Nick Cave hat noch nicht genug. Nur einen Monat nach der Tour mit den Bad Seeds bringt der Australier seine Kompositionen solo auf die Bühnen Europas. Unterstützt wird er bei seinen Konzerten vom Radiohead-Bassisten Colin Greenwood. Das Duo ist mittlerweile eingespielt, denn während der «Wild God»-Albumtour sprang er als Ersatz für den erkrankten Martyn P. Casey ein. Im Theater 11 tritt Cave drei Abende in Folge auf. Alle Shows waren bei Vorverkaufsstart in Windeseile ausverkauft.
Nick Cave: Ein Flügel, ein Bass und fliegende Notenblätter
Auf der Bühne stehen lediglich ein Flügel und ein Bass auf einem riesigen rechteckigen Teppich. Das Licht ist gedämpft und vor Konzertbeginn läuft Musik, die an einen Tag im Spa erinnert. Um 20:15 Uhr betritt Colin Greenwood die Bühne, gefolgt vom Star des Abends. Nick Cave ist wie immer elegant in Anzug und Krawatte gekleidet. Mit den Worten some go and some stay behind / some never move at all beginnt der erste von drei Konzertabenden mit Girl in Amber. Der Sound im Theater 11 ist glasklar und ausgewogen, der Bariton von Nick Cave geht mit seiner warmen Kraft direkt unter die Haut. Nach jedem Song wirft der Australier schwungvoll seine Notenblätter zu Boden, bis sich hinter ihm ein ganzer Stapel ansammelt. Ein sehr kunstvoller Anblick.
Girl in amber trapped forever, spinning down the hallLet no part of her go unremembered, clothes across the floorGirl in amber lumber slumber shuts the bathroom door
© Sacha Lecca
Nick Cave und Colin Greenwood
Geprägt von Schicksalsschlägen und der Liebe für das Leben
Die Verehrung von Nick Cave durch seine Fans hat einen beinahe religiösen Touch. Obwohl seine Songs oft todtraurig sind, geht von ihnen eine beruhigende Wirkung aus. Cave selbst weiss nur zu gut, was es heisst, Schicksalsschläge zu erleiden. Er hat den Verlust von zwei Söhnen und die damit verbundene Trauer durchlebt. Durch den offener Umgang mit seinen Gefühlen gibt er den Menschen kraft. Wenn er zwischen seinen Kompositionen zum Publikum spricht, wirkt er alles andere als gebrochen.
And all across the world they shout bad words, they shout angry wordsAll across the world they shout out their angry wordsAbout the end of love, yet the stars stand above the earthBright, triumphant metaphors of love
Er ist den steinigen Weg gegangen und hat es geschafft, das Leben trotz all seiner Grausamkeiten zu umarmen. Gemäss eigenen Aussagen haben ihn die Tragödien zu einem vollständigeren Menschen gemacht. Auf seiner Online-Plattform, den Red Hand Files, beantwortet der Musiker seit 2018 die Fragen seiner Fans. Ganz oben steht: You can ask me anything. There will be no moderator. This will be between you and me. Let's see what happens. Much love, Nick.
© Sacha Lecca
Der Flügel transportiert die essenz von Nick Cave's kompositionen
Weniger Produktion, mehr Nähe
Beeindruckend ist, wie der ganze Raum an Cave's Lippen hängt. Niemand will die Magie der Musik kaputt machen. Nur zwischen den Songs gibt es mal ein I love you, Nick zu hören. Das wird mit einem I love you, too und einem do you want to stand up? – this man loves me quittiert. Bei Balcony Man zeigt der Sänger seine komödiantische Seite. Dieser Song sei für die Menschen auf dem Balkon und auf dem Parkett soll deswegen gefälligst die Klappe gehalten werden. Immer wenn der Begriff Balcony Man fällt, werden die Fans in den oberen Rängen aufgefordert durchzudrehen. Tiefgang ist anders, aber das Ganze wirkt wie eine Auflockerungsübung, um sich anschliessend wieder mit Leichtigkeit in die Schwere der traurigen Stücke fallen zu lassen.
Sunday morning, skeleton treeOh, nothing is for freeIn the window, a candleWell, maybe you can see
Die Songs vom Album Skeleton Tree und im speziellen den gleichnamigen Titeltrack habe er lange Zeit nicht mehr spielen können. Es war das erste Stück, das aus einer dunkeln Periode seines Leben entstanden ist. Für ihn fühlte es sich dadurch in gewisser Hinsicht verflucht an und er hat es in eine Schublade gesteckt. Erst als ihn kürzlich jemand in den Red Hand Files gebeten habe, etwas über Skeleton Tree zu schreiben, habe er diesen wunderschönen Song wieder für sich entdeckt.
Inspirierende Künstler und die schönheit der Imperfektion
Die Parallelen von Leonard Cohen und Nick Cave werden vor allem bei Livemitschnitten des 2008 verstorbenen Cohen augenscheinlich. Die Stimmen sind zwar unterschiedlich, aber sie sind vereint durch eine unglaubliche Wärme und eine Brüchigkeit. Es geht nicht darum, die perfekten Harmonien zu erzeugen. Vielmehr ist es das Gefühl, das diese Stimmen auslösen und ihre Fähigkeit direkt in die Seele einzudringen. Dass Cave als erste Zugabe ein Cover von Cohen's Avalanche spielt, ist nur folgerichtig. Er habe den Song als Kind durch die Schwester eines Freundes entdeckt, als er in einem kleinen Dorf in der Nähe vom australischen Victoria aufwuchs. Bereits damals fühlte sich von dieser Stimme sofort angesprochen.
I walk into the corner of my roomSee my friends in high placesI don't know which is which or who is whomThey've stolen each other's faces
Mit More News From Nowhere gräbt er tief in seiner Repertoirekiste. Es ist zum Scheitern verurteilt, merkt Cave bereits vorgängig an. Im Refrain verspielt er sich sogleich und stösst er ein kurzes fuck aus, belgeitet von einem breiten Grinsen. Nach einem T. Rex-Cover, dem Song Cosmic Dancer, folgt Into My Arms. Nach knapp 30 Jahren fühlt sich dieses Stück immer noch wie eine Umarmung an. Gemeinsam singend liegen sich Cave und seine Fans musikalisch in den Armen. Das Ende eines eindrücklichen Konzertabends.
© Sacha Lecca
Durch schicksalsschläge zum vollständigeren Menschen Geworden: Nick Cave
Fazit
Nick Cave ist ein Ausnahmekünstler. Es ist seine gesamte Biografie und sein Umgang mit Schicksalsschlägen, die seine Musik geformt haben. Dadurch sind Diamanten entstanden, die Jahr für Jahr an Tiefe gewinnen. Der Musiker hat sein Innerstes nach aussen gekehrt und spendet damit vielen Menschen Hoffnung und Trost.
