten zu bekommen. Sie hätten dann jeweils extra schnell gemacht, weil sie ihrem Helden nicht wichtige Zeit stehlen wollten. Das auf die Anekdote folgende Elevator erschien auf Scream Above The Sounds, welches etwas mehr als ein Jahr nach Bowie’s Tod auf den Markt kam. Im Kontrast dazu singen Stereophonics anschliessend mit C’est La Vie eine Hymne aufs Leben.

Thinkin' back, thinkin' of you
Summertime, think it was June
Yeah, I think it was June

Dakota, Stereophonics

Der Song, der beinahe «Vermillion» hiess

Ganz bis zum Schluss haben sich die Waliser ihren grössten Hit aufgehoben. Dakota versetzt das Volkshaus noch ein letztes Mal in Ekstase. Dass die Nummer-1-Single beinahe einen anderen Namen getragen hätte, verriet Kelly Jones in einem Interview. Sie hätten den Song in einer Stadt namens Vermillion aufgenommen und wollten ihm deshalb diesen Titel geben. Da jedoch knapp zwei Wochen vor der geplanten Veröffentlichung die Band Slipknot einen Song mit ebendiesem Titel rausbrachte, sahen sich Stereophonics gezwungen ihn kurzerhand zu umzubenennen. Also haben sie sich für Dakota entschieden, weil Vermillion im Bundesstaat South Dakota liegt. Mit der Zeile So take a look at me now endet ein über zweistündiges Konzert der Extraklasse im Volkshaus Zürich.

Stereophonics

Für «Dakota» gehen die Hände ein letztes Mal in die Höhe.

Fazit

Stereophonics sind in der Schweiz vielleicht nicht so bekannt wie Oasis oder Blur. Sie zählen neben diesen Namen aber zu den ganz grossen Bands in Grossbritannien. Diesen Status merkt man ihnen aufgrund ihrer Bandgeschichte und der Leidenschaft zu gehaltvoller Musik zu keiner Sekunde an. Das macht die Waliser zu einer noch eindrucksvolleren und sympathischeren Band.