Hecht haben mit LOVERS ihr fünftes Studioalbum veröffentlicht und stehen vor der grössten Tour ihrer Karriere. Diese führt sie nicht nur zum dritten Mal ins Zürcher Hallenstadion, sondern auch in über 20 Schweizer Clubs. Was seit dem letzten Interview vor sieben Jahren bei der Band passiert ist, ist eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte. Dass Ruhm immer seinen Preis hat, haben die Musiker hautnah erlebt. Die neue Platte handelt von Verlustängsten, Fehlern, aber auch von der Liebe, die mit ihrem lodernden Kern alles zusammenhält. Höchste Zeit für ein Wiedersehen mit Stefan Buck und Christoph Schröter.
Hecht sind:
Stefan Buck (Gesang)
Christoph Schröter (Gitarre)
Chris Filter (Schlagzeug)
Philipp Morscher (Bass)
Daniel Gisler (Keyboard)
Indiespect: Als ich euch 2018 zum Interview getroffen habe, habt ihr bloss gelächelt, als ich euch gefragt habe, ob der nächste Schritt das Hallenstadion sei. Nun spielt ihr zum dritten Mal dort und habt auf der LOVERS-Tour mit der St. Jakobshalle und der Festhalle Bern zwei weitere grosse Hallen in den Tourplan genommen. Damals meinte Christoph: «Wenn du rein hypothetisch ins Hallenstadion gehen würdest, wäre die Verbindung zum Publikum wahrscheinlich nicht dieselbe. Diese brauchen wir, um das Konzert mit dem Publikum zu gestalten.» Habt ihr das Gefühl, dass ihr nicht mehr dieselbe Verbindung habt?
Christoph Schröter: Doch, es ist uns extrem wichtig, das möglichst beizubehalten. Damals, als wir die Show fürs Hallenstadion designt haben, haben wir darauf geachtet, möglichst nahe beim Publikum sein zu können, dass wir sogar im Publikum spielen können. Aber natürlich ist es etwas ganz anderes als eine Clubshow. Wie eine Openair-Show auch etwas anderes ist als eine Hallenshow. Gestern waren wir nach der Festivalsaison zum ersten Mal wieder in einem Club und haben gemerkt, dass bei den Leuten eine andere Dynamik herrscht. In der Halle kannst du Sachen machen, die im Club nicht möglich sind. Dafür bist du weiter weg vom Publikum. Es sind verschiedene Disziplinen, aber alle sind reizvoll.
Wir wissen gerne, dass wir 24 Clubshows vor uns haben.
Für uns ist das keine Arbeit, sondern es bedeutet, dass wir 24 Mal auf die Bühne gehen können.
Indiespect: Bei drei Hallenshows muss man viele Tickets verkaufen. Die Clubshows waren extrem schnell ausverkauft. Sind diese auch ein Werkzeug, um in den einzelnen Städten direkt Werbung für die grossen Konzerte zu machen, oder habt ihr einfach noch immer Bock auf kleinere Auftritte?
Stefan Buck: Es ist definitiv Bock. Wir hätten nie gedacht, dass wir irgendwann schweizweit alle Clubs ausverkaufen. Wir gehen gerne in einem schönen Club mit den Leuten so nahe ab. Wir lieben es auch viel zu spielen. Wir geniessen den Gedanken, 24 Clubshows vor uns haben. Für uns ist das keine Arbeit, sondern es bedeutet, dass wir 24 Mal auf die Bühne gehen können. Wenn wir nur noch Hallen spielen würden, wäre es einfach 3 – 4 Mal. Das wäre für uns viel zu kurz. Denn egal wie krass das Konzert ist, du kannst diesen Hype nicht über drei, vier Tage konservieren. Irgendwann geht es wieder runter. Aber wenn du den Hype 24 Mal im Club hast, ist das grossartig.

© Tabea Hüberli
Hecht: Daniel gisler, Philipp Morscher, Stefan Buck, Chris Filter, Christoph Schröter (v.l.n.r.)
Indiespect: Bei den Festivals habt ihr mittlerweile eine grosse Produktion. Ihr bespielt Screens und habt dadurch ständig Kameras um euch herum. Zusätzlich produziert ihr Material für Social Media. Ist euch das nicht manchmal zu viel und steht in diesen Momenten zwischen euch und dem Publikum?
Stefan Buck: Wir hatten diesen Sommer das Ziel, möglichst nahe beim Publikum zu sein – um deine erste Frage aufzugreifen. An einem grossen Festival ist es Realität, dass 80% der Leute auf die Screens und nicht nach vorne schauen. Da ist eigentlich nur die Frage, wie gestalten wir die Screens? Lassen wir das Festival selber schneiden? Dann ist der Kameramann auf gut Glück im richtigen Moment zur Stelle. Oder bringen wir selber einen Kameramann und einen Regisseur mit? Das haben wir getan. Ich würde behaupten, wir sind die erste Schweizer Band, die das gemacht hat. Für uns hat es sich mega richtig angefühlt. Ich kann ins Publikum gehen und mit einem Fan einen Song singen – und der Kameramann ist da. Wenn Gisi oder Chregu ein Solo spielen, dann weiss der Regisseur, dass das kommt. Es ist kein Blindflug. Wir haben sehr viel Zeit und Geld in diese grossen Sommershows investiert. Wir haben auch das Gefühl, dass es sich gelohnt hat. Das Feedback der Leute zeigt, dass sie sich als Teil des Ganzen gefühlt haben. Aber natürlich, ein Hater könnte sagen: ja, aber es sind doch zu viele Leute auf der Bühne und jetzt ist noch ein Kameramann dazwischen. Aber wir sehen es nicht als dazwischen. Wir sehen es als Lupe auf Band.
Indiespect: Und jetzt kommen erst die Clubshows, da gibt es bestimmt wieder den Kontrast.
Stefan Buck: Genau. Dort werden wir sicher keinen Kameramann dabei haben. (lacht)
Etwas in dieser Form ist schon lange nicht mehr bei einem Hechtsong passiert.
Indiespect: Mon Amour entwickelt sich immer mehr zu DEM neuen Hechtsong. Kam das überraschend, oder wart ihr euch relativ sicher, dass er einschlägt?
Christoph Schröter: Das Spezielle des Songs haben wir von Anfang an gespürt, als Stefan das erste Mal damit zur Band kam. Wir haben im Studio sehr hart an diesem Track gearbeitet. Wir haben drei verschiedene Versionen aufgenommen und ihn zweimal gemischt, um das Maximum aus dem Song rausholen. Wie es schlussendlich beim Publikum ankommt, weisst du nie. Wir waren extrem unsicher, als wir die Single ausgesucht haben. Jetzt passiert da draussen etwas, das uns überwältigt. Etwas in dieser Form ist schon lange nicht mehr bei einem Hechtsong passiert.
«Mon Amour» ist der neuste Riesenhit von Hecht
Indiespect: Bei unserem letzten Interview wart ihr unsicher, ob ihr «Heicho» als nächste Single veröffentlichen wolltet. Ihr hattet damals Angst, dass der Titel irreführend sein könnte und als eine Art Heimatsong verstanden wird.
Stefan Buck: Absolut. Das ist gut, dass du das erwähnst. Es war ziemlich genau dieselbe Unsicherheit wie bei Mon Amour. Mon Amour hat eine DNA, die im Refrain richtig aufreisst. Wir fanden es sehr geil, aber man könnte es anders sehen. Es könnte etwas plakativ wirken. Aber jetzt schaue ich ins Publikum und sehe Leute, auch Männer in unserem Alter, die den Song so fest fühlen. Nicht mal ich als Songschreiber weiss genau, was bei denen abgeht. Das ist etwas Unfassbares. Irgendetwas hat dieser Song, das die Leute völlig zum Explodieren bringt.
Wir haben alleine an diesem Song zwölf Tage im Studio gearbeitet. Es gibt Bands, die in zwölf Tagen ein Album aufnehmen.
Indiespect: Ich kann das nur aus meiner Sicht beschreiben. Man hört den Song und er geht immer so weiter, wie man hofft, dass er weitergeht. Er serviert einem quasi das, was man sich wünscht, ohne dass man es vorher wusste.
Stefan Buck: Das ist schön zu hören. Aber es war auch nicht von Anfang an so. Wir haben alleine an diesem Song zwölf Tage im Studio gearbeitet. Es gibt Bands, die in zwölf Tagen ein Album aufnehmen. Unser erstes Album haben wir in zwölf Tagen aufgenommen. Jetzt haben wir an einem Song zwölf Tage doktered. Aber wie Chregu gesagt hat, wir hatten das Gefühl es lohnt sich, weil der Song etwas hat. Es ist jedoch auch wichtig zu sagen, dass es nicht so war, dass wir diesen Song an die Radios geschickt haben und die Schweizer Radiolandschaft gesagt hat: ah geil, danke vielmals, das spielen wir. Wir haben diesen Song mit unseren Socials extrem gepusht. Ich bin nicht ganz sicher, ob er sonst überhaupt in die Kurve reingekommen wäre, in der er jetzt ist. Hätte unser Label nicht jedem Radio einzeln erklärt, schaut, ich weiss, ihr seid ein Privatradio, ihr müsst diesen Song spielen. Das ist faszinierend und auch etwas bedenklich. Wir sind Hecht, haben momentan einen Status in der Schweizer Musiklandschaft und bringen kaum einen Song ins Radio. Das ist abartig schwierig. Sarah, unsere Managerin, muss richtig ackern. Wieso ich das erwähne? Wir sind privilegiert, unsere Musik wird schlussendlich gespielt. Aber man muss sich mal vorstellen, was die anderen 95% der Schweizer Musikschaffenden für eine Chance haben, in der Schweizer Musiklandschaft stattzufinden. In anderen Ländern gibt es Quoten. In Italien muss ein Prozentsatz italienische Musik sein, in Frankreich ist es mit französischer Musik dasselbe. Ich bin nicht für eine Quote, aber ich finde, es gehört auch zur Schweizer Radiolandschaft, dass die Schweizer unterstützt werden. Es gäbe noch ein paar andere Acts, die das auch mega fest verdient hätten und einfach keine Chance haben.

© Tabea Hüberli
Lovers nach all den Jahren.
Indiespect: Ich finde es richtig und wichtig, dass du das in deiner Position sagst.
Stefan Buck: Wir hören immer wieder dasselbe. Mundart testet schlecht. Wir checken das irgendwie nicht. Wir stehen auf dem Heitere, auf dem Gurten in St. Gallen, in Gampel, am Zürich Openair. Dort hast du vielleicht das urbanste Publikum in der ganzen Schweiz und die Leute drehen bei Mundart komplett durch. Nicht nur bei uns, sondern auch beispielsweise bei Lo & Leduc. Und dann… Schnitt. Wir schicken unseren Song raus und das Feedback ist: testet schlecht. Und ich finde einfach irgendwie, ja, testet schlecht... Aber ihr seid doch ein Schweizer Radio. Logisch sind wir nicht Beyoncé oder Taylor Swift. Das muss man auch mal thematisieren. Wie gesagt, wir sind in der privilegierten Situation, dass wir gespielt werden. Aber was musst du denn für einen Song bringen, wenn du nicht das Hallenstadion füllst, damit er gespielt wird. Das finde ich eigentlich nicht okay.
Wir sind in der privilegierten Situation, dass wir gespielt werden. Aber was musst du denn für einen Song bringen,
wenn du nicht das Hallenstadion füllst, damit er gespielt wird. Das finde ich eigentlich nicht okay.
Indiespect: Mit Tontauben habt ihr bisher einen ersten Song auf Hochdeutsch veröffentlicht. Ihr habt bereits in Deutschland gespielt und kehrt im März zurück. Ich habe gehört, dass das Schweizerdeutsch richtig gut angekommen ist?
Christoph Schröter: Wir haben nicht gewusst, was uns erwartet und uns auf alle Situationen vorbereitet. Wir haben fünf Songs auf Deutsch übersetzt und sind damit nach Deutschland. Wie du gesagt hast, wollten sie die Mundart-Songs hören. Sie wollten Hecht sehen, wie wir in der Schweiz unterwegs sind. Das haben wir nicht erwartet.
«Tontauben» ist der bisher einzige Hecht-Song in Hochdeutsch.
Indiespect: Dann werdet ihr in Zukunft nicht mehr speziell für dieses Zielpublikum Musik veröffentlichen?
Stefan Buck: Das ist noch sehr unklar. Ich glaube, es wird eine Mischform geben. Wir werden alles ausprobieren und irgendwann zum Beispiel einen Song mit einem deutschen Featuring machen, wo das Featuring auf Deutsch singt, wir auf Mundart. Wir haben auf jeden Fall gespürt, dass die Hecht-Energie, die wir live haben, grenzübergreifend funktioniert. Das hat uns mega geflasht. Jetzt ist die Frage, ob wir es schaffen, mit einem Song in Deutschland weiterzukommen, der vielleicht auf Deutsch ist. Oder wir machen einfach die Ochsentour, wie wir es in der Schweiz auch gemacht haben und spielen live. Natürlich sind wir erfahren genug, um zu wissen, dass man einen Radio-Hit braucht. Wir sind nicht nur live weitergekommen. Irgendwie muss es zusammenspielen.
Es geht nicht immer darum, was ein Wort bedeutet, sondern auch wie es klingt. Ich sage meiner Frau nie hey, wife, wie läuft's zuhause?
Indiespect: Auf LOVER setzt ihr vermehrt auf englische Ausdrücke – high life, my wife (Blau im Grau), schüttled alles weg, du gisch mir love attack (Auerbach) . Das hattet ihr immer schon, aber dieses Mal ist es mir noch stärker aufgefallen. Ist das eine bewusste Entscheidung, weil solche Begriffe hängen bleiben oder ist das ein Stilmittel, um die Sprache zu erweitern?
Stefan Buck: Das ist nicht bewusst. Ich benutze einfach so viele Anglizismen, wenn ich spreche. Das finde ich eigentlich gar nicht so geil, aber es ist einfach so. Es gibt aber auch gewisse Sachen, die einfach gut klingen. Musik hat viel damit zu tun. Du kannst deinem Hirn nicht sagen, was es gut oder schlecht findet. Es ist Schall und Rauch und du findest es entweder geil oder nicht. Es geht nicht immer darum, was ein Wort bedeutet, sondern auch wie es klingt. Ich sage meiner Frau nie hey, wife, wie läuft's zuhause? (lacht) Es ist in diesem Kontext einfach das Richtige, habe ich das Gefühl. Aber ja, man könnte auch sagen testet schlecht (lacht).
Indiespect: Es sind nicht nur die englischen Wörter, die auffallend sind. Wie kommt man auf die Idee, den achtfachen Auerbach als Beschreibung für das Gefühl zu verwenden, das jemand in einem auslösen kann? Bestimmst du ein Kernthema und suchst passende Begriffe dazu?
Stefan Buck: Bei diesem Song war es ganz konkret. Der Sohn von einem Freund erzählte, dass er vom 3-Meter-Brett gesprungen ist und einen richtig krassen Sprung kann. Dann sagte der Vater: Ja, sicher einen achtfachen Auerbach. Ich habe das gehört und fand das klingt so geil – achtfacher Auerbach. Daraus entstand der Song.
Es geht nicht immer darum, was ein Wort bedeutet, sondern auch wie es klingt. Ich sage meiner Frau nie hey, wife, wie läuft's zuhause?
Indiespect: Eure Alben spiegeln auch immer euer eigenes Leben wider. Vom unbeschwerten in den «See springe», über «Heicho» in einer Beziehung zu den Konsequenzen des Erfolgs in «Blau im Grau». Es ist wahrscheinlich mit all dem Erfolg nicht einfacher geworden, alles unter einen Hut zu bringen?
Stefan Buck: Wir haben einen Wochenendjob, dann sind wir auf der Bühne. Vier von fünf haben eine Familie und Kinder. Das ist eine riesige Challenge. Familienzeit, in der beide Elternteile Zeit haben, ist ebenfalls am Wochenende. Bei den 24 Konzerten auf der nächsten Tour sagen wir spätestens um 16 Uhr: ich bin mal weg. Das ist ein Spannungsfeld, das grundsätzlich nicht einfach ist. In der Zeit, in der wir am Samstag um 16 Uhr gehen und um 2 Uhr nachts wieder nachhause kommen, gibt es was das Kind anbelangt sehr viel zu tun. Wir bekommen in dieser Zeit Applaus, trinken zusammen einen Gin Tonic und gehen wieder heim. Das sind zwei verschiedene Welten, die klar zu Spannungen führen. In diesem Album geht es darum, dass man trotz diesen Spannungen zusammenfindet und den gemeinsamen Kern hat, den man schätzt. Wenn es auch, wie zum Beispiel in Blau im Grau, manchmal überhaupt nicht einfach ist. Deswegen heisst dieses Album LOVERS. Es ist nicht mehr so wie mit 25, als man gesagt hat: Hey geil, wir gehen zusammen in den Ausgang. Es ist eine andere Zeit.
Indiespect: Nutzt du die Songs denn auch, um diese Gefühle zum Ausdruck zu bringen? Sprich, dass deine Frau sieht, dass du dir intensiv Gedanken zu diesem Thema machst?
Stefan Buck: Ich habe mir nicht überlegt, es wäre doch super, wenn ich einen Song über dieses Thema mache. Es ist eher ein Ventil, um das in einem Text auszudrücken. Wie ist es eigentlich? Was ist los? Neu ist, dass wir die Türe mit Hecht aufmachen. Das hat es noch nie auf einem Album gegeben. Hier gibt es ein paar Songs, bei denen man merkt: okay, das kann jetzt nicht erfunden sein. Wenn er das einfach so erfindet und singt, dann braucht er wirklich Hilfe. (lacht)

- Blau im Grau
- Lovers
- (F*ck) ines paar Jahr
- St. Moritz
- Mon Amour
- Liebesrueh
- Muhammad Ali
- Hotel i de eigete Stadt
- Uri
- Auerbach
- Himmelfahrt
- De Chregu und ech
- Jung
- Min Name
Indiespect: Ich habe eine Instagram-Story gesehen, in der ihr die über 300’000 monatlichen Hörer auf Spotify zelebriert. Da ist mir auch aufgefallen, dass nur vier eurer Songs mit Herz markiert in der Favoritenliste des Profils sind. Wessen Profil war das und welche Songs sind diese vier Top-Hechtsongs?
Stefan Buck: Geil, das war ich. Ich habe ein Profil mit meinen Kindern zusammen. Das ist grausam. Wenn ich die jährliche Auswertung bekomme, was ich höre, ist das Johnny's Wissens-Podcast oder irgendwelche Trickfilme. Ich behaupte, dass das meine Kinder waren. Ich weiss nicht mal, wie das geht. Von aussen betrachtet würde ich sagen, es ist Blau im Grau, Mon Amour, Charlotta... Ich weiss es nicht. Wir hören diese Songs bis sie fertig sind so oft. Wir hören die Mixes 1000 Mal und jeden Schritt des Songs. Wenn sie draussen sind, brauche ich zwei oder drei Monate, in denen ich sie ein wenig zur Seite schieben muss.
Christoph Schröter: Genau dann möchten sie die Kinder hören. Dann wirst du im Auto noch einmal beschallt.
Stefan Buck: Auch sehr zur Freude der Frau. (lacht)

Den Album-Release von «Lovers» haben Hecht mit einem eigenen Pop-Up-Store und ihren fans gefeiert.
Indiespect: Abgesehen von den grossen Hits, gibt es Songs, die euch besonders am Herzen liegen?
Stefan Buck: Brissago ist ein Song vom zweiten Album, den wir immer wieder auspacken. Es ist unfassbar, wie er noch immer von sehr vielen Leute gefeiert wird, wenn wir ihn spielen. Er ist ein wenig mein Lieblingssong. Ich finde das oh yeah und oh je irgendwie gelungen. Die Songs entwickeln sich mit der Zeit auch immer weiter. Wenn wir das zusammen spielen, sind alle so musikalisch. Das mag ich sehr gerne.
Christoph Schröter: Es gibt Songs, die nicht die grossen Hits waren, die jedem von uns irgendwie nahe sind. Bei mir ist es zum Beispiel Verlore im Meer. Das ist ein Song, den wir schon lange nicht mehr live gespielt haben, den ich aber super finde. Das ist auch eine Erinnerung ans Hallenstadion. Den haben wir dort live extrem auf den Punkt gebracht. Das waren grosse Emotionen, auf jeden Fall bei mir.
Es gibt Songs, die nicht die grossen Hits waren, die jedem von uns irgendwie nahe sind. Bei mir ist es zum Beispiel «Verlore im Meer».
Indiespect: Auf einer Tour mit so vielen Konzerten, hat man die Chance, verschiedene Sachen zu spielen. Oder baut ihr lieber die perfekt Show zusammen und haltet dann daran fest, weil die Dramaturgie ideal ausbalanciert ist?
Stefan Buck: Das weiss ich jetzt auch noch nicht so recht. Eigentlich hätte ich mal Lust, etwas zusammenzubasteln und dann immer wieder zu machen. Einfach um mal ein bisschen Routine in das Leben zu bekommen. Aber sehr wahrscheinlich wird es genau so sein, dass man findet: hey, da müssen wir wieder einmal diesen spielen. Es ist eine Challenge. Wir haben 14 neue Songs. Jetzt ist die Frage, wie viele neue spielen wir und wie viele alte? Es ist klar, dass wir nicht alle 14 spielen können, aber trotzdem haben wir jeden Song gemacht, um ihn live zu spielen. Vielleicht wechseln wir bei den neuen Songs wirklich ein wenig ab, damit alle mal stattfinden dürfen, aber nicht alle am gleichen Abend.
Christoph Schröter: Auf der letzten Tour haben wir zwar fast alle gespielt vom letzten Album. Aber ja, mit mehr Radiosongs, werden diese von den Leuten auch erwartet. Du kannst kein Konzert ohne Charlotta spielen. Es kommen immer mehr solcher Songs dazu und man hat automatisch weniger Platz für die Neuen.
«Brissago» ist der heimliche Lieblingssong von Stefan Buck.
Indiespect: Ist das bei Festivals nicht noch viel extremer als bei euren eigenen Shows?
Stefan Buck: Doch, doch. Das ist grausam. Ein 60-minütiges Festivalset, wie wir es zum Beispiel am Zürich Openair hatten, ist für uns wirklich schlimm. Bitte mit Charlotta, Kawasaki und jetzt neu Mon Amour. Das frisst bald 30 Minuten vom Set. Dann denkst du, was willst du jetzt noch? Es ist natürlich auch geil, wir haben es gerne so. Aber bei eineinhalb Stunden wären wir voll dabei.
Wir waren früher nie in Clubs. Konzerte waren immer unser Ausgang, so wurden wir sozialisiert.
Indiespect: Man sieht euch öfter bei Konzerten anderer Acts. Ich kann mich erinnern, euch bei Lostboi Lino im Dynamo gesehen zu haben und es gab Sichtungen bei Giant Rooks oder Dominic Hartz. Zieht ihr Inspirationen aus solchen Performances oder seid ihr einfach Musikfans geblieben??
Christoph Schröter: Beides. Wir sind definitiv Musikfans, Livefans. Wenn ich in einer Stadt bin, gehe ich Konzerte schauen. Dort fühle ich mich wohl. Du erlebst was und kommst mit Menschen in Kontakt. An diesen Orten lässt du dich automatisch inspirieren. Alle von uns haben ein extremes Sensorium dafür. Wenn wir etwas Cooles sehen, dann denken wir, wie könnten wir das machen? Ist das etwas für uns?
Stefan Buck: Wir waren früher nie in Clubs. Konzerte waren immer unser Ausgang, so wurden wir sozialisiert – in der Schüür oder dem Werkhof in Luzern. Wenn wir das nicht getan hätten, würden wir gar keine Musik machen. Wir sind nicht auf die Welt gekommen und haben gedacht, wir spielen in einer Band. Der Wunsch entstand durch Konzerte. Wir haben gemerkt, dass wir eine Band gründen wollen, weil uns das so gefällt. Aus diesem Grund ist es heute noch immer so. Wenn wir Zeit haben, in den Ausgang zu gehen, ist der Reflex immer da, ein Konzert zu besuchen.
Indiespect: Ihr habt mit «St. Moritz» euren ersten Diss-Track veröffentlicht. War es befreiend, diese negative Erfahrung in einen Song zu packen oder habt ihr gezögert?
Stefan Buck: Das war wirklich eine Therapie. Es ist ein autobiografischer Text. Durch komische Umstände bin ich mit der Familie letzte Weihnachten in St. Moritz gelandet. Ich habe das Treiben und die Dekadenz mitbekommen. Auf den Skipisten, in St. Moritz selber. Ich habe mich gefragt, wo bin ich hier gelandet? Das ist so gar nicht meine Welt. Dann fand ich, ich muss das irgendwie verarbeiten und habe das mit dem Song gemacht. Aber es ist uns auch wichtig zu sagen, dass wir nichts gegen Leute haben, die in St. Moritz aufgewachsen sind oder dort leben. Es ist einfach dieses Klientel, das dort, by the way, alle 10 Minuten mit einem Privatjet ankommt. Alle tragen Pelzmützen zum Skifahren. Ich habe das noch nie gesehen. Wenn du zu Mittag isst, musst du schauen, dass du nicht einfach so 300 – 400 Franken ausgibst. Es ist eine Welt, in der ich nicht zuhause bin. Ich fand auch, wenn es eine Destination verkraften kann, dann diese. (lacht)
Wir waren früher nie in Clubs. Konzerte waren immer unser Ausgang, so wurden wir sozialisiert.
Indiespect: Mal ein Konzert in St. Moritz zu spielen, habt ihr mit eurem Song wahrscheinlich ausgeschlossen, oder?
Stefan Buck: Oh nein, wir wissen jetzt noch nicht, wie sich unsere Freundschaft mit St. Moritz entwickeln wird. Du hast es richtig gesagt, es ist der erste Diss-Track. Jetzt müssen wir selber erfahren, wie das ankommt. Es geht einfach um die Menschen, die sich dort über Weihnachten und Neujahr versammeln. Alle sollen mit ihrem Geld was machen, was sie wollen. Das ist für mich völlig okay. Ich muss einfach nicht dabei sein. Das sage ich auch in dem Song. Ich sage ja nicht, ihr seid alles Idioten. Sondern einfach, hey, für mich ist das nichts.

© Tabea Hüberli
Ein brennendes Auto ganz ohne Künstliche Intelligenz. Bei Hecht wird noch richtig eingeheizt.
Indiespect: Auf einen Releasetag hin baut sich so vieles auf. Könnt ihr euch noch an die einzelnen Veröffentlichungsdaten von früheren Alben erinnern, als wären das Geburtstage oder verblassen diese Tage im Lauf der Zeit?
Stefan Buck: Ich vergesse das wieder. Aber mit diesem Pop-Up-Store haben wir einen Raum geschaffen, um das zu feiern. Wir werden nie vergessen, dass wir das hatten. Das war auch die Idee dahinter. Wir haben so hart gearbeitet. Jetzt gehen wir hierhin, feiern mit unseren Freunden und dann geht es wieder weiter. Aber es ist schön, dass wir einen solchen Ort haben.
Hecht ist manchmal ein Monster, das sehr viel auffrisst. Im Positiven wie im Negativen.
Indiespect: Stefan, du hast dich im letzten Jahr noch mit einem Start-Up selbstständig gemacht. Die Balance zwischen Band und Familie ist schon ein riesiger Spagat. Wie schaffst du das noch mit einem solchen verantwortungsvollen Job und wie viele Stunden hat eigentlich dein Tag?
Stefan Buck: Der hat genau gleich viel wie alle anderen. Es sind Wellenbewegungen. Wie wir momentan Hecht betreiben, ist es ein Vollzeitjob. Aber es gibt auch immer wieder Phasen, in denen es weniger ist. Wir sind keine Weltband, sondern einfach eine Schweizer Mundartband. In den Ruhigen Phasen geniesse ich es sehr, mit meiner Expertise auch etwas Unternehmerisches zu tun. Deswegen mache ich das mit dem Start-Up mega gerne. Ein Grund wieso ich mich selbstständig gemacht habe, ist, dass ich mir meine Zeit selber einteilen kann. Ich wäre kein Arbeitnehmer mehr, den man tolerieren könnte – ich bin nie da. Deswegen haben wir uns alle ein Setup geschaffen, wo das geht. Sei es im Lehrerjob, wo man flexibel sein kann, oder beim Start-Up. Wir brauchen Flexibilität. Hecht ist manchmal ein Monster, das sehr viel auffrisst. Im Positiven wie im Negativen.

