Interview mit Shout Out Louds: 20. Jubiläum «Howl Howl Gaff Gaff»

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Shout Out Louds waren Ende April anlässlich der Tour zum 20. Jubiläum ihres Debütalbums «Howl Howl Gaff Gaff» in München. Dieser Blog existiert seit 10 Jahren und die Schweden sind der Grund, weshalb es ihn überhaupt gibt. Um ein Interview mit der Band am Poolbar Festival in Feldkirch anzufragen, musste 2014 eine Plattform her. Das Gespräch mit Adam Oleinus und Ted Malmros war das erste von mittlerweile 57 Interviews. Grund genug, die beiden vor ihrem ausverkauften Auftritt im EVIL.LIVE ein weiteres Mal zu treffen.

Editors are:

Tom Smith (vocals, guitar, keys)
Russell Leetch (bass)
Ed Lay (drums)
Justin Lockey (guitar)
Elliott Williams (synths, guitar)
Benjamin John Power (synths)

Eine private Geburtstagsfeier, die zur ausverkauften tour mutierte

Vor 20 Jahren veröffentlichte eine junge Band aus Stockholm ihr DebütalbumUm das Jubiläum von Howl Howl Gaff Gaff zu zelebrieren, war eine private Feierlichkeit in Schweden geplant. Dass sich diese Idee in eine komplett ausverkaufte Tour verwandeln würde, hätten Shout Out Louds nicht gedacht.

Ted: Es begann als Party-Idee. Wir wollten etwas für unsere Freunde und die Leute, die an dem Album gearbeitet haben, in Stockholm organisieren. Dann kam eine Anfrage vom Cologne Popfest und wir dachten, wir könnten das Album von Anfang bis Ende auf die Bühne bringen. Daraus hat sich plötzlich eine Tour entwickelt.
 
Adam: Wir haben immer nach dem Ablauf Album, Tour, Pause, Album, Tour, Pause, gearbeitet. Jubiläums- oder Akustikshows hatten wir bisher nie gespielt. Aktuell haben wir keine neuen Songs, weil wir gerade alle in unseren Jobs arbeiten. Also ist das eine Gelegenheit, die Band wieder zusammenzubringen, abzuhängen und in der Vergangenheit zu schwelgen.
 
Ted: Wir waren überrascht, dass die Leute so begeistert reagierten. Wir waren uns nicht sicher, ob sie die Idee einer Jubiläumstour doof finden würden. Die Tickets waren jedoch überall sehr schnell ausverkauft. Wir bekamen Angebote, noch deutlich mehr zu spielen. Aber ist Eric ist wieder dabei und er kann nicht noch länger unterwegs sein.
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Things you do for an interview: Blog starten, damit man Shout Out Louds treffen kann. Damals beim ersten Interview, 2014 am Poolbar Festival in Feldkirch (AT)

Es kommt wieder zusammen, was zusammen gehört

Eric Edman ist Gründungsmitglied und der ursprüngliche Drummer der Band. Für das dritte Album Optica (2013) hat er zwar noch grosse Teile eingespielt, war aber bei der dazugehörigen Tour nur noch sehr vereinzelt bei Liveauftritten dabei. Das Konzert am Poolbar Festival 2014 war eine der wenigen Ausnahmen. Dass die Jubiläumstour in Originalbesetzung stattfindet, ist ein kleines Wunder.

Ted: Wir treffen ihn gelegentlich. Wir versuchen ihn zwar zu meiden, aber manchmal... (lacht)
 
Adam: Wir sind gute Freunde, also sehen wir uns. Aber es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass wir zusammen auf der Bühne stehen. Es macht Spass, ihn zurück zu haben. Wir reden aktuell viel über die alten Zeiten. 
Shout Out Louds

Wie in alten Zeiten: Eric Edman zurück am Schlagzeug von Shout Out Louds

Howl Howl Gaff Gaff war mit Songs wie Very Loud, The Comeback oder Please Please Please ein Indie-Hit. Es hat die junge Band direkt nach Amerika und in die grossen Late-Night-Shows geführt.

Adam: Die erste Show, in der wir auftraten, war Letterman. Ich erinnere mich, dass unser Label darauf gedrängt hat, dass wir «The Combeack» spielen. Wir wollten jedoch unbedingt «Very Loud» performen. David Letterman meinte damals, dass dies sein Lieblingssong sei. Es war toll, dass wir durch diesen Umstand unseren Wunschsong spielen konnten. Einige Monate später traten wir bei Leno auf, und da «The Combeback» die Single war, brachten wir diesen Track dort auf die Bühne. Einen Abend danach, zurück in unsem Hotel in L.A., lief eine Wiederholung der Letterman-Show auf einem anderen Sender. Wir spielten also im Grunde zwei verschiedene Songs zur gleichen Zeit, was wirklich cool war.

Bildlegende

Die tief verankerte schwedische dna

Trotz Medienpräsenz und dem Erfolg des Albums, setzten Shout Out Louds unterbewusst immer wieder die Handbremse an. Damals gab es Angebote länger in Amerika zu bleiben und am nächsten Album zu arbeiten, doch es zog die Musiker zurück nach Stockholm. Auch später in ihrer Karriere gönnten sie sich immer wieder Pausen. Adam reiste nach Australien, Ted wohnte für eineinhalb Jahre in Südafrika. Es wirkt von aussen so, als ob sich die Freunde gegenseitig ihren Freiraum lassen und nicht in erster Linie die Karriere im Blick haben. Dies könnte ein Faktor sein, warum sie nach all den Jahren immer noch so sehr harmonieren. Aus geschäftlicher Sicht ist das natürlich nicht ideal.

Adam: Finanziell und karrieremässig ist es dumm.
 
Ted: Mit Musik lässt sich nicht leicht Geld verdienen. Aber es macht sehr viel Spass. Wir haben nie wirklich die Grenze überschritten, nach der man anfängt, eine Menge Geld zu verdienen. Wenn wir mehr Zeit investieren und die Band als Vollzeitjob betrachten würden, wie wir es am Anfang getan haben, würde es sich vielleicht auszahlen. Aber wir wären mehr auf Tour, um auf ein höheres Niveau kommen. Jetzt haben wir alle Jobs und Familien und die Band ist eher ein Hobby geworden.
 
Adam: Ich bin das einzige Mitglied der Band, das hauptberuflich in der Musikbranche arbeitet. Ted und ich spannen teilweise bei anderen Projekten zusammen, weil er im Filmbereich arbeitet. Carl ist Grafiker. Wir befinden uns auch dort im selben kreativen Kosmos. 
Shout Out Louds

Auch nach 20 Jahren teilen Sich Adam OLenius und Carl von Arbin gelegentlich mal noch ein mikrofon.

Shout Out louds: wie eine grosse familie

Wenn man sich das Umfeld von Shout Out Louds anschaut, hat sich seit 20 Jahren nicht viel verändert. Filip Wilén ist seit Tag eins der Manager der Band und auch Tourmanager Peter Hill ist trotz teils längerer Tour-Pausen schon ewig dabei.

Adam: Offensichtlich funktioniert es gut. Wir lieben es, zusammen abzuhängen. Wir lieben es, Pete bei uns zu haben. Er ist extra aus den USA eingeflogen, um bei diesen Shows dabei zu sein.
 
Ted: Filip Wilén ist seit dem ersten Tag dabei – und im Moment sind wieder die fünf Originalmitglieder unterwegs, das macht Spass. Wir kommen einfach sehr gut miteinander aus. Wir waren schon Freunde, bevor wir die Band gegründet haben. 
 
Adam: Es ist schön, zusammen durch Höhen und Tiefen zu gehen. Wir haben mit verschiedenen Labels gearbeitet. Für die ist es schwer, uns zu beeinflussen, weil wir als Gruppe so verbunden sind. Es ist gut, dass wir unseren eigenen Vibe haben, das hilft uns. Manchmal waren wir bei wirklich guten Labels, wie Merge in den USA, aber die Leute bei den Plattenfirmen wechseln leider oft.
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© Instagram, shoutoutloudsofficial

Fünf freunde in Hamburg: Shout Out Louds verstehen sich noch immer wunderbar.

Die balance zwischen privatleben und band

Die Frage stellt sich, wie schwierig es ist, die Band nach einer längeren Pause wieder zusammenzubringen. Trotz Freundschaft hat jedes Mitglied ein eigenes Privatleben und der Fokus ist nicht ständig auf Shout Out Louds gerichtet. Besteht auch nach all den Jahren noch immer der Drang, neue Musik zu schreiben und zu veröffentlichen?

Ted: Es ist vielleicht das Schwierigste uns zusammenzubringen, um neue Musik zu schreiben. Proben zu planen und für neue Songs zu jammen, ist das, was am wenigsten Zuspruch findet. Wenn man weiss, dass Show ansteht und proben muss, geht es. Wenn es heisst: Lasst uns nächste Woche zusammenkommen und neue Songs schreiben, sagt immer jemand ab. Man findet irgendwann seine Rolle innerhalb der Band. Es ist nicht so, dass wir festgelegt haben, dass ich derjenige bin, der dafür sorgt, dass wir proben. Aber es scheint so zu sein. Als ich weg war, habt ihr lediglich ein- oder zweimal geprobt. 
 
Adam: Zweimal, ja (lacht). Bei den letzten zwei oder drei Alben haben wir versucht, für ein Wochenende wegzufahren. Ich denke, das müssen wir auch dieses Mal tun. Wir fahren weg, verbringen irgendwo ein oder zwei Nächte. Da spielen wir morgens Musik, essen zu Mittag, spielen abends und nachts. Dabei sollten wir dann so viel Material wie möglich sammeln. Im Anschluss können wir abschätzen, was an diesem Wochenende herausgekommen ist und ob wir ein Partyalbum, ein ruhiges oder ein ruhiges Partyalbum machen wollen. 

Als Howl Howl Gaff Gaff und später Our Ill Wills erschienen, klangen die Songs so, wie sich ein perfekter Sommerabend in Schweden in der Retrospektive anfühlen muss. Damals war die Band zwar auf Tour und hat im Zuge dessen verschiedene Orte gesehen. Gefühlt haben die einzelnen Mitglieder von Shout Out Louds jedoch in den vergangenen 20 Jahren als Individuen abseits der Band viel mehr von der Welt gesehen und Erfahrungen gesammelt. Es scheint, als sei die schwedische DNA beim Songwriting trotzdem noch immer sehr stark verankert. Vor allem das Musikvideo zu Impossible fängt dieses Gefühl perfekt ein und hinterlässt gleichzeitig Glücksgefühle und Melancholie. Beim meinem ersten Besuch in Stockholm, habe ich versucht diese Orte zu besuchen und das Gefühl einzufangen.

Löst glücksgefühle und melancholie im selben Moment aus – das Musikvideo zu «impossible»

Ein Hommage an die vergangenheit

Adam: Bevor das Album erschien, haben wir ein paar Shows in Schweden gespielt und ziemlich früh wurden uns Shows in London und New York angeboten. Im Jahr 2005, als das Album hier veröffentlicht wurde, waren wir in den USA und reisten während acht von zwölf Monaten. Wir haben dort fünf grosse Touren gespielt – auch das ganze Jahr 2006 hindurch. Es ist lustig, dass du das über die Schweden sagst. Unser damaliges amerikanisches Label, Capitol, hat uns fallen gelassen, bevor das Album herauskam. Sie wollten, dass wir mit einem amerikanischen Produzenten arbeiten, und ich wollte unbedingt mit Bjorn Yttling von Peter, Bjorn and John zusammenspannen. Ich strebte an, dass sich das Album anfühlt, als wäre es in Stockholm geschrieben und produziert worden, dass es einen lokalen Vibe hat. Das scheint funktioniert zu haben. 
 
Ted: Das war auch der Plan für das Video zu «Impossible». Wir liebten einige schwedischen Bands aus den 80ern. Es gab damals viele Videos aus Stockholm, in denen die Musiker einfach nur gemeinsam abhingen. Wir wollten ein klassisches Video in diesem Stil machen, und ich glaube, das ist uns gelungen. Es ist lustig zu hören, dass du herumgelaufen bist und diese Orte gesucht hast. Das ist in gewisser Weise das, was wir gehofft haben. Aber wir haben nicht wirklich geglaubt, dass es funktioniert. 

Mittlerweile spielen Shout Out Louds unregelmässiger Konzerte. Wenn die Band unterwegs ist, dann plant sie ihre Tour an Orten, an denen es Sonne, gutes Essen und tollen Wein gibt. Die Reisetätigkeit hat sich vom durchgetakteten Tourleben zu Konzertferien verschoben. Wer im Zuge einer Tour durch Länder reist, sieht vermutlich weniger von den einzelnen Orten. Ein Grossteil der Zeit verbringt man in Backstage, beim Soundcheck und auf auf dem Weg von A nach B. Das kann ohne Zweifel Einfluss auf die Stimmung der Musik haben.

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Viele der alten Songs wurden schon ewig oder noch gar nie live gespielt.

Vor dem Dritten Album war die Band ausgebrannt

Adam: Ich erinnere mich, dass wir das Album «Work» in Seattle aufgenommen haben. Es ist ein härteres Album und klingt stärker nach Indie-Rock, während «Our Ill Wills» eher von cineastischem Orchestersound geprägt ist, mit Geigen und Perkussionsinstrumenten. Das ist also eine direkte Reaktion auf die vorhergehende Veröffentlichung. Ich wollte, dass das nächste Album sehr einfach ist, mit Gitarre, Bass und Schlagzeug – und nur Klavier im Stil von Velvet Underground einsetzen. Das Album danach, «Optica», war wiederum sehr vielschichtig, erneut mit Geigen und Flöten. «Ease My Mind» ging wieder in die andere Richtung. Es ändert sich zwar, aber trotzdem sind wir textlich und bei den Melodien immer noch von der lokalen schwedischen Musikszene inspiriert. Ich schreibe viel über unsere Heimatstadt.

Ein Jubiläum sorgt automatisch dafür, dass man als Band auf die Vergangenheit zurückblickt, sogar wenn man sonst nicht wirklich nostalgisch veranlagt ist. Es ist der perfekte Zeitpunkt, zu reflektieren. Für euch ging es ziemlich schnell mit TV-Auftritten, ersten Indie-Hits und Label-Deals los. Es wäre spannend zu wissen, ob damals bereits eine grössere Vision für die eigene Zukunft bestand und ob sich Shout Out Louds die Entwicklung ihrer Karriere so vorgestellt haben, wie sie sich innerhalb der letzten 20 Jahre abgespielt hat.

Adam: Wir wollten immer grossartige Songs und Alben machen. Das Gute daran, dass wir unser Debütalbum fast drei Jahre lang gespielt haben war, dass wir sehr aufgeregt waren, als wir das zweite Album aufnehmen konnten. Wir hatten viel Zeit, die Songs zu schreiben. Ich war begeistert von «Our Ill Wills» und glücklich darüber, wie es geworden ist. Wir waren fast fünf Jahre lang auf Tour. Nach diesen beiden Alben waren wir etwas ausgebrannt, bevor wir an «Work» arbeiteten. Damit spielten wir in grösseren Hallen und wir wollten die Band wirklich vorantreiben und grosse Songs schaffen. Damals haben wir aber auch beschlossen, uns zwischendurch mehr Zeit zu nehmen.

Zu den Aufnahmen an Work gibt es eine kleine Dokumentation auf Youtube, die den damaligen Zustand der Band und ihren Anspruch an ein drittes Album gut einfängt.

Schon vor 14 Jahren war die Band an einem Scheideweg zwischen Privatleben und Karriere.

Was wäre wenn...?

Adam: Wir wollten unsere Band auf eine andere Ebene heben. Aber selbst als wir unseren grössten Erfolg hatten, waren wir immer ein wenig zurückhaltend. Wir wollten es, aber ich weiss nicht, wie sehr. Vielleicht war es uns ein bisschen unangenehm, wie viel wir tun müssten, um erfolgreicher zu werden. 
 
Ted: Rückblickend ist es einfach zu denken, dass wir ein bisschen mehr hätten planen sollen. Wahrscheinlich hätten wir es ein bisschen stärker forcieren können. Ich glaube, wir waren ein bisschen zu bequem. Wir waren auch relativ schüchtern. Als wir noch bei Capitol waren, sagten sie, wir sollten ein Haus in L.A. mieten und dort abhängen und das nächste Album schreiben. Wir wollten nach Schweden zurück. Aber warum? Im Nachhinein betrachtet fragt man sich, warum wir das nicht einfach gemacht haben. Klingt doch grossartig. Aber zu der Zeit fühlte es sich nicht richtig an. 

Beim kleinen Tropfen Wehmut darüber, was hätte sein können, muss man sich das Wichtigste in Erinnerung rufen. Wären Shout Out Louds damals kommerziell erfolgreicher geworden und hätten alles in die Waagschale gelegt, wären sie vielleicht nicht mehr die Freunde, die sie heute sind und hätten nicht die Familien, die sie heute haben.

Adam: Auf jeden Fall. Wenn wir das getan hätten, gäbe es uns heute vielleicht nicht mehr.

Wahrscheinlich ist sich die Band gar nicht bewusst, für wie viele Menschen sie ein wichtiger Teil ihres Lebens sind. Ganz egal, wie gross Shout Out Louds kommerziell waren oder sind, die Schweden haben bis dato sechs wunderbare Alben veröffentlicht. In meinem persönlichen Fall haben sie wichtige Weichen gestellt, die mich von einem Hobby und einer Leidenschaft ausgehend, sogar in beruflich neue Bahnen geführt haben. Für all das werde ich der sympathischen Truppe für immer mit einem warmen Gefühl verbunden sein. Währenddessen hoffe ich natürlich auf ein Album Nummer 7. Wer weiss, was eine solche Jubiläumstour auslöst.