Tim Freitag – Orion’s Belt:
Der Song, den es (fast) nie gab

In Spektrum by indiespect

In der heutigen Zeit sind wir uns gewohnt, dass wir alle Musik der Erde überall jederzeit verfügbar haben. Mit einem Klick startet der Stream. Früher war das anders. Vielleicht hat man einen Track im Radio gehört, den Titel verpasst und ihn jahrelang nicht mehr gefunden. Die Melodie war in Fragmenten noch im Kopf und hinterliess ein ganz eigenes Gefühl. Tim Freitag wollen uns diese Empfindungen wieder ins Gedächtnis rufen. Ihren neuen Song «Orion’s Belt» gab es nur ein einziges Mal am Radio zu hören.

«Monsters Forever»: Das verfluchte Monster von Tim Freitag

Die Zürcher Indie-Band Tim Freitag ist mit ihrem Debütalbum Monsters Forever ein bisschen verflucht. Bis es überhaupt erschien, dauerte es eine halbe Ewigkeit und seither wartet es auf seine Plattentaufe im Kaufleuten Zürich. Vereinzelte Live-Auftritte konnten die Zürcher zwar trotz Corona spielen, aber die grosse Würdigung des Albums musste seit März bereits zweimal verschoben werden. Mittlerweile wurden sämtliche der neun Albumtracks als Single mit dazugehörigem Video ausgekoppelt – viel mehr geht also nicht mehr. So wird die Taufe, sobald sie stattfinden darf, zum Abschluss des Kapitels Monsters Forever. Sofern alles gut läuft, ist es am Sonntag, 10. Januar 2021 so weit – zehn Jahre nachdem die Band ihren Anfang hatte.

Zur Rezension

Orion’s Belt: Die Macht der Vergänglichkeit

Statt nun einfach eine neue Single zu veröffentlichen, haben sich Tim Freitag etwas Einmaliges einfallen lassen. Am 20. Oktober 2020, dem Tag der Orioniden, gab es um genau 19:52 Uhr die einzige Möglichkeit den neuen Track Orion’s Belt zu hören. Sänger Janick Pfenninger stattet zu diesem Anlass der Sendung Punkt CH von Radio SRF 3 einen Besuch ab. Moderatorin Hana Gadze und der Sänger spannen die Zuhörer bis kurz vor 20 Uhr auf die Folter. Wie eine Sternschnuppe soll der neue Song erscheinen und nach dem ersten Airplay auch wieder aus dieser Welt verschwinden. Er findet sich auf keiner Playlist des Radios, auf keinem Streaming-Portal und auf keinem Datenträger. Ob die Komposition irgendwann Teil einer neuen Veröffentlichung wird oder nicht, steht noch in den Sternen. Nach Aussage des Musikers tut er das nicht.

Mein grosser Traum ist, dass jemand den Song wie früher mit dem Kassettenrekorder vom Radio aufnimmt.
Janick Pfenninger im «Punkt CH» auf SRF 3

So entsteht es nach Jahren von Shazam und Streaming also wieder – das Gefühl der Vergänglichkeit eines Musikstücks und sorgt dabei für einen Radiomoment, wie es ihn sonst nur früher gab. Tim Freitag haben es tatsächlich geschafft, dieses lange vergessene Gefühl aufleben zu lassen. Aus Angst den einen Moment zu verpassen traut sich eine Hörerin nicht, sich vom Radio zu entfernen und nimmt es sogar mit auf die Toilette. Ein anderer Hörer kommt deswegen als Präsident zu spät zu seiner Vorstandssitzung und noch andere reaktivieren ihre Kassettenrekorder, um den Track wie früher aufzunehmen.  Ein Kribbeln mischt sich mit Ungeduld und Vorfreude bis zur Erlösung. Während der Titel endlich über den Äther geht, lässt man sich von keinem Smartphone oder anderen Einflüssen ablenken.

Die musikalische Sternschnuppe Ist bereits Geschichte

Aus der Erinnerung bleibt einem nur der Versuch, zu beschreiben, was man gehört und gefühlt hat – fast wie wenn man am Morgen aus einem Traum errwacht. Definitiv ist die Weite und die Ferne des Weltalls in der Instrumentierung spürbar. Sie ist sphärischer als bei den bisherigen Kompositionen der Zürcher. Zudem wird Janick Pfenninger von einer weiblichen Gastsängerin unterstützt, die mit ihm das Abenteuer in Angriff nimmt. Wie ein Meteroid schiesst der Song auf unseren Planeten zu, bevor er als Sternschnuppe in der Erdatmosphäre verglüht. Was sich die Fans von Tim Freitag wünschen, wenn sie diese Sternschnuppe sehen (oder in diesem Fall hören), das dürfte wohl klar sein. Aber psst, auf keinen Fall verraten, sonst geht der Wunsch nicht in Erfüllung.

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