Nothing But Thieves

Rezension:
Nothing But Thieves – Moral Panic

In Album-Tipps, Highlights by indiespect

Moral Panic
  1. Unperson
  2. Is Everybody Going Crazy?
  3. Moral Panic
  4. Real Love Song
  5. Phobia
  6. This Feels Like the End
  7. Free If We Want It
  8. Impossible
  9. There Was Sun
  10. Can You Afford to Be an Individual?
  11. Before We Drift Away

Künstler: Nothing But Thieves

Album-Titel: Moral Panic

VÖ: 23.10.2020

9/10

Nach 2015 und 2017 folgt am Freitag, 23. Oktober 2020, mit «Moral Panic» das dritte Album von Nothing But Thieves. Seit fünf Jahren spielen sich die fünf Engländer immer weiter nach oben. Die Hallen werden nicht nur im Heimatland kontinuierlich grösser. Zum Glück bleibt dabei die Kreativität nie auf der Strecke. Die Band um Sänger Conor Mason zeigt sich auf dem neuen Album so vielseitig und abwechslungsreich wie noch nie.

«Moral Panic»: Nothing But Thieves befreien sich von allen Fesseln

Der Grundtenor ist bei Nothing But Thieves eher düster. So klingt auch der Albumtitel Moral Panic nicht unbedingt nach der Leichtigkeit des Seins und fröhlich tanzenden Menschen im Sonnenschein. Die Schwere wandeln die Engländer aber auch auf ihrem dritten Album in alle möglichen Arten von Energie um. Erneut strotzt die Band dabei vor Kreativität und lässt sich nicht einengen – auch wenn sie mit ihren Videos gerne klaustrophobische Gefühle hervorrufen.

Track by Track

Das ist nicht das, was du glaubst – es ist schlimmer. So optimistisch ist der lyrische Auftakt mit Unperson. Untermalt werden die düsteren Passagen von einem treibenden Rhythmus der immer wieder von ruhigen Phasen unterbrochen wird. Diese lassen den Einsatz der Gitarren im Anschluss dafür umso brachialer wirken.

Ungemein catchy wird es bei Is Everybody Going Crazy? Der Track enthält gleich mehrere Riffs, bei welchen deren Schöpfer ein breites Grinsen auf dem Gesicht haben musste, als sie den Weg aus dem Kopf in die Saiten gefunden haben. Gitarre und Bass dominieren hier in einer Doppelspitze.

Der Titeltrack Moral Panic ist anders als erwartet. Die Panik kommt nicht mit lautem Trommelwirbel sondern schleicht sich ganz sanft an. Erst gegen die Mitte des Song setzt ein treibendes Schlagzeugspiel ein. Die Instrumentierung bleibt mit Pianoklängen und Beats jedoch ungewohnt anders und klingt dabei in Teilen nach den frühen 90ern.

Für Conor Mason’s Verhältnisse klingt seine Stimme bei Real Love Song schon beinahe tief. Zumindest bis zum Refrain. Mit dem perfekten Mass an Schwere wird dieses Liebeslied zu einem Genuss für die Ohren. In Zwischenpassagen erinnert es instrumental an Placebo.

This is a love song, real love
Dirty rip out the whole of your soul love
I’ll hate myself for days love
Sitting all alone and listening to Nick Cave loveReal Love Song, Nothing But Thieves

Phobia könnte bis zur Hälfte problemlos ein Track von Billie Eilish sein. Hier müssen Nothing But Thieves ohne Zweifel von der jungen Amerikanerin beeinflusst worden sein. Dennoch ist es kein Abklatsch. Wo bei Eilish die wilden Beats einsetzen, kommen bei den Engländern harte Riffs zum Einsatz. Phobia ist ein garantierter Live-Kracher, der wunderbar als Opener fungieren könnte, sobald wieder Konzerte in dieser Grössenordnung stattfinden dürfen.

Ein Drumcomputer scheint die erste Minute von This Feels Like The End zu bestimmen, bis die organische Besetzung übernehmen darf. Im Refrain klingt es dafür wieder nach einem klassischen Nothing But Thieves-Song, bevor plötzlich gesprochene Passagen wie aus einem Funkgerät erklingen.

Free If We Want It ist der erste richtig optimistische Titel auf dem Album. Das traurige daran ist, dass er dafür musikalisch eher zu den schwächeren Songs gehört. Vielleicht brauchen Nothing But Thieves die richtig tiefen Gefühle und eine gewisse Verzweiflung, um die ganz grossen Melodien zu schreiben.

Diese tiefen Gefühle entfesselt Conor Mason dann bei Impossible. Hier ist Gänsehaut vorprogrammiert. Sei es in der Studioversion oder in der speziellen Orchester-Aufnahme in den Abbey Roads Studios. Impossible ist ohne Zweifel einer der stärksten Songs, den die Engländer je geschrieben haben. Wunderschön, kraftvoll und herzzerreissend.

I could drown myself in someone like you
I could dive so deep I never come out
I thought it was impossible
But you make it possibleImpossible, Nothing But Thieves

In andere Sphären driftet Free If We Want It. Der Vibe erinnert an neuere Songs von Hurts. Synthesizer verweben sich mit hellen Gitarrenklängen. Gegen Ende wird es erst noch einmal richtig wild, bevor der es in einen ganz sanften Ausklang übergeht.

Was ist das? Individual klingt so ganz anders. Man kann sich kaum auf den Gesamteindruck konzentrieren, da hier so viel passiert. Zahlreiche Rhythmen, Melodien und Patterns mischen sich zu einem faszinierenden Klangerlebnis zusammen. In seiner Kraft trägt es etwas von Rage Against The Machine in sich.

Nach dem Ausbruch geht Moral Panic mit Before We Drift Away sanfter dem Ende entgegen. Zum Abschluss holen sich Nothing But Thieves Unterstützung einer String-Section. Diese führt den Song in cineastische Sphären. Es ist ein Aufbruch in neue Welten, der aufzeigt, dass es für die Engländer keine Grenzen gibt.

Nothing But Thieves

Nothing But Thieves: Philip Blake, Joe Langridge-Brown, Conor Mason, Dominic Craik, James Price (v.l.n.r.)

Fazit

Es müsste sehr vieles schief laufen, wenn Nothing But Thieves mit ihrem dritten Album Moral Panic nicht noch bekannter werden würden. Die Engländer sprudeln auch fünf Jahre nach ihrem Debüt vor Kreativität und schaffen es, ihren Stil weiter zu festigen und gleichzeitig zu erweitern. Das Quintett hat alle Zutaten, um mit ihrer Musik in Zukunft weltweit die grössten Bühnen zu bespielen.

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