Unique Moments mit TV On The Radio und Tocotronic: Gehaltvolle Kompositionen beim Landesmuseum Zürich

In Reviews by indiespect

Nicht oft treffen die Protestsongs der Hamburger Band Tocotronic auf die komplexen Kompositionen von TV On The Radio aus Brooklyn. Anlässlich des diesjährigen Unique Moments ist diese spannende Paarung jedoch innerhalb eines Abends zustande gekommen. Ein musikalischer Hochgenuss im Innenhof des Landesmuseums Zürich mit einem perfekten und ungeplanten Schlusspunkt.

Tocotronic: Zweiter Besuch in Zürich innerhalb von Zwei Monaten

Schnell hat Zürich Sehnsucht nach Tocotronic bekommen. Die Band um Sänger Dirk von Lowtzow hat erst Ende März einen Tourstopp im X-Tra eingelegt. Mit seiner charmanten Art nimmt Lowtzow gleich den Faden wieder auf: Wir fangen an, wo wir vor zwei Monaten aufgehört haben. Die Hamburger Lyrik-Poeten stehen schon seit über 30 Jahren für Protestsongs mit ausgeklügelten Texten und ihre soziale Haltung. Das Ur-Trio, bestehend aus Dirk von Lowtzow (Gesang, Gitarre), Jan Müller (Bass) und Arne Zank (Schlagzeug) wird auf der aktuellen Tour vom vom Gitarristen Felix Gebhard (u.a. Muff Potter) unterstützt. Gitarrist Rick McPhail hat im Oktober 2024 aus persönlichen und gesundheitlichen Gründen sich eine Auszeit auf unbestimmte Zeit genommen. Mit Felix habe man nicht nur einen jungen Mann zum mitreisen, sondern einen Freund gefunden. Musikalisch decken Tocotronic trotz ihres eher kürzeren Sets beachtliche neun Studioalben ab. Zwischen Songs wie Freiburg, Digital ist besser oder Aber hier leben, nein danke bewundern die Hamburger den an Harry Potter anmutenden Innenhof des Landesmuseums. 

Tocotronic

Dirk Von Lowtzow: Songschreiber und Sänger von Tocotronic

Zwischen Kieferorthopädie und den Tiefen der Valser Wasserquelle

Dass die Hamburger die Schweiz im Zuge ihrer langen Karriere gut kennengelernt haben, unterstreichen die Ansagen. Die Aussage Dies ist ein Lied aus den Tiefen der Valser Wasserquelle leitet den wunderbar verträumten Song Ich tauche auf ein. Mit einer Lockerheit schüttelt Von Lowtzow die lockeren Sprüche aus dem Ärmel, humoristisches Timing inklusive. Tocotronic haben auch in ihren Golden Years den Spass an der Bühne augenscheinlich keine Spur verloren. Musik ist schliesslich eine Leidenschaft, die sich über die Jahre nicht abnutzt und zeitlos ein Teil von einem bleibt. Ihr 13. Studioalbum wird im Set mit dem gleichnamigen Titeltrack und dem Song Denn Sie wissen, was sie tun bedacht.

Diese Menschen sind gefährlich, sie sind gänzlich unverdrehtSie leben völlig selbstverständlich, Fiesheit als IdentitätDiese Menschen sind gefährlich, haben sich nie falsch bekanntSie sind völlig unverfroren in ihre kleine Welt gebannt

Denn Sie wissen, was sie tun, Tocotronic
Tocotronic
Tocotronic
Tocotronic
Tocotronic

    «Plüschophil» wie eh und je

    Nebst den vier Musikern sind zahlreiche Plüschtiere auf der Bühne verteilt. Diese begleiten die Band bereits seit ihren Anfangstagen. Bei der Bandvorstellung werden ausgewählte Exemplare an Felix Gebhard und Schlagzeuger Arne Zank übergeben, ganz im Sinne des früheren Musikantenstadl und dem legendären Fernseh-Wastl. Zum ersten Mal ergreift ein anderer das Wort. Gründungsmitglied und Bassist Jan Müller fordert einen Applaus für den Sänger, Poeten, Songschreiber und Gitarristen Dirk von Lowtzow. Podcast-affinen Fans dürfte die Stimme von Müller ebenfalls vertraut sein. Nebst seiner Bandtätigkeit ist er der Mann hinter dem Interview-Podcast Reflektor. Seine Gespräche sind bis ins kleinste Detail recherchiert und eine Wohlfühloase für jeden Nerd. Ganz egal, ob man die Gesprächspartner kennt, oder sie aus einer Nische kommen.

    TV On The Radio

    TV On The Radio spielen In Zürich eines ihrer seltenen Konzerte

    TV On The Radio: Eine Rarität am Unique Moments

    Auftritte von TV On The Radio in der Schweiz sind eine Seltenheit. Zuletzt spielte die Band 2015 am Zürich Openair. Ihr Sound lässt sich nicht kategorisieren. Mal klingen sie nach Bloc Party (Wolf Like Me), mal schwingt ein Hauch Dave Grohl mit (Could You). Diese verschiedenen Facetten bringen die Amerikaner auch in Zürich auf die Bühne. Getragen wird das Klanggewand, das aus Synthesizern und organischen Instrumenten (Gitarre, Bass, Schlagzeug und Posaune) besteht, von Tund Adebimpe's charakteristischen Stimme. Bei ihm sitzt jeder Ton und die Musik scheint nur so aus ihm herauszufliessen.

    Got a curse I cannot liftShines when the sunset shiftsWhen the moon is round and fullGotta bust that box, gotta gut that fish
    Wolf Like Me, TV On The Radio
    TV On The Radio

    KYP Malone: Auch er ist ein Multiinstrumentalist

    Experimentell, dynamisch und trotzdem eingängig

    TV On The Radio haben sich nicht auf die Fahne geschrieben, radiotaugliche Kompositionen zu veröffentlichen. Stattdessen schreiben sie genau die Musik, die ihnen gefällt. Gemäss Ankündigung sind sie aktuell zur Feier des 20. Jubiläums ihres nicht leicht zugänglichen Debütalbums Desperate Youth, Blood Thirsty Babes unterwegs. Von diesem gibt es am Unique Moments mit Dreams und Staring at the Sun jedoch nur zwei Songs zu hören. Die Formation aus Brooklyn setzt auf einen schönen Querschnitt ihrer Schaffensphasen. Ein Highlight ist dabei das bittersüsse Trouble mit dem gleichermassen flehentlich-fragenden und hoffenden Everything's gonna be okay. Bedrückend und aufbauend zugleich.

    Oh, here comes troublePut your helmet on, we'll be headed for a fallYeah, the whole thing's gonna blowAnd the devil's got my number
    Trouble, TV On The Radio
    TV On The Radio
    TV On The Radio
    TV On The Radio
    TV On The Radio

      Die ultimative Seltenheit: Eine ungeplante Zugabe

      Auf das Verlassen der Bühne verzichten TV On The Radio mit Ankündigung komplett. Sie fügen Killer Crane nahtlos an das eigentlich abschliessende Satellite an. Nach dem oben erwähnten Staring at the Sun verlässt die Band die Bühne, scheinbar definitiv. Das Licht geht an und es kommt Musik vom Band. Eigentlich ein untrügliches Zeichen, dass man den Nachhauseweg antreten kann. Doch das Publikum hört nicht auf zu applaudieren. Irgendwie liegt in der Luft, dass die Chance besteht, die Band dadurch wirklich noch einmal auf die Bühne zu holen. 

      What's that floatin' in the water?Oh, Neptuna's only daughterI believe in Mr. GrievesPray for a man in the middleOne that talks like Doolittle
      Mr. Grieves, Pixies

      Tatsächlich. Die Musik wird noch einmal runtergefahren und das Bühnenlicht gedimmt. Mit einem authentischen und dankbaren this was not planned stimmt die Band einen Song an, der auf keiner setlist.fm-Liste zu finden ist. Das Pixies-Cover Mr. Grieves gehört nicht ins Standard-Repertoire der Band. TV On The Radio hatten den Song als nicht gelisteten Bonus-Track für ihre 2003er-EP Young Liars aufgenommen, sogar noch vor Veröffentlichung des Debütalbums. Mit diesem Deepcut im Reggae-Gewand setzen TV On The Radio ihrem abwechslungsreichen Auftritt die Krone auf.

      TV On The Radio

      Unique Moments: der Name ist programm.

      Fazit

      Dieser Konzertabend ist der Beweis, dass Konzerte noch überraschen können. Während grosse Produktionen durch Visuals und Choreografien oft limitiert sind, können Bands wie Tocotronic oder TV On The Radio noch spontane Entscheidungen treffen. Das beste Beispiel dafür ist das ungeplante Ende der Band aus Brooklyn. Andere Acts zielen auf Massentauglichkeit, diese beiden Acts auf Qualität und eine eigene musikalische DNA.