Vor über 30 Jahren veröffentlichten H-Blockx ihr Debütalbum «Time To Move» und schufen damit direkt ihr Lebenswerk. Dass das Fluch und Segen zugleich ist, hat die Band um Sänger Henning Wehland relativ schnell gemerkt. Wohin die Reise seit dann ging, darüber spricht er im Gespräch vor dem Auftritt am Stars in Town in Schaffhausen mit einer beeindruckenden Offenheit. Die Band ist in der Gegenwart angekommen und ist endlich bereit für neue Musik.
Indiespect: Vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst. Ich muss gleich am Anfang etwas sagen. Ihr wart eine meiner ersten, wenn nicht die erste, Festivalband, die ich vor 22 Jahren am Openair Lumnezia gesehen habe. Damit hat ihr den Funken für meine Liebe zur Livemusik gezündet.
Henning Wehland: Das ist ein tolles Kompliment.
Indiespect: Wie hat sich der Henning von damals im Vergleich zum Henning von heute am meisten verändert?
Henning: Ich glaube, da könnte man ein ganzes Buch mit füllen. Grundsätzlich haben wir uns als Band sehr gesucht, das deckt sich mit meiner persönlichen Situation. Wir hatten sehr grossen Erfolg mit unserem ersten Album; rückblickend würde ich sagen, wir haben unser Lebenswerk gleich zu Anfang veröffentlicht. Das hat mit uns persönlich und mit der Band viel gemacht. Wir haben versucht, den Sound und die DNA der Band zu finden, alles Mögliche im Songwriting ausprobiert. Jeder hatte seine eigene Sicht, wie es weitergehen soll. Das brachte uns aus dem Rhythmus. Über die Jahre gab es viele Besetzungswechsel. Unser ursprünglicher Drummer stieg zuerst aus, dann der Bassist und der zweite Sänger, der Shouter.
Wir hatten sehr grossen Erfolg mit unserem ersten Album; rückblickend würde ich sagen, wir haben unser Lebenswerk gleich zu Anfang veröffentlicht. Das hat mit uns persönlich und mit der Band viel gemacht.
Zwischen 2000 und 2010 war ich viel mit den Söhnen Mannheims unterwegs, ausserdem lange Unternehmer mit einer Management- und Beratungsfirma für Kultur und Musik. Unter anderem habe ich Bands wie The BossHoss ein paar Jahre gemanagt. Ich war überall und nirgends und habe meine eigene Mitte nicht richtig gefunden. Das führte dazu, dass ich ab 2017/18 eine persönliche Krise durchlebt habe, die zwei bis vier Jahre dauerte, verbunden mit einer depressiven Phase. In den letzten drei, vier Jahren habe ich viel an mir gearbeitet. Auch in der Band gab es persönliche Umbrüche. 2022 war es dann so, dass beides wieder passte und die Lebensläufe wieder im Einklang waren. Insofern ist das jetzt noch mal die Möglichkeit, mit der Band quasi das zweite Album zu machen.
Indiespect: Ich habe gesehen, die Website deiner Managementfirma existiert noch. Bist du dort noch tätig?
Henning: Nicht mehr so, dass ich eine Karriere mit Büro und Angestellten finanziere. Aber ich mag das immer noch, den Dialog und Menschen kennenzulernen. Wenn jemand meinen Rat will, gebe ich ihn gern, nur nicht mehr als Geschäftsmodell.

© Julius Hatt
Henning Wehland im Gespräch.
Indiespect: Welchen Stellenwert hat die Band aktuell für dich? Ist sie wieder im Zentrum wie früher oder lässt du das bewusst nicht mehr zu, um dich zu schützen?
Henning: Der entscheidende Unterschied sind die Erwartungen, von aussen und von uns. Es geht nicht über das hinaus, was wir im Moment erleben können. Wir denken nicht in «in zehn, zwanzig Jahren», die haben wir wahrscheinlich gar nicht mehr. Wir müssen keine Weltstars sein. Es geht darum, das zu geniessen, was gerade da ist. Wir sind gerade im Studio. Nach 20, 25 Jahren läuft es zum ersten Mal wieder sehr flüssig. Am 22. August veröffentlichen wir die erste Single. Danach kommt wahrscheinlich noch einiges, Festivals 2026 usw. Aber ich bin Anfang 50, da braucht es keine wahnsinnig grossen Zukunftspläne.
Man sah die Bergspitze, bevor man losging. Jetzt konzentrieren wir uns auf den Weg, auf dem wir uns gerade befinden.
Indiespect: Eigentlich hat es 2019 wieder angefangen. Ihr habt ein einzelnes Konzert gespielt. Letztes Jahr folgte dann die Jubiläumtour zum Debüt. Die Resonanz der Fans war gross und die Shows ausverkauft. Macht ihr jetzt einfach so weiter, wie es sich ergibt?
Henning: Im Prinzip ja. Ein bisschen planen muss man natürlich: Was machen wir in den nächsten sechs Monaten? Wenn eine Single produziert wird, kommt ein Video dazu – da gibt es Planung. Früher hätten wir gedacht: erste Platte, zweite Platte, und spätestens nach fünf bis zehn Jahren muss man im Madison Square Garden spielen. Man sah die Bergspitze, bevor man losging. Jetzt konzentrieren wir uns auf den Weg, auf dem wir uns gerade befinden.

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Auf der Bühne verwandelt sich Henning Wehland durch die Energie des Publikums. Hier am Stars in Town in Schaffhausen.
Indiespect: Am Stars in Town spielt ihr am selben Abend wie Biffy Clyro und Nothing But Thieves. Wie wichtig ist es euch, mit wem ihr die Bühne teilt?
Henning: Ehrlich gesagt haben wir da nie grosse Unterschiede gemacht. Wir haben mit sehr unterschiedlichen Leuten die Bühne geteilt. Es ist eine andere Grundstimmung, wenn man – wie heute – mit Bands zusammen ist, die aus unserem emotionalen Genre kommen, was wir sehr gerne mögen. Das fühlt sich familiär an, ohne dass man sich persönlich kennen muss. Für mich ist aber der Moment und die Umgebung, wenn ich auf die Bühne komme, noch wichtiger. Ich merke dann, ob da was ist oder ob es ein anstrengender Abend wird. Das kann man weder sehen noch hören – man fühlt es. Man merkt, ob das Publikum einen annimmt. Das macht mich vor Auftritten immer noch nervös.
Für mich ist aber der Moment und die Umgebung, wenn ich auf die Bühne komme, noch wichtiger. Ich merke dann, ob da was ist oder ob es ein anstrengender Abend wird. Das kann man weder sehen noch hören – man fühlt es.
Indiespect: Das Energielevel wie Ende der 90er zu halten, ist mit über 50 bestimmt nicht leicht. Was machst du, um fit zu bleiben?
Henning: Das Energielevel mit 53 ist ein anderes, das musste ich lernen. Feiern, wenig Schlaf, den Lebensstil von mit 25 kann ich mir heute nicht mehr leisten. Ich gehe regelmäßig laufen, mache Gymnastik. Morgens denke ich beim Aufstehen manchmal: Oh Gott, ich bin todkrank, weil sich die Knochen nicht bewegen wollen. Nach Rücksprache mit Bandkollegen ähnlichen Alters gehört das aber wohl dazu – man nennt es das Zwicken im Alter.
Das H-Blockx-Cover von «Ring of Fire»
Indiespect: Auf dem zweiten Album habt ihr „Ring of Fire“ und „The Power“ – beides Hymnen veröffentlicht. Welchen neueren Song könnte in eurem Crossover-Gewand gut funktionieren?
Henning: Schwierig – da habe ich im Moment keine grossen Ambitionen. Ich spiele Wohnzimmerkonzerte allein mit Gitarre und liebe es, Songs zu covern und ihnen meine Note zu geben. Aber Ring of Fire war ein Glücksgriff: Wir haben das für einen Kinofilm mit Maximilian Schell gemacht. Der Film war erfolglos – übrig blieb der Song. Gudze, unser Bassist, der oft Impulse für die Komposition gibt, hatte die Idee für die angepasste Hookline.
Bei einem Cover brauchst du etwas, das den Song signifikant verändert, sodass man sagen kann: Das ist unsere Version.
Bei einem Cover brauchst du etwas, das den Song signifikant verändert, sodass man sagen kann: Das ist unsere Version. Bei The Power war es dieses ansteigendene oh oh oooh-Element. Das muss man fairerweise sagen, dass wir das vom Judgment Night-Sampler geklaut haben. Von Faith No More und Boo-Yaa T.R.I.B.E. Da wir eine Crossoverband sind, die sowohl mit Sprechgesang aber auch mit Samples arbeiten und uns gleichzeitig dem Punk verschrieben fühlen, sind vor allem Schlagersongs sehr gut geeignet.
Indiespect: Es gibt Bands, die machen nur das – aber das ist nicht euer Anspruch, oder?
Henning: Nein, überhaupt nicht. Im Studio sprudeln die Ideen. Wichtig ist, dass ich eine gute Beziehung zu einem Song habe, dann kommt es von allein.

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Dieser Moment wird für keine Band selbstverständlich.
Indiespect: Hattet ihr nie Features oder Kollaborationen nur aus Marketinggründen, so wie bei „Bring Me to Life“ von Evanescence, die später eine Version ohne Rap-Part veröffentlicht haben?
Henning: Es ist schwierig das in einem Satz zu beantworten. Es gibt Bands, die wissen von der ersten Platte an, wer sie sind. Ich persönlich habe meine Rolle in der Band 30 Jahre lang gesucht. Vielleicht ging es ein, zwei anderen ähnlich. Wenn man sich als Band nicht 1000 Prozent einig ist, was man machen will, ist man empfänglicher für Manipulation. Wenn eine Plattenfirma sagt: „Damit können wir euch gross rausbringen.“ „Ring of Fire“ war eigentlich etwas, was wir erst gar nicht machen wollten. Muss man fairerweise sagen. Gudze hatte dann aber halt diese Idee und sagte: so könnte ich es mir vorstellen. Dann hatten alle Spass daran.
Ich persönlich habe meine Rolle in der Band 30 Jahre lang gesucht
Indiespect: Ich fixiere mich auf das Album «Get in the Ring», weil es das erste war, das ich kannte. Da war auch Dr. Ring-Ding dabei.
Henning: Ja. Das war eine schwierige Zeit, weil Dave, unser zweiter Sänger, gerade ausgestiegen war. Wir haben mit Das Department, zwei Rappern aus Berlin, zusammengearbeitet. Sie haben deutsche Texte beigesteuert. Damals gab es viele Gründe mit der Band nicht weiterzumachen. Unser Gitarrist Tinte und ich haben gesagt: Solange wir beide noch ein- und ausatmen können, gibt es die Band. Aber das war ein ziemlicher Wendepunkt. Es war wichtig dieses Album zu machen, weil nicht alles so rund gelaufen ist, wie wir uns das vorgestellt hatten. Wir versuchten die Vergangenheit wieder abzuholen und konnten den Moment, in dem wir gerade waren, nicht musikalisch beschreiben. Das war das Problem. Aber jetzt wo wir darüber sprechen merke ich auch, dass da auch viele musikalische Highlights dabei sind, die uns bis heute begleiten.
Eine Zeit vor den Smartphones. Die H-Blockx kennen sie noch.
Indiespect: Ihr kommt aus einer Zeit, als es bei Konzerten keine Smartphones gab. In YouTube-Kommentaren heisst es oft: „Damals haben die Leute die Shows noch genossen.“ Glaubst du, hätten die Leute sich früher anders verhalten, wenn es die Technologie schon gegeben hätte?
Henning: Ich sehe diese Unterschiede gar nicht. Bei unseren Konzerten ist mein Anspruch, dass es Bewegung im Publikum gibt. Da haben die Leute gar keine Zeit, das Handy hochzuhalten. Es gab immer Ablenkungen. Mein Anspruch ist derselbe: eine Verbindung zwischen Bühne und Publikum herzustellen. Wenn diese Beziehung entsteht, fast wie eine romantische Beziehung, funktioniert es, egal auf welchem technologischen Stand wir sind.
Ich war nie Konzertgänger. Wenn ich kein Musiker geworden wäre,
hätte ich wahrscheinlich keine zehn Konzerte mit mehr als 500 Zuschauern gesehen.
Indiespect: Bist du selbst noch Konzertgänger?
Henning: Ich war nie Konzertgänger. Wenn ich kein Musiker geworden wäre, hätte ich wahrscheinlich keine zehn Konzerte mit mehr als 500 Zuschauern gesehen. Ich mag kleine Clubkonzerte, bei denen ich nicht weiss, was mich erwartet. Selten gehe ich gezielt zu einer Show, weil mich die Musik so fasziniert, dass ich sie live sehen muss. Zuletzt war ich bei Elton John und Pearl Jam. Das sind zwei Sachen, bei denen ich sagen muss, das war sensationell. Damit habe ich mich dann auch identifiziert. Aber ich bin kein klassischer Live-Konsument (lacht). Und vor allem Festivals. Ich finde es faszinierend, wie Leute sich mit 20'000 anderen in eine Masse stellen und Spass haben. Das entzieht sich meinem Selbstverständnis.

Die H-Blockx haben sich verloren und wieder gefunden.
Indiespect: Bei Festivals kann man sich freier bewegen als in Hallen.
Henning: Ja, aber dann schaut man oft aus 100 Metern Entfernung auf eine LED-Wand.
Wie Publikum im Einklang mit den Künstlern ist, das fasziniert mich.
Da schaue ich mehr aufs Publikum als auf den Künstler – daran erkennt man, ob es gut ist.
Indiespect: Wie jetzt aktuell bei Oasis...
Henning: Ja, aber das hätte ich mir zum Beispiel gerne angesehen. Weniger weil ich unbedingt die Band auf der Bühne sehen will, mehr wegen des Phänomens. Wie die Beziehung zwischen Bühne und Publikum funktioniert. Diese Dynamik interessiert mich dann schon enorm. Das ist der totale Wahnsinn. Das gibt es aber auch beim Rapper RIN beispielsweise. Das ist überhaupt nicht meine Art von Kultur. Das ist im klassischen Sinn, keine „Proberaum-Karriere“. Im Speziellen die Konzerte mit Schmyt zusammen. Wie Publikum im Einklang mit den Künstlern ist, das fasziniert mich. Da schaue ich mehr aufs Publikum als auf den Künstler – daran erkennt man, ob es gut ist.

