Interview mit Two Door Cinema Club: Uns war sehr wichtig, dass sich das nicht wie ein Ende anfühlt

In Highlights, Interviews by indiespect

Jubiläumskonzerte sind in den letzten Jahren immer beliebter geworden. Für Fans bieten sie die Möglichkeit, ein geliebtes Album oft zum ersten Mal komplett live zu erleben. Mit dem Aufstieg der Indie-Bands zwischen 2005 und 2010 gibt es inzwischen auch immer mehr Meilensteine zu feiern.

So auch bei Tourist History von Two Door Cinema Club, dessen 15. Geburtstag die Band aus Nordirland mit leichter Verspätung zelebriert. Im Gespräch mit Bassist Kevin Baird vor dem Konzert in Zürich im Juli wird allerdings schnell klar, dass die Band sich nicht leichtfertig dafür entschieden hat, das Album auf Tour zu bringen.

Wir freuen uns inzwischen sehr auf diese Jubiläumstour, aber anfangs mussten wir uns selbst erst davon überzeugen. Uns war sehr wichtig, dass sich das nicht wie ein Ende anfühlt oder wie eine letzte Ehrenrunde, bei der wir sagen: «Schaut mal, wie grossartig wir damals waren.»

Wir wollten dem Album den Moment geben, den es verdient, und gleichzeitig trotzdem nach vorne schauen.

Das Schöne an diesen Songs ist, dass sie fast schon vorbei sind, bevor sie überhaupt richtig angefangen haben.

Kevin Baird, Two Door Cinema Club

Viele Songs des Debütalbums waren immer Bestandteil der Live-Setlist. Andere hingegen wurden über Jahre nicht mehr angefasst. Sich mit dem alten Material auseinanderzusetzen heisst also nicht nur, die Stücke wieder zu üben, sondern auch die Arrangements zu überdenken. Dabei stellt sich die Frage, wie sehr man 15-jährige Songs für das Publikum von heute verändern sollte. Baird erklärt, die Band habe bewusst darauf geachtet, das Unmittelbare zu erhalten.

Das Schöne an diesen Songs ist, dass sie fast schon vorbei sind, bevor sie überhaupt richtig angefangen haben.

Sie sind sehr direkt. Wir wollen einen Song, der ursprünglich zweieinhalb Minuten lang sein sollte, nicht plötzlich auf fünf Minuten aufblasen. Das würde sich wie ein schlechter Dienst am Song anfühlen. Es geht darum, die Balance zu finden zwischen etwas Interessantem, Unterhaltsamem und leicht Unerwartetem, ohne dabei den eigentlichen Kern der Songs zu verlieren.

Two Door Cinema Club
Two Door Cinema Club sind: Sam Halliday (Gitarre), Alex Trimble (Gesang), Kevin Baird (Bass)
© Stefan Tschumi

Es fühlt sich gleichzeitig wie eine Ewigkeit her und wie gestern an.

Kevin Baird, Two Door Cinema Club

Als das Album erschien, waren die drei Freunde gerade mal 20 Jahre alt. Da ist eine Zeitspanne von 15 Jahren doch ein beachtlicher Teil des bisherigen Lebens. Doch das Zeitgefühl ist immer relativ, das ist auch bei Baird so.

Es ist irgendwie seltsam. Wir nähern uns langsam einem Punkt, an dem die Zeit in dieser Band – und sogar in einer Band, die ein bisschen Erfolg hatte – länger dauert als die Zeit davor. Alles ging so schnell vorbei. Wenn man ständig beschäftigt ist und so viel passiert, vergeht die Zeit unglaublich schnell. Es gibt wahrscheinlich zwei oder drei Jahre, die heute nur noch verschwommen in meiner Erinnerung existieren.

Es fühlt sich gleichzeitig wie eine Ewigkeit her und wie gestern an.

Die jugendliche Unbekümmertheit von damals hat den unverkennbaren Sound von Two Door Cinema Club geprägt. In dieser Zeit ist alles aufregend und macht Spass. Man fühlt sich frei und erwachsen und geht Dinge einfach an, ohne sich zu viele Gedanken zu machen.

Wenn man 16 oder 17 ist, zweifelt man noch nicht ständig daran, ob man überhaupt gut genug ist. Man probiert einfach alles aus. Wir haben ständig experimentiert und uns Dinge gefragt wie: «Können wir einen Popsong im 7/4-Takt schreiben?» Und dann haben wir es einfach gemacht.

Wir kannten keinen Schlagzeuger, also programmierten wir die Beats zu dritt selbst. Vieles entstand aus der Notwendigkeit heraus.

Ein zentrales Wiedererkennungsmerkmal ist das Gitarrenspiel von Sam Halliday. Mit seiner melodischen Verspieltheit steht es oft fast gleichwertig neben dem Gesang.

Wir waren Kids, die zusammen gejammt haben. Wenn man während eines Jams nichts spielt, fühlt es sich schnell langweilig an. Deshalb hat ständig jeder irgendetwas hinzugefügt. Genau daraus entstand Sams melodischer und unverwechselbarer Gitarrenstil.

Viele Songs entstanden zunächst rein instrumental, bevor überhaupt Gesang dazu kam. Dadurch hatte er eine komplett leere Leinwand für diese melodischen Gitarrenparts. Das wurde zu einem sehr wichtigen Teil unseres Sounds.

Das Musikvideo zu «Undercover Martyn» zeigt, wie jung die Band damals noch war.
© Stefan Tschumi

Herkunft ist ein weiterer zentraler Faktor, wie sich im weiteren Gespräch zeigt. Bangor, der Herkunftsort der Band, liegt zwar an der Küste Nordirlands, doch kulturell fühlte man sich weder vollständig irisch noch britisch. Baird erinnert sich an den starken Zusammenhalt in der damaligen Musikszene.

Gerade weil wir uns nie ganz als das eine oder das andere gefühlt haben, entstand rund um Belfast eine sehr eng vernetzte Musikszene. Wir hatten grosses Glück, ein Teil davon zu sein.

Es war eine unglaubliche Zeit voller grossartiger Musikerinnen und Musiker und gegenseitiger Unterstützung. Es gab keinerlei Konkurrenzdenken. Man konnte im gleichen Line-up wie ein Folk-Act, ein DJ und einer Heavy-Metal-Band sein, und alle haben sich gegenseitig geholfen.

Wenn eine Band oder ein Künstler Aufmerksamkeit von Labels bekam oder Leute aus London oder Dublin anreisten, versuchten alle, diesen Hype zu befeuern. Man ging gegenseitig auf die Konzerte, damit die Räume voller wirkten und es so aussah, als würden viele Leute zu diesen Shows kommen. Es herrschte ein echtes Gemeinschaftsgefühl und man hat aufeinander aufgepasst.

Nordirland spielte eine extrem wichtige Rolle dabei, wer wir als Band und als Menschen geworden sind. Man wächst dort im Schatten grösserer Themen auf, seien es die Troubles oder die politische Instabilität danach.

Es war fast schon erzwungener Optimismus.

Kevin Baird, Two Door Cinema Club

Als die Band ihre ersten Erfolge feierte, vermieden viele nordirische Künstler bewusst, sich direkt mit den gesellschaftlichen Spannungen in Nordirland auseinanderzusetzen.

Wir waren gewissermassen das Ende dieser Zeit. Ich glaube, alle waren einfach erschöpft von Politik und den Troubles. Die Menschen wollten aufhören, darüber zu sprechen. Es gab damals nicht viele Künstlerinnen oder Künstler, die diese Themen offen behandelt haben, obwohl sie natürlich immer noch präsent waren.

Der positive Sound von Two Door Cinema Club entstand auch aus dieser politischen Erschöpfung.

Auf eine seltsame Art hat uns das wohl in Richtung Optimismus gedrängt. Es war fast schon erzwungener Optimismus. Unsere Musik sollte vom Tanzen handeln, davon, Spass zu haben. Wir wollten über alltägliche Dinge singen, weil sich diese grösseren Themen einfach zu überwältigend anfühlten.

Wir waren ausserdem noch sehr jung und haben uns wahrscheinlich gefragt, welches Recht wir überhaupt hatten, über solche Dinge zu sprechen.

Two Door Cinema Club
Drei Freunde aus Bangor, die nie aufgehört haben zu experimentieren
© Stefan Tschumi

Die Mischung aus jugendlicher Euphorie und Eskapismus ist wohl auch mitverantwortlich dafür, warum Tourist History bis heute so zeitlos wirkt und weshalb die Songs viele Fans direkt zurück in die frühen 2010er transportieren. Doch nicht nur musikalisch hinterliess das Album Eindruck. Auch das Artwork wurde über die Jahre beinahe ikonisch. Bevor Katzen das Internet dominierten, zierte bereits eine davon das Cover von Tourist History.

Wir waren dem Marketingtrend voraus.

Was wie ein beiläufiger Schnappschuss wirkt, war allerdings das Ergebnis einer überraschend langen Suche.

Wir hatten einige verschiedene Ideen für das Artwork des Albums ausprobiert. Wir wollten ursprünglich mit einem Designer aus Irland arbeiten, mit dem wir befreundet waren, aber das Label mochte seine Entwürfe nicht. Das hat uns ziemlich enttäuscht, weil wir sie perfekt fanden.

Danach schlug das Label ein anderes Team vor, das etwas entwickelte, das wir absolut gehasst haben. Daraus entstand ein ständiges Hin und Her, bis wir irgendwann dachten, wir müssten wohl einen Kompromiss eingehen und etwas nehmen, mit dem eigentlich niemand wirklich glücklich war.

Dann schlug jemand vor, mit Megaforce zusammenzuarbeiten. Damals standen sie selbst noch relativ am Anfang ihrer Karriere. Sie hatten bereits erste Musikvideos und Branding-Jobs gemacht, waren aber noch nicht riesig. Sie kamen fast sofort mit dem Bild der Katze auf uns zu, und wir wussten direkt: Das ist es. Genau das ist das Cover.

Wir hatten ihnen keine Richtung vorgegeben oder gesagt, dass Katzen ein Thema sein müssen. Wir wissen bis heute nicht viel über den Kater, ausser dass er Franzose war. Leider gehe ich davon aus, dass sie inzwischen nicht mehr lebt.

Two Door Cinema Club
«Er war Franzose.» – Kevin Baird über die ikonische Katze auf dem Cover von Tourist History.
© Stefan Tschumi

Two Door Cinema Club stammen aus einer Ära, in der Indie-Rock seine Blütezeit erlebte und seinen Weg in den Mainstream fand. Gitarrenbands sind seither etwas aus dem Zentrum der Popkultur verschwunden.

Uns ist natürlich auch bewusst, dass im Bereich Gitarrenmusik nicht wirklich viele Acts nachgekommen sind, die Bands wie uns ersetzt hätten.

Als wir angefangen haben, haben wir gewissermassen die Fackel von den Bands der frühen 2000er übernommen. Aber dieser Zyklus hat sich danach nicht wirklich wiederholt.

Einerseits ist das für Musik und Fans insgesamt irgendwie schade. Andererseits ist es natürlich auch gut für uns, weil wir in diesem Bereich inzwischen kaum noch wirkliche Konkurrenz haben.

Ausserdem hat sich der Trend bei Liveshows verändert. Konzerte mit aufwendiger Liveproduktion seien seltener geworden, erzählt Baird.

Komplette Gitarrenbands mit Live-Drums und richtiger Produktion sind heute nicht mehr so häufig. Die Musiklandschaft hat sich stark verändert, auch weil Touren unglaublich teuer geworden sind. Das merken wir selbst gerade, während wir diese neue Show vorbereiten.

Doch trotz der Kosten und des Mehraufwands ist genau diese Art von Produktion seit den Anfängen Teil der DNA von Two Door Cinema Club.

Phoenix während der Wolfgang Amadeus Phoenix-Ära live zu sehen und mit ihnen zu touren, hat unsere Vorstellung davon geprägt, was eine Liveshow sein kann. Für uns sollte eine Liveshow aus Musikerinnen und Musikern bestehen, die tatsächlich Instrumente spielen, kombiniert mit einer tollen Licht und einer Produktion, die wirklich zur Musik passt.

Das steht im Kontrast zu dem, was auf dem Markt gerade passiert. Die Produktionen bieten immer weniger Spielraum für Spontanität und wirken dadurch glatter und eher wie ein durchgetaktetes audiovisuelles Schauspiel. Dem wollen Two Door Cinema Club bewusst etwas entgegensetzen.

Viele moderne Produktionen bestehen am Ende einfach aus einem riesigen Bildschirm im Hintergrund, auf den die Leute starren wie auf ein gigantisches iPhone.

Wir wollen, dass sich diese Tour wie eine beeindruckende Liveshow anfühlt. Jetzt haben wir endlich die Möglichkeit, das richtig umzusetzen.

Es ist schön zu wissen, dass Bands wie Two Door Cinema Club die Fackel der klassischen Livemusik weiterhin hochhalten wollen. So heisst es nicht nur «Rock’n’Roll will never die», sondern auch Indie-Rock wird so schnell nicht verschwinden. Zum Glück.