Biffy Clyro brachten ihre beeindruckende Live-Show nach Schaffhausen und standen im August als Headliner beim Stars in Town auf der Bühne – einen Monat vor der Veröffentlichung ihres zehnten Albums «Futique». Dort spielten sie «Hunting Season» erstmals live. Ben und James Johnston, zwei Drittel von Biffy Clyro, sprachen über das neue Album, die Live-Energie der Band und eine legendäre Nacht im Wembley-Stadion. Im Februar bringen die Schotten «Futique» für zwei Abende in die Schweiz – mit Konzerten in Zürich und Bern.
Biffy Clyro sind:
Simon Neil (Gesang, Gitarre)
James Johnston (Bass)
Ben Johnston (Schlagzeug)
Indiespect: Ihr seid bereits bei eurem zehnten Album angekommen, eine sehr produktive Band. Welcher Teil des Prozesses ist euer Lieblingsstück: Schreiben, Aufnehmen oder Touren?
Ben Johnston: Oft ist es genau der Teil, den man gerade nicht macht. Jede Phase hat ihre Herausforderungen und ihre schönen Momente. Im Studio kann es harte Arbeit sein. Man stösst auf viele Probleme, löst sie wieder und plötzlich steht ein toller Sound, was sehr aufregend ist. Touren kann wegen der Reisen ermüdend sein, aber die Reaktion auf der Bühne ist unvergleichlich. Wir lieben eigentlich alles daran. Die Arbeit an diesem Album war wohl eine der besten Studioerfahrungen, die wir bislang hatten. Es fühlte sich sehr kreativ an. Mit Jonathan Gilmore hatten wir eine tolle Zusammenarbeit und wir haben es geliebt, in den Hansa Studios in Berlin zu sein. Wir haben uns selbst herausgefordert, aber es fühlte sich nie wie ein Krampf an.
Wir haben uns selbst herausgefordert, aber es fühlte sich nie wie ein Krampf an.
Indiespect: Auf dem Album habt ihr viel von eurer Live-Energie eingefangen. Wie kommt ihr im Studio in den «Bühnenmodus»?
James Johnston: Im Studio braucht es Geduld. Es ist nicht wie im Film. Songs entwickeln sich und manchmal nimmt man Teile nochmals auf.
Ben Johnston: Es gibt oft technische Probleme, die einen ausbremsen. Manchmal nimmt man drei Tage lang nichts auf, weil man der Ursache eines Brummens oder Surrens hinterher rennt. Das unterbricht den Flow und macht es schwierig, die Bühnen-Energie einzufangen, die du ansprichst. Es geht eher um kluge Aufnahmetechniken als um eine richtige Bühnenperformance. Im Studio springt man nicht herum. Ich schlage die Drums sehr hart, aber mit weniger Show als auf der Bühne.

Biffy Clyro (v.l.n.r.): James Johnston, Simon Neil, Ben Johnston
Indiespect: Euer neues Album heisst «Futique». Eine schöne Wortschöpfung aus «future» und «antique». War das auch euer Ansatz für den Sound, also futuristisches Feeling und zugleich Einflüsse aus der eigenen Vergangenheit?
Ben Johnston: Gut analysiert, genau so ist es. Das Album heisst Futique und spielt auch darauf an. Wir haben den Biffy-Fundus geöffnet und uns nicht gescheut, kleine Fragmente aus früheren Songs aufzugreifen. Wir waren bisher immer sehr vorsichtig mit allem, was unseren älteren Alben zu ähnlich hätte klingen können. Mit Jonathan Gilmore lautete der Slogan: Lass Biffy Biffy sein. Immer wenn wir am Scheideweg standen und nicht wussten, wohin, sagte er: Macht das, was Biffy tun würden. Genau das haben wir getan. Er hat uns diese Angst genommen. Die Platte klingt definitiv wie die Summe dessen, was wir bis zu diesem Zeitpunkt gelernt haben.
Die Platte klingt definitiv wie die Summe dessen, was wir bis zu diesem Zeitpunkt gelernt haben.
Indiespect: Ihr wart immer offen für neue Einflüsse und Stilwechsel. In Interviews habt ihr gesagt, dass ihr als Zwillinge fast wie eins seid. Gibt es trotzdem manchmal Streit über die Richtung, die ihr einschlagen wollt?
James Johnston: Nicht wirklich Streit, manchmal wissen wir es schlicht noch nicht, wo wir hin wollen. Wir hatten einen Song auf diesem Album, Shot One, der im Entwicklungsprozess fünf verschiedene Stile hatte. Zwischendurch wurde sogar gepfiffen. Wenn man ihn jetzt hört, fragt man sich, wie der je Pfeifen enthalten konnte. Aber das ist kein Streit innerhalb der Band. Es geht eher darum, so lange mit Ideen zu jonglieren, bis der Song sein Zuhause findet. Grundsätzlich sind wir uns bei solchen Dingen meistens einig.
«A Little Love» ist der triumphale Opener von «Futique».
Indiespect: Gibt es einen Song, auf den ihr im Moment besonders stolz seid?
Ben Johnston: Ich mag den letzten Song, Two People in Love.
James Johnston: Ich liebe sie alle. Ein Song wie Goodbye ist so persönlich und so schön geschrieben, mit wunderbarer Grundstimmung und einer grossartigen Melodie. Im Moment liebe ich sie wirklich alle. Ich kann es kaum erwarten, dass die Leute sie hören.
The songs become a living animal. Even if you haven't changed too much, they are quite different
Indiespect: Wenn das Album fertig ist, dauert es ziemlich lange, bis die Songs ihren Weg auf die Bühne finden. Wie ist der Weg von der Studio- zur Bühnenversion?
Ben Johnston: Wir beginnen damit, die Songs so zu spielen, wie sie sind, und justieren bei Bedarf das Tempo oder die Dynamik. Wir schauen, wie wir das mit den vielen Menschen umsetzen, die mittlerweile live dabei sind. Wir haben zwei zusätzliche Mitglieder und Streicherinnen. Es gibt Wege, die kleinen Nuancen der Platte einzufangen.
James Johnston: Die Songs werden zu einem lebendigen Wesen. Selbst wenn man nicht viel ändert, sind sie auf der Bühne ziemlich anders. Sie tragen durch die Live-Performance mehr Energie in sich.

Mit zusätzlichen Live-Mitgliedern, inklusive zwei Streicherinnen, bringen Biffy Clyro einen gewaltigen Livesound auf die Bühne.
Indiespect: 2007 habt ihr Muse an deren zweitem Abend im Wembley-Stadion supportet. Dort entstand «H.A.A.R.P.», eines der besten Live-Alben aller Zeiten. Woran erinnert ihr euch?
Ben Johnston: Es war unglaublich. Wir waren eine der ersten Bands, die dort überhaupt gespielt hat. [Anm. indiespect.ch: Das neue Wembley-Stadion wurde im selben Monat eröffnet, die Muse-Konzerte waren die ersten ausverkauften Shows, die dort stattfanden.] Ein fantastisches Konzert. Muse waren über die Jahre grossartig zu uns. Wir haben mit ihnen in Grossbritannien, in ganz Europa und auch in den USA gespielt. Eine Band, die wir lieben und die uns offensichtlich ebenfalls mag, denn sie haben uns immer wieder eingeladen. Dieses erste Mal mit Muse in Wembley zu spielen, war einfach unglaublich. Es war ein wunderschöner Tag und alles lief sehr gut. Es fühlte sich an, als würden wir für unser eigenes Publikum spielen. Die Muse-Fans haben uns ins Herz geschlossen.
Eine Band, die wir lieben und die uns offensichtlich ebenfalls mag.
James Johnston: Ich erinnere mich, dass ich dachte, wir seien ebenbürtig, bis sie bei ihrer Show durch die Luft flogen.
Ben Johnston: Da dachten wir: Okay, diese Jungs sind Götter. Ich war neulich in London in einem ziemlich miesen Fitnessstudio, da rief plötzlich Dom Howard: Hey, Ben! Er hat mir vor ein paar Tagen auch geschrieben, dass er unsere neuen Songs liebt. Wir sind immer noch in Kontakt mit ihm.
© Julius Hatt
Indiespect: Ich habe das Gefühl, ihr investiert viel in eure Live-Performance und legt weniger Wert auf riesige, theatralische Stadion-Produktionen. Würdet ihr so etwas trotzdem machen oder steht bei euch immer die Musik im Vordergrund?
James Johnston: Wir machen das gerne, solange es nicht an die Stelle der Musik tritt. Solange die Musik das Wichtigste bleibt, kann man mit Visuals und Licht, mit Gimmicks und Feuerwerk arbeiten und die Musik damit noch eindrücklicher machen. Man sollte es einfach nicht einsetzen, um zu kaschieren, dass ein Song nichts taugt. Das tun manche Bands.
Solange die Musik das Wichtigste bleibt, kann man mit Visuals und Licht,
mit Gimmicks und Feuerwerk arbeiten und die Musik damit noch eindrücklicher machen.
Ben Johnston: Wir benutzen solche Stilmittel durchaus. In Schottland haben wir beim TRNSMT-Festival als Headliner gespielt. Dort haben wir Flammen, Konfetti, Streamer und Sterne eingesetzt. Davor schrecken wir nicht zurück. Wir würden aber nicht den Weg gehen, irgendetwas Vorgefilmtes einzubauen. Ich glaube nicht, dass wir je eine Art Schauspiel auf der Bühne machen würden, bei dem eine Geschichte erzählt wird. So weit würden wir nicht gehen. Ein bisschen Theatralik mögen wir allerdings.
Gänsehaut garantiert: Biffy Clyro beschliessen ihr Headliner-Set am TRNSMT-Festival.
Indiespect: Seit euren Anfängen hattet ihr als Band diese wilde, unermüdliche Energie. Wie könnt ihr das heute noch aufrecht erhalten?
James Johnston: Es ist hart. Es kommt von innen. Und das Adrenalin hilft. Solange unsere Körper uns nicht stoppen, machen wir weiter und geben Vollgas.
Wenn wir je das Gefühl hätten, dass wir bei einem Gig auch nur 80 Prozent geben, würden wir anfangen, Shows abzusagen.
Indiespect: Tut der Körper nach der Show weh, wenn das Adrenalin abgeklungen ist?
James Johnston: Verdammt, ja. Aber wir sind sehr engagiert in dem, was wir tun. Die Leute geben viel Geld aus, um uns zu sehen. Sie wollen eine gute Zeit haben. Wir wollen ihnen eine gute Zeit geben. Darum ist es nur logisch, dass man so viel Energie hineinsteckt, wie man kann. So sehen wir das. Man kann auch 50 Prozent geben, aber …
Ben Johnston: Wenn wir je das Gefühl hätten, dass wir bei einem Gig auch nur 80 Prozent geben, würden wir anfangen, Shows abzusagen.
James Johnston: Das liegt uns überhaupt nicht und ist nicht Teil unserer DNA. Vielleicht fühlen sich 100 Prozent eines Tages an wie 80, aber wir werden weiterhin alles dafür geben.




