Sam Himself in der Kammgarn Schaffhausen:
Glücklicher Gefangener im Heimatland.

In Reviews by indiespect

Sam Himself: Glück im Unglück

Anders als geplant ist Sam Himself auch im Herbst noch in der Schweiz. Der Basler ist vor zehn Jahren in die weite Welt gezogen, um fortan in Brooklyn zu leben. Seither ist er jährlich für zwei bis drei kürzere Besuche in seine Heimat gekommen. Doch 2020 lässt ihn diese nicht mehr so rasch los. Eigentlich wäre im Frühjahr eine Tour mit Anna Rossinelli auf dem Plan gestanden. Nach dem ersten gemeinsamen Gig musste die Tour erst in den Herbst verschoben und nun komplett abgesagt werden. Für Sam war es zu diesem Zeitpunkt bereits zu spät, in seine Wahlheimat zurückzukehren. Gefangen im eigenen Heimatland hat der Musiker die Zeit genutzt, um sich in die Herzen der Schweizer gespielt. Gestern stand der Musiker mit der tiefen Stimme zusammen mit seiner Band zum ersten Mal in Schaffhausen auf einer Bühne.

Der strenge Blick von Sam Himself verbirgt eine grosse Stimme.

EP, SRF 3 Best Talent und ein voller Terminkalender

Ende Mai veröffentlichte Sam Himself seine neue EP Slow Drugs. Wie viele andere hatte auch er mit dem Gedanken gespielt, den Release zu verschieben. Im Rückblick war es mit Sicherheit die richtige Entscheidung, dies nicht zu tun. Obwohl keine Konzerte gespielt werden konnten, fand seine Musik Gehör. Unter anderem erfuhr Sam grossen Support von der SRF 3-Moderatorin Judith Wernli. So wurde der Basler als SRF 3 Best Talent im Juni 2020 ausgezeichnet und erhielt durch diesen Titel Airplay und die Aufmerksamkeit eines grossen Radiopublikums. Diesen Schwung nimmt er seither mit. Die Termine fliegen Sam Himself aktuell  förmlich zu. Solange Corona noch wütet, sind Konzerte zwar nicht das, was sie vorher waren, aber man spürt deutlich, wie gut es den Bands und den Musikliebhaber tut, endlich wieder in einem Raum vereint zu sein.

Mit Fellmütze in den hohen Norden

Entgegen seinem Namen ist Sam Himself nicht alleine nach Schaffhausen gereist. Für seinen Auftritt in der Kammgarn hat er eine komplette Band dabei. Zu fünft betreten die Musiker die Bühne. Sam hat eine Fellmütze auf dem Kopf. Entweder ist er direkt aus der Kälte gekommen oder er will seine Haarpracht noch etwas vor neugierigen Blicken schützen. Das Set wird mit 199X, einem Song von 2018, eröffnet. Die markante Stimme erklingt live glasklar aus den Boxen.

Sam Himself

Vor einem Jahr liess sich Sam Himself für ein Videoclip die Haar blondieren, seither ist er diesem Stil treu geblieben.

Warmgespielt, wird die Fellmütze nach dem ersten Track überflüssig. Nun kommt der mittlerweile vertraute Blondschopf zum Vorschein. In den neuen Videos ist die Haarfarbe zum Erkennungsmerkmal des Sängers geworden. Doch noch bis vor etwas mehr als einem Jahr hat er ganz anders ausgesehen. Seine braunen Haare sind erstmals für einen Videodreh gefärbt worden. Seither ist Sam Himself 2.0 unterwegs. Diese Optik und die neue EP Slow Drugs sind eng miteinander verbunden. Ebenso vereint sie die USA mit der Schweiz. Aufgenommen wurden die fünf Songs nämlich im Strange Weather Studio in Brooklyn, die Videoclips entstanden in der Schweiz. Die Vielfältigkeit seiner Heimat, zeigt er durch die Wahl der Drehorte. Für Clip zum Titeltrack Slow Drugs ging es in die Walliser Alpen, für Like A Friend ins urbane Nachtleben des Langstrassen-Viertels in Zürich.

Sam Himself

Fliegender Besetzungswechsel bei Sam Himself

Studiolegenden und Tour-Familie

Die EP wurde von Daniel Schlett produziert und aufgenommen. Dieser arbeitet sonst unter anderem mit Indie-Grössen wie The War on Drugs, DIIV und Amen Dunes zusammen. Durch seine Vernetzung in der Szene, konnte er auf erfahrene Studiomusiker zurückgreifen. Am Schlagzeug sass bei den Aufnahmen Parker Kindred, welcher mit Jeff Buckley gespielt hat. Am Bass war Josh Werner mit von der Partie, der auch schon für den Wu Tang Clan die Saiten zupfte. Natürlich ist es eine spezielle Erfahrungen mit solchen Musikern im Studio zu sein, doch für eine Live-Tour braucht man Freunde, die mit einem die Fahrten im kleinen Bandbus auf sich nehmen. Da Sam Himself entweder mit kompletter Band, in Trio-Besetzung oder alleine Konzerte spielt, ist diese Live-Familie mal grösser, mal kleiner. In Schaffhausen ist sie komplett und besteht aus Benjamin Noti (Lead-Gitarre), Georg Dillier (Bass), Cedric Vogel (Keys) und Philipp Gut (Schlagzeug).

Sam Himself

Ein Hauch von Bruce Springsteen in den Kammgarn.

Das Eigenleben der Akustik-Gitarre

Seine Akustikgitarre will an diesem Abend nicht immer, wie Sam es gerne hätte. Im Zusammenspiel mit der Band verstimmt sie sich von Zeit zu Zeit, weswegen der Sänger sie einmal im Gitarrenständer ruhen lässt und stattdessen die Bierflasche als Ersatz für sein Instrument den Platz in der Hand bekommt. Für sein Bruce-Springsteen-Cover Dancing in the Dark muss die Gitarre jedoch nur mit seiner Stimme harmonieren, denn nun steht der Basler alleine auf der Bühne und besticht mit seiner gefühlvollen Interpretation des Klassikers.

You can't start a fire
You can't start a fire without a spark
This gun's for hire
Even if we're just dancin' in the dark

Dancing in The Dark, Bruce Springsteen

Während bei den Tracks von Slow Drugs das Tempo eher gemächlicher ist und ein Gefühl von Melancholie mitschwingt, ist der Takt bei Nobody spürbar schneller. Der Song von 2018 hat auf YouTube über 550’000 Aufrufe und stimmlich erinnert Sam Himself hier teilweise an Editors-Sänger Tom Smith. 

Sam Himself

Berndeutsch zum Abschied

Von Bruce Springsteen zu Kuno Lauener

Die Schaffhauser bekommen die gesamte Bandbreite geboten. Melancholiker, Springsteen-Fans und zum Ende sogar noch die Anhänger von Züri West kommen auf ihre Kosten. Bereits beim Besuch im Radiostudio von SRF3 coverte Sam Himself deren Fingt ds Glück eim? – und das mit beeindruckend authentischem Berner-Dialekt. Der Basler macht charmant einen auf Kuno Lauener ohne lächerlich zu wirken, wenn er singt: öpper schteut es zwöits Tassli uf e Tisch. Mit dieser Interpretation verabschieden sich die Basler vom Publikum. Hoffentlich können sie bei einer Rückkehr wieder unter normalen Umständen spielen. Ganz ohne Contact Tracing und Schutzkonzepte.

Sam Himself

Fazit

Es ist schön zu sehen, wie Sam Himself die DNA der USA und der Schweiz in seine Musik einfliessen lässt. Durch seinen mutigen Schritt, nach Brooklyn auszuwandern, gibt er seinen Songs etwas internationales und durch die Bilder in seinen Clips oder das Züri West-Cover zelebriert er seine Heimat. Von Studiomusikern die schon mit den ganz grossen gespielt haben, wechselt er zu einer Band aus Freunden, die mit voller Leidenschaft zusammen auf der Bühne stehen und die Schweiz bereisen – in einer Zeit in der es den Menschen so gut tut, endlich wieder Live-Musik zu hören.