Interview mit Freya Ridings:
Im Herzen bin ich ein Dark-Indie-Girl und ich freue mich darauf, dorthin zurückzukehren.

In Highlights, Interviews by indiespect

Freya Ridings folgte für «Mother of Pearl» ihrem Instinkt anstelle äussere Erwartungen zu erfüllen. Das bedeutete auch, sich gegen starke Meinungen aus der Musikindustrie zu stellen. Im Gespräch reflektiert sie darüber, wie wichtig es ist, authentisch zu bleiben, über ihren Songwriting-Prozess zwischen Voice Memos und Stift und Papier sowie darüber, wie persönliche Erfahrungen den Klang und die Ausrichtung ihrer Musik prägen.

Indiespect: «Mother Of Pearl feels» wirkt im Vergleich zu «Blood Orange» wie ein sehr anderes Album. Du hast einiges durchgemacht, um an den Punkt zu kommen, an dem du jetzt bist. Welche Entscheidung, die du zwischen den beiden Alben getroffen hast, macht dich am meisten stolz?

Freya Ridings: Das ist eine schöne Frage. Ich bin sehr gut darin, das zu tun, was man mir sagt, und im Team zu arbeiten – das war früher nicht so. Bevor ich diesen Job angefangen habe, war ich eher rebellisch. Aber wenn es anfängt, gut zu laufen, hört man plötzlich auf die Meinungen anderer und stimmt irgendwie allen zu. Der Moment, auf den ich beim Entstehungsprozess dieses Albums am stolzesten bin, war folgender: Jemand, der nicht genannt werden sollte, hat mir gesagt, ich solle nicht in ein Flugzeug steigen und nicht mit dieser Produzentin arbeiten, die ich seit Jahren liebe. Ich bin ein riesiger Fan von Jen Desilvio, und ich wusste nicht einmal, dass sie mit mir arbeiten wollte – man hatte es mir nicht gesagt. Also habe ich mir selbst ein Ticket gekauft. Ich bin in das Flugzeug gestiegen und einfach gegangen. So etwas habe ich in meinem Leben ehrlich gesagt noch nie gemacht. Das war der Moment, der alles verändert hat. Das wurde zum Auslöser für den Sound des Albums. Sie war am letzten Hozier-Album beteiligt und hat mit vielen unglaublichen Künstler:innen aus der Indie-Rock-Welt gearbeitet, die ich so liebe. Ihre Arbeit hat einen charakteristischen, cineastischen Unterton. Für mich ist genau das der Moment, auf den ich am meisten stolz bin: nicht auf jemanden zu hören, ins Flugzeug zu steigen und es einfach trotzdem zu machen.

Freya Ridings

FREYA RIDINGS VERÖFFENTLICHT IHR DRITTES ALBUM «MOTHER OF PEARL»

© Stefan Tschumi

Indiespect: Aber war das in diesem Moment eine schwierige Entscheidung?

Freya Ridings: Oh ja, das war wirklich schwierig. In diesem Moment habe ich mich gegen viele Menschen gestellt, die sehr starke Meinungen hatten. Gleichzeitig gibt es – gerade wenn man bei einem Label ist – auch Leute, die einen wirklich unterstützen, zum Beispiel Jamie Nelson bei BMG. Er hat mich immer bestärkt und die ganze Zeit dafür gekämpft, dass ich das machen kann, was ich möchte. Und dann gab es auf der anderen Seite Menschen in der Branche, die nicht genannt werden sollten und die mit allem versucht haben, mich aufzuhalten. Es war ein seltsames Gefühl, zwischen diesen beiden Seiten zu stehen. Was mich am meisten stolz macht, ist, dass ich auf mein Bauchgefühl gehört habe und nicht auf meinen Kopf. Ich wusste, dass wir zusammen unglaubliche Musik machen würden. Ohne diese Entscheidung hätte das Album nicht diese eigene Klangwelt bekommen..

Was mich am meisten stolz macht, ist, dass ich auf mein Bauchgefühl gehört habe und nicht auf meinen Kopf.

Freya Ridings

Indiespect: Das ist irgendwie traurig. Musik beginnt immer mit Leidenschaft und plötzlich gerät man in eine Industrie, die vor allem auf Zahlen und Geld fokussiert ist.

Freya Ridings: Es gibt diese Menschen in der Branche. Bis zu diesem Punkt hatte ich damit aber noch keine Erfahrungen gemacht. Deshalb habe ich gar nicht verstanden, was passiert. Für mich war klar: Natürlich sollte ich auf mein Bauchgefühl hören. Aber mir wurde gesagt, dass das nicht funktioniert. Und natürlich funktioniert es – das ist der Sinn von Musik. Ironischerweise ist genau das der Teil, der Menschen verbindet: die Fans, andere Künstler:innen, Produzent:innen – alle im kreativen Bereich verstehen das. Aber du hast recht, auf der geschäftlichen Seite können Menschen manchmal ziemlich hart sein.

Indiespect: Der Titel «Mother Of Pearl» ist mehr als nur ein Albumtitel. Perlen entstehen als Abwehrmechanismus, wenn eine Muschel durch einen Parasiten angegriffen wird, der in ihre Schale eindringt und sie verletzt. Du hattest auch mit äusseren Einflüssen zu kämpfen, und daraus ist gewissermassen eine musikalische Perle entstanden. Oder interpretiere ich da zu viel hinein?

Freya Ridings: Nein, überhaupt nicht. Das ist eine perfekte Interpretation der Symbolik. Ich habe einen Song auf dem Album geschrieben, der Dancing in the Kitchen heisst. Das ist die nächste Single und ist einer meiner Lieblingssongs auf dem Album – wahrscheinlich mein zweitliebster. Der Song beginnt mit der Zeile: Mama says it’s the grit that makes the pearl, ein Satz, den meine Mutter früher oft gesagt hat. Ich habe diesen Song schon Jahre vor Mother of Pearl geschrieben, aber er ist irgendwie die ganze Zeit präsent geblieben. Für mich fühlt sich das Album sehr vom Element Wasser geprägt an – es hat Tiefe, Trauer und eine Art familiäre Liebe. Die Worte mother und pearl haben das für mich zusammengeführt. Du hast also recht: Die Momente, in denen man die eigene Widerstandskraft finden muss, können etwas wirklich Schönes entstehen lassen. Aber es war nicht leicht.

Image
Tracklist
  1. Euphoria
  2. Wild Horse
  3. I Have Always Loved You
  4. Dancing In The Kitchen
  5. Undefeated
  6. R U OK?
  7. Battleship
  8. Wicker Woman
  9. Mother Of Pearl
  10. If This Is A Dream
  11. Strength In Me

Indiespect: Man sagt oft, die beste Kunst entsteht  aus genau solchen Situationen, aber man sucht ja nicht bewusst Herausforderungen. Muss man solche Erfahrungen machen, um kreativ zu sein?

Freya Ridings: Es ist seltsam – bei mir ist es tatsächlich so. Manchmal entsteht aus Schmerz etwas Schönes. Ich finde das nicht unbedingt gut, aber ich bin ein eher melancholischer Mensch. Als ich aufgewachsen bin, war Musik der Ort, an den ich mich zurückgezogen habe, um aus diesen Gefühlen etwas Schönes zu machen, anstatt mich darin zu verlieren. Es wurde zu etwas, das grösser war als ich selbst. Und genau deshalb liebe ich es bis heute so sehr. Man kann Schmerz oder die Sehnsucht nach etwas oder jemandem in etwas verwandeln, das Menschen miteinander verbindet.

Ich hatte im Grunde keine Stimme, was total ironisch ist, weil mein ganzer Job heute daraus besteht, eine Stimme zu haben.

Freya Ridings

Indiespect: Als Kind warst du ziemlich schüchtern. Ich habe gelesen, dass du bei Open Mics gespielt und dort gemerkt hast, dass die Leute dir wirklich zuhören. Aber wie hast du überhaupt den Schritt gewagt, dorthin zu gehen? Das muss sehr viel Überwindung gekostet haben.

Freya Ridings: Auf jeden Fall. Ich war in der Schule so schüchtern, dass ich kaum gesprochen habe. Ich hatte im Grunde keine Stimme, was total ironisch ist, weil mein ganzer Job heute daraus besteht, eine Stimme zu haben. Ich hatte nur sehr wenige Freund:innen und es fiel mir schwer, mit Menschen zu sprechen und eine Verbindung aufzubauen. Ich war extrem schüchtern und gleichzeitig meiner Familie zu Hause sehr nah. Deshalb war Musik etwas, das ich vor allem zu Hause gemacht habe. Irgendwann bin ich in der Schule an einem Plakat vorbeigelaufen, auf dem Open Mic Night stand. Ich wusste nicht einmal, was das ist, aber ich hatte das Gefühl, ich sollte hingehen. Es war wie eine Art kosmischer Sog. Ich war 11 Jahre alt und alle anderen waren in der Oberstufe, also 17 oder 18. Sie haben gefragt: Bist du sicher, dass du das machen willst? Und ich war einfach so: ja. Ich war unglaublich schüchtern und habe während des ganzen Auftritts meine Jacke angelassen. Ich habe Gitarre gespielt, meine Familie war da, und ihnen ist die Kinnlade heruntergefallen. Sie wussten ja, wie ängstlich ich im Umgang mit Menschen war. Es war, als würde sich mein wahres Ich zum ersten Mal zeigen. Mit 11 war das wie ein Blitz – er hat mich getroffen, und ich wusste: Das ist mein Ding. Das Publikum ist komplett ausgerastet, und ich dachte nur: oh mein Gott. Ich habe einen Song gespielt, den ich zu Hause geschrieben hatte – und habe es geliebt.

Indiespect: Wie eine Superhelden-Verwandlung.

Freya Ridings: Genau (lacht). So wie wenn sie ihre Brille abnehmen. Danach bin ich trotzdem wieder zu diesem schüchternen Mädchen geworden, das niemand besonders cool fand, und dachte mir nur: oh. Es war schwer. Aber ich habe weitergeschrieben, in jedem freien Moment. In der Mittagspause, war ich wann immer ich konnte im Musikraum. Seit ich 11 bin, habe ich immer geschrieben.

Freya Ridings

FREYA RIDINGS SOLO IN ZÜRICH

© Stefan Tschumi

Indiespect: Auf der Bühne warst du also selbstbewusst, und abseits davon weiterhin schüchtern?

Freya Ridings: Ja, extrem schüchtern. Das ist teilweise immer noch so, aber es wird besser. Mit der Zeit wächst das Selbstvertrauen. Ich bin jetzt in meinen Dreissigern, das verändert einiges. Aber in diesen unbeholfenen Teenagerjahren, in denen man nicht sagen kann, was man denkt, kann man es in einen Song packen und dadurch wird es greifbar.

Indiespect: Ich habe das Gefühl, dass Songs besonders stark sind, wenn sie eine echte Bedeutung haben, fast etwas therapeutisches. Viele deiner Songs sind sehr traurig, aber weil Fans sie so sehr lieben, entwickeln sie sich zu etwas anderem. Verändert sich dieses Gefühl mit der Zeit, wenn du sie live spielst, auch wenn das Thema für dich ursprünglich schwer war?

Freya Ridings: Auf jeden Fall. Gerade Songs wie Lost Without You und Castles sind in sehr schmerzhaften Momenten entstanden. Zu sehen, wie sie sich später in etwas Euphorisches verwandeln – wenn Menschen sie bei Hochzeiten oder Beerdigungen oder in anderen wichtigen Momenten ihres Lebens nutzen – ist unglaublich bewegend, weil ich sie nie mit dieser Absicht geschrieben habe. Es ist fast so, als hätten mein Schmerz und ihr Schmerz etwas Gemeinsames gefunden. Auf die Bühne zu gehen und mit Menschen, die man noch nie getroffen hat, so eine Verbindung zu teilen, ist eine unglaublich schöne Form der Begegnung. Genau das fiel mir früher schwer. Bei Castles war ich beim Schreiben wütend und einsam. Später sieht man auf Festivals kleine Mädchen auf den Schultern ihrer Väter und Menschenmengen, so weit das Auge reicht. Ich erinnere mich noch genau an den Moment nach einer Trennung, als ich traurig war und auf dem Heimweg geweint habe und dachte: Ich mache daraus etwas Schönes, ich schreibe Castles. Und dann diese Mädchen auf den Schultern ihrer Väter zu sehen – da dachte ich einfach nur: Oh mein Gott, das ist so cool. Den ursprünglichen Moment vergisst man nie ganz. Manchmal tritt er in den Hintergrund, manchmal nicht. Ein Song kann einen immer wieder dorthin zurückbringen.

Ich erinnere mich noch genau an den Moment nach einer Trennung, als ich traurig war und auf dem Heimweg geweint habe und dachte: Ich mache daraus etwas Schönes, ich schreibe Castles.

Freya Ridings

Indiespect: Du hast darüber gesprochen, wie wichtig Produzent:innen sind. Ich kann mir vorstellen, gerade für Songwriter:innen wie dich mit so persönlichen Texten. Was müssen Produzent:innen deinen Songs hinzufügen können, oder wie sollten sie arbeiten?

Freya Ridings: Es ist wie Dating. Ich war in vielen Sessions mit Leuten, die einen Song für mich schreiben wollten, und ich dachte einfach: Das bin nicht ich. Ich muss selbst schreiben – vor allem die Texte. Jedes einzelne Wort muss wahr sein, besonders wenn ich es singe. Wenn jemand anderes singt, dann klar, lasst uns alle zusammenarbeiten. Aber wenn ich auf der Bühne stehe, muss es sich für mich echt anfühlen. Für mich wichtig, Produzent:innen zu finden, eine ruhige Art haben, weil ich im Studio ziemlich nervös werde. Auf der Bühne vor Zehntausenden Menschen zu stehen, macht mir überhaupt nichts aus. Aber im Studio kann ich in Panik geraten, weil die Songs dort in Stein gemeisselt werden. Deshalb ist es wichtig, Menschen zu finden, die ruhig sind, lustig, lieb – einfach freundlich. Es gibt Produzent:innen, die denken, es sei cool, gemein zu sein oder dass man durch Druck oder Tränen das Beste aus jemandem herausholt. Und ich denke mir nur: Nein, das ist Missbrauch. Wenn ich heute darauf zurückblicke, frage ich mich: Was war das eigentlich? Das war verrückt. Es hilft auch, mit Menschen zu arbeiten, die in einer ähnlichen Lebensphase sind. Wenn jemand viel älter oder viel jünger ist, ist man oft nicht im selben Mindset. Es sind Leute wie Jen Desilvio oder Sam de Jong, mit dem ich Wild Horse gemacht habe. Er hat viel mit Gracie Abrams gearbeitet und ist einfach ein unglaublich ruhiger, angenehmer Mensch. Und dann war da noch Adam Yaron – mit ihm habe ich Mother of Pearl, den Song, gemacht. Er hat ihn produziert. Er war so freundlich und hatte die Ausstrahlung und Energie von jemandem, von dem man weiss, dass er Grosses erreichen wird. Als ich ihn getroffen habe, dachte ich sofort: Das steht kurz bevor – und dann hat er Ordinary mit Alex Warren gemacht. Das ist das Schöne an LA: Es gibt dort eine unglaubliche Dichte an erfolgreichen Produzent:innen, sodass man Menschen finden kann, zu denen man wirklich eine Verbindung hat. In Grossbritannien ist das weniger der Fall.

CASTLES» WURDE AUS WUT UND EINSAMKEIT ZU ETWAS SCHÖNEM

© Stefan Tschumi

Indiespect: Findest du diese Produzent:innen, indem du andere Musik hörst? Du hast zum Beispiel Hozier erwähnt.

Freya Ridings: Ja. Man hat eine Wunschliste mit Leuten, mit denen man gerne arbeiten würde. Manche sind zu gross, manche zu klein, und dann findet man diesen Sweet Spot, in dem das Label Ja sagt und man selbst auch. Aber das hat eine Weile gedauert. Man muss einige Frösche küssen.

Indiespect: Wie viele Produzent:innen haben an diesem Album gearbeitet?

Freya Ridings: Nicht allzu viele. Es waren etwa vier oder fünf. Das Album hat 11 Songs, und es verteilt sich ungefähr auf zwei pro Person. Am Ende gleicht sich das ganz gut aus.

Wenn niemand sonst mit dir auf der Bühne steht, kannst du frei sein und Dinge fliessend verändern.

Freya Ridings

Indiespect: Vor deiner Solo-Show in Zürich, die sich sehr nah an deinem Songwriting anfühlt, wollte ich dich fragen: Arrangierst du deine Songs für die verschiedenen Konzerte selbst? Also egal ob solo oder mit Band?

Freya Ridings: Ja, ich arbeite mit Musical Directors zusammen. Weil so viele Songs am Klavier entstanden sind, freut es mich sehr, Shows wie in Zürich zu spielen. Dadurch finde ich wieder zur ursprünglichen Verbindung zurück. Wenn niemand sonst mit dir auf der Bühne steht, kannst du frei sein und Dinge fliessend verändern. Du spürst, was das Publikum fühlt, und kannst im Moment darauf reagieren. Das ist sehr intensiv und es entstehen diese ganz besonderen Momente. In grösseren Pop-Produktionen klingt es zwar oft grösser, aber es macht nicht immer gleich viel Spass. Wenn wir am Ende des Jahres für die richtige Tour zurückkommen, möchte ich, dass es sich mit organischen Elementen reduzierter anfühlt. Trotzdem soll es die Grösse der Songs transportieren, denn einige davon sind ziemlich cineastisch. Ich möchte einen Weg finden, das umzusetzen – vielleicht mit weniger Leuten.

Freya Ridings

FÜR FREYA RIDINGS IST ES BESONDERS KRAFTVOLL, SOLO ZU SPIELEN, WEIL SIE FREI AGIEREN UND SICH ANPASSEN KANN

© Stefan Tschumi

Indiespect: Ich nehme an, das hat Parallelen zu deine Musik generell. Du möchtest, dass sie organisch bleibt und nicht zu generischem Pop wird.

Freya Ridings: Genau das ist der Punkt. Ich will ehrlich sein: Als ich als Künstlerin meinen Durchbruch hatte, waren Songs wie Lost Without You und Castles sehr organisch. Mit der Zeit entsteht dann aber Druck, etwas poppiger zu werden, als man eigentlich möchte. Ich bereue es ein bisschen, dass ich darauf gehört habe, weil das einfach nicht ich bin. Ich bin im Herzen ein Indie-Girl – ein Dark-Indie-Girl – und ich freue mich darauf, dorthin zurückzukehren. Ich glaube, das ist es auch, was die Fans an mir lieben, und es ist das, was ich an meiner Arbeit liebe. Wenn all die Zwischeninstanzen wegfallen, kommt man wieder zu dieser Verbindung zurück, die man einmal hatte.

Indiespect: Du hast auch viele Cover auf deinem YouTube-Kanal veröffentlicht und ihnen alle deine eigene Note gegeben. Wie hast du die Songs ausgewählt? Ging es immer darum, dass dich die Texte berühren?

Freya Ridings: Ich habe früher viele Covers gespielt, um zu lernen, Songs zu schreiben und um zu üben. Aber irgendwie kann ich keinen Song singen, wenn ich nicht wirklich will. In meinem Kopf passiert dann etwas – ich muss mich mit den Texten verbunden fühlen, um einen Song singen zu wollen. Es ist fast wie bei Pokémon: Die Songs müssen dich auch auswählen. Du suchst sie dir nicht einfach aus, sie wählen dich. Manche Songs sind einfach zu schön, um sie nicht zu covern. Zum Beispiel Drivers License von Olivia Rodrigo oder Exile – das war ein Taylor-Swift-Cover, das ich gemacht habe und das ich sehr geliebt habe. Ich glaube, sie hat es sogar geteilt, was total schön war. Manche Songs kann man einfach nicht nicht covern, weil sie so schön sind.

MANCHE SONGS MUSS MAN EINFACH COVERN, WEIL SIE SO SCHÖN SIND

© Stefan Tschumi

Indiespect: Führst du so etwas wie ein Songtagebuch, in dem du Ideen festhältst?

Freya Ridings: Das ist ein sehr guter Punkt, Christian. Ich sollte wahrscheinlich mehr so etwas wie ein Tagebuch führen. Ich nutze oft meine Notizen-App, aber Voice Memos sind eigentlich mein Hauptding. Ich setze mich ans Klavier, schliesse die Augen und nehme etwa 25 Minuten lang auf – und lasse meine Gedanken frei fliessen. Am nächsten Tag lasse ich das Ganze erst einmal sacken, gehe im Park in der Nähe spazieren und höre mir die Aufnahme noch einmal an, fast wie eine Zuhörerin. Dabei suche ich nach Melodien oder nach Momenten, die sich ehrlich anfühlen, in denen ich mich verloren habe. Danach gehe ich zurück und arbeite daran weiter und überlege, ob sich daraus ein Titel ergibt oder ob etwas, an das ich schon länger denke, dazu passt.

Indiespect: Musst du manchmal lange warten, bis sich einzelne Teile zusammenfügen, oder lässt du eine Idee auch los, wenn es zu lange dauert?

Freya Ridings: Beim Schreiben dieses Albums hatte ich tatsächlich einen grossen Durchbruch. Ich habe eine Zeit lang bewusst auf Voice Memos verzichtet. Ich habe darüber nachgedacht, dass die Leute früher keine Aufnahmetechnik hatten, als sie Songs geschrieben haben. Wie haben sie sich ihre Songs also gemerkt? Sie mussten einfach wirklich gut sein. 

Sobald der Stift das Papier berührt hat, musste ich den Song in dieser Session beenden,
und durfte ihn erst aufnehmen, nachdem er komplett fertig geschrieben war.

Freya Ridings

Indiespect: Das ist etwas, das Paul McCartney immer sagt.

Freya Ridings: Genau das meine ich. Paul McCartney und John Lennon sassen ja nicht da und sind mit Voice Memos immer wieder alles durchgegangen. Wenn eine Melodie stark genug war, dass sie sie sich beide merken konnten, dann haben sie das aufgenommen. Also habe ich mir selbst eine Aufgabe gestellt, besonders beim Song Mother of Pearl. Ich hatte den Titel und habe mir einen dicken Stapel Pergamentpapier gekauft. Jede Seite sollte eine Version des Songs werden. Sobald der Stift das Papier berührt hat, musste ich den Song in dieser Session beenden, und durfte ihn erst aufnehmen, nachdem er komplett fertig geschrieben war. Das ist extrem schwierig. Aber ironischerweise hat genau diese Einschränkung enorm geholfen, weil es dadurch entweder passt oder eben nicht. Der Song musste in einem Zug entstehen, anstatt später auf eine Idee zurückzukommen. Vielleicht gibt es kein Später. Das ist der Flow. Pack es, solange es da ist. Halte die Authentizität fest und geh dann weiter zum nächsten. Es fühlte sich ein bisschen so an, wie in der Vergangenheit zu schreiben.

Indiespect: Das muss doch beängstigend sein, weil man ständig denkt: «Oh nein, vielleicht verliere ich eine Idee, die richtig gut gewesen wäre.»

Freya Ridings: Die Melodien müssen dadurch einfacher und einprägsamer werden, fast wie ein Kindergedicht oder ein Schlaflied. Es ist so leicht, Dinge zu überkomplizieren. Man kann über alles schreiben und hat jedes Instrument zur Verfügung. Irgendwann sagt man sich: nein. Stift, Papier, Klavier – was kommt dabei raus? Ich mag diese Einschränkungen. Ich glaube, so habe ich früher meine besten Songs geschrieben. Als ich sie noch nicht aufnehmen konnte, bevor ich sie fertig geschrieben hatte.

Freya Ridings

FREYA RIDINGS IST STÄRKER ALS JE ZUVOR

© Stefan Tschumi

Indiespect: Jeder Musikfan hat bestimmte Alben, die ihm besonders viel bedeuten. Hast du auch solche Platten?

Freya Ridings: Ja, die gibt es. Ich werde wieder besser darin, ganze Alben zu hören. Im Moment gehe ich jeden Tag lange spazieren und höre dabei das Album des Tages – egal ob das das neue Album von James Blake ist, das ich unglaublich finde, oder Arlo Parks, die ich sehr liebe. Aber ich merke, dass ich mich am meisten zu Stimmen aus der Vergangenheit hingezogen fühle. Ich liebe es, einen Deep-Dive bei Künstlerinnen wie Nina Simone, Etta James oder Aretha Franklin zu machen. Diese Stimmen sind einfach unsterblich. Ich bin mit grosser Begeisterung für The Blues Brothers aufgewachsen, vor allem wegen Aretha Franklin in diesem Film. Ich war völlig fasziniert von ihr, von ihrer Stimme und ihrer Kraft. Ich war vielleicht fünf Jahre alt und habe diesen Film mit all den Schimpfwörtern geschaut. Meine Eltern wussten, dass ich die Musik liebe. Für mich war The Blues Brothers so etwas wie mein Pocahontas. Ich durfte keine Disney-Filme schauen, also habe ich stattdessen das gesehen. Natürlich gibt es auch Alben wie Rumours von Fleetwood Mac, die einfach zeitlos sind. Ein moderneres Album, das ich liebe, ist Wasteland, Baby! von Hozier – auch wenn da immer ein bisschen Melancholie mitschwingt. Ich sollte ihn eigentlich auf dieser Tour supporten, aber das hat sich mit meiner eigenen Tour überschnitten, deshalb konnte ich es nicht machen. Wenn ich das Album höre, denke ich immer: Freya, das hätte die beste Zeit werden können. Aber es ist ein wunderschönes Album und ich liebe es.

Es ist eine schöne Vorstellung, dass vielleicht kleine Mädchen mein erstes Album gehört haben könnten und diese jetzt Teenager sind. Es besteht die Chance, dass sie nun von meinem neuen Album geprägt werden. Das wäre wirklich schön.

Freya Ridings

Indiespect: Ich habe das Gefühl, dass die wichtigsten Alben oft mit einem bestimmten Moment im Leben verbunden sind. Vielleicht prägen sie einen besonders stark, wenn man jünger ist.

Freya Ridings: Ich habe mal gehört, dass man sich zwischen etwa 15 und 25 am stärksten musikalisch prägen lässt, und das wirkt schlüsslig. Die frühen Alben von Künstlerinnen wie Taylor Swift, Lady Gaga oder Beyoncé waren unglaublich prägend für mich. Es wird heute überall grossartige Musik gemacht, aber sie trifft einen nicht immer auf die gleiche Weise, weil man selbst kein Teenager mehr ist. Jetzt ist diese Musik für andere Teenager. Es ist eine schöne Vorstellung, dass vielleicht kleine Mädchen mein erstes Album gehört haben könnten und diese jetzt Teenager sind. Es besteht die Chance, dass sie nun von meinem neuen Album geprägt werden. Das wäre wirklich schön.

Indiespect: Das ist jetzt etwas off topic, aber deine Mutter veröffentlicht ein Buch. Hat es schon einen Titel?

Freya Ridings: Ja, es ist so gut! Ich bin unglaublich stolz auf sie. Es heisst The Shame Child. Der Verlag meint, dass es jetzt vielleicht ungefähr zur gleichen Zeit wie mein Album erscheinen könnte, weil es im Veröffentlichungsplan nach hinten verschoben wurde. Sie hat an ihrem Buch geschrieben, das im alten Irland spielt, während ich an diesem Album gearbeitet habe. Wir sprechen viel über Geschichten, und sie hilft mir manchmal sogar beim Überarbeiten meiner Songs. Dadurch sind diese beiden Welten auf eine fast schon kosmische Weise zusammengekommen. Es ist fast so, als wäre mein Album zum Soundtrack ihres Buches geworden.

«WICKER WOMAN» KÖNNTE DER SOUNDTRACK ZUM BUCH «THE SHAME CHILD» VON FREYAS MUTTER SEIN

© Stefan Tschumi

Indiespect: Als ich mich auf dieses Interview vorbereitet habe, hatte ich das Gefühl, dass du, weil du so offen und ehrlich bist, ständig über deine Gefühle sprechen musst – in deinen Songs und dann auch noch in Interviews. Wird das manchmal anstrengend? Würdest du manchmal lieber über etwas Leichteres zu sprechen?

Freya Ridings: Nein, nein, ich liebe das. Mein ganzes Leben dreht sich darum, grosse Gefühle in Musik zu verwandeln und daraus eine Verbindung entstehen zu lassen. Dem habe ich mein ganzes Leben gewidmet, seit ich 11 bin. Ich habe eigentlich nie etwas anderes gemacht. Ich bin sehr stolz darauf, und ich spreche auch gern darüber.

Wir hatten niemanden auf unserer Seite. Niemand hat daran geglaubt, dass es so erfolgreich wird, wie es dann geworden ist.

Freya Ridings

Indiespect: Als dein Debütalbum erschienen ist, warst du 25, und es war ein grosser Erfolg. Hast du damals schon Druck gespürt, oder hat es sich einfach wie etwas Schönes angefühlt?

Freya Ridings: Es hat sich eher wie das Ende eines sehr grossen Kapitels angefühlt. Das Album kam 2019 heraus, aber ich wurde schon 2016 unter Vertrag genommen und habe damals angefangen, daran zu arbeiten, und Lost Without You habe ich sogar schon 2013 geschrieben. Für mich war es also das Ende eines sechsjährigen Sprints. Ich habe Scheuklappen aufgesetzt und bin einfach auf dieses Ziel zugelaufen, irgendwann ein Album zu veröffentlichen. Davor haben wir sogar zwei Live-Alben gemacht. Es fühlte sich also an, als würde man sich Schritt für Schritt eine Künstlerkarriere aufbauen. Dann wurde es plötzlich grösser, als ich es mir je erträumt hatte. Selbst heute habe ich manchmal das Gefühl, dass ich das alles immer noch wegen der Musik meines ersten Albums machen darf. Viel davon habe ich komplett allein geschrieben. Es war etwas sehr Besonderes zu sehen, wie sich diese Authentizität überträgt. Das kleine Team, mit dem ich das gemacht habe – dieses kleine Indie-Team – das hatte etwas sehr Guerillaartiges. Wir gegen den Rest der Welt. Wir hatten niemanden auf unserer Seite. Niemand hat daran geglaubt, dass es so erfolgreich wird, wie es dann geworden ist. Darauf bin ich immer noch sehr stolz. Als das Album dann erschienen ist, hat es sich fast wie das Erreichen der Ziellinie angefühlt, nicht wie ein Anfang. Ehrlich gesagt waren die Shows in Deutschland und in der Schweiz einige der ersten Momente, in denen ich wirklich gespürt habe, dass ich ein Publikum habe – dass ich Fans habe. Ich bin mit viel mehr Selbstvertrauen nach Grossbritannien zurückgekehrt, weil ich dachte: Ich kann das, die Leute in Deutschland und der Schweiz lieben es.

Freya Ridings

MIT 11 BEGANN SIE, MUSIK ZU MACHEN: FREYA RIDINGS

© Stefan Tschumi

Indiespect: Hatte dieser Erfolg auch Auswirkungen auf das zweite Album, wegen des Drucks, den du hattest?

Freya Ridings: Das war nie die Schuld der Fans. Das war mein damaliger Labelchef, der ein bisschen durchgedreht ist und hinter dem Mischpult stand und meinte, ich sollte Disco machen. Und ich dachte nur: Ich glaube nicht, dass ich Disco machen sollte. Und er meinte: Doch, das solltest du, das wäre gut. Bei Blood Orange fühlt es sich noch immer ein wenig seltsam an. Ich liebe den Song Weekends, aber ich hasse die Produktion. Den Rest des Albums liebe ich – es ist grossartig und ich bin wirklich stolz darauf. Aber ich hatte nicht wirklich ein Label, das mir geholfen hat, es so umzusetzen, wie ich es gerne gehabt hätte. Dadurch habe ich realisiert, wie wichtig dieses kleine Guerilla-Team beim ersten Album für mich war. Ich habe es geliebt, im Team zu arbeiten, und genau das habe ich daraus gelernt. Dass ich das beim zweiten Album nicht hatte, hat mir klar gemacht, dass ich beim dritten Album wieder ein richtiges Team will – Menschen, denen ich vertraue und die ich mag. Es hat eine Weile gedauert, das von Grund auf neu aufzubauen, aber mittlerweile habe ich es geschafft, und es fühlt sich richtig gut an.

Am Ende ist es mein Gesicht, mein Name, meine Musik. Also muss es sich auch für mich richtig anfühlen.

Freya Ridings

Indiespect: Dürftest du eine neue Version von «Weekends» veröffentlichen, oder würde das zu rechtlichen Problemen führen?

Freya Ridings: Ich weiss nicht genau, wie lange es dauert, bis man etwas neu aufnehmen darf, ich glaube, es sind etwa zehn Jahre. Aber ich habe bereits eigene Live-Versionen des Songs gemacht. Auch die Version, die wir bei The Graham Norton Show gespielt haben, fühlte sich echter an – wir hatten Bläser dabei – das hat den Song für mich ein Stück weit gerettet. Aber die wichtigste Erkenntnis für mich war: Man muss an sich glauben und authentisch sein. Sonst hat das alles keinen Sinn. Sie wissen es auch nicht besser als du. Sie denken, sie wissen es besser, aber das tun sie nicht. Am Ende ist es mein Gesicht, mein Name, meine Musik. Also muss es sich auch für mich richtig anfühlen.