Muse-Pre-Listening in der Urania-Sternwarte: «The Wow! Signal» unter dem Sternenhimmel von Zürich

In Album-Tipps, Highlights by indiespect

Am Freitag erscheint «The Wow! Signal», das 10. Studioalbum von Muse. In der Urania-Sternwarte in Zürich fand bereits am Montag ein exklusives Pre-Listening statt. Das Setting hätte wohl kaum passender gewählt werden können. Die beeindruckende Kuppel mit ihrer 360-Grad-Drehbarkeit und dem riesigen Teleskop passt nicht nur zu den Texten der Engländer, sie sieht beinahe wie eine Produktion des Trios aus. Bevor diese Bühne den zehn neuen Songs gehörte, erklärte Matthias Hofer vom Sternwarten-Team die wissenschaftlichen Hintergründe zum Albumtitel.

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Tracklist

  1. The Dark Forest
  2. Nightshift Superstar
  3. Shimmering Scars
  4. Cryogen
  5. Be With You
  6. Hexagons
  7. The Sickness In You & I
  8. Unravelling
  9. Hush feat. Ellie Goulding
  10. Space Debris

The Wow! Signal: Einem mysteriösen signal auf der spur

The Wow! Signal ist ein Titel, der auf den ersten Blick komisch und sogar etwas unkreativ anmutet. Doch bei genauerer Betrachtung wird klar, wie perfekt er zu Muse und ihrer Sehnsucht nach dem Weltall passt. Die ganze Abhandlung würde den Rahmen sprengen, daher eine kurze Zusammenfassung. Das Signal wurde 1977 vom Radioteleskop Big Ear der Ohio State University abgefangen. Auf einer Frequenz, die für Satelliten- und Funkverkehr gesperrt ist und auf der daher üblicherweise nur Rauschen aufgefangen wird, wurde plötzlich ein ungewöhnlich starkes Signal empfangen. Der diensthabende Astrophysiker Jerry R. Ehman verlieh seiner Verblüffung Ausdruck, indem er mit einem roten Kugelschreiber Wow! neben die markierten Ausschläge notierte. Bis heute ist nicht geklärt, woher das Signal kam oder was es bedeutet. Damit ist die Möglichkeit nie ausgeschlossen worden, dass es sich um eine ausserirdische Botschaft handeln könnte. Eine Geschichte, wie gemacht als Inspirationsquelle für Matthew Bellamy.
Muse

Pre-Listening an einem denkmalgeschützten Ort.

track by Track

Es sind noch immer 33 Grad im 51 Meter hohen Turm der Urania-Sternwarte, als kurz nach 21 Uhr die ersten Töne des unveröffentlichten Albums von Muse erklingen. Epischer als mit The Dark Forest hätte die Band The Wow! Signal kaum eröffnen können. Über fünf Minuten wähnt man sich in einer Welt irgendwo zwischen Ben Hur, Die Mumie und einem Hauch von ERA. Es klingt, als wäre Knights Of Cydonia noch einmal auf eine Galaxie weitergezogen. Wenn das Stück scheinbar zu Ende geht, fängt es erst richtig an. Dieser Kunstgriff erinnert an Butterflies and Hurricanes. Ihre Theatralik haben die Engländer auch auf ihrem mittlerweile 10. Studioalbum offensichtlich nicht verloren.

Rush beneath my skin, I drown within
Silver sweat, you shine, infused with mine
Sell my soul tonight, your heat feels divine
Kiss that kills the pain, I crave again

Nightshift Superstar, Muse

Fünf Songs haben Muse bereits vorab veröffentlicht. Im Kontext des Albums wirken sie längst vertraut und sind alle auf ihre eigene Weise gewachsen. Nightshift Superstar ist dominiert von Chris Wolstenholmes Bass und steht in seiner Form ziemlich schräg im Muse-Kosmos. Doch ihren Hang zu Daft Punk und dem Funk haben die Engländer schon früher mit Songs wie Panic Station oder Break It to Me offengelegt. Wenn man ehrlich ist, sind solche groovigen Ausreisser zwischen all der Apokalypse auch ziemlich erfrischend.

© Sacha Lecca

Muse

Sommerliche Temperaturen, auch um 21 Uhr

Ganz sanft startet Shimmering Scars. Es ist eine Ballade, in der Bellamys Stimme herrlich zum Tragen kommt. Die Verletzlichkeit wandelt sich spätestens mit dem Einsatz der Drums in etwas Kämpferisches. Die Instrumentierung wirkt immer wieder wie ein Score aus einem grossen Blockbuster. Gar so, als würde Davy Jones aus Fluch der Karibik im Mittelteil noch kurz in die Tasten seiner Orgel greifen.

Cryogen, I can never cry again
Cryogen, I'm freezing over
Yeah, this girl is nitrogen
Don't cry again

Cryogen, Muse

Plug in Baby war gestern, jetzt kommt Cryogen. Mit einem Intro, das extrem an den Song vom Album Origin Of Symmetry (2001) erinnert, schleicht sich die eisige Kälte des Tracks direkt in die Herzen der Muse-Fans. In Sachen Wortspiel ist der Reim von Cryogen auf cry again vielleicht nicht gerade eine Sternstunde der Lyrik, aber der Song selbst ist wie gemacht für die Bühne. Tempo, Gitarren und ein Matt, der seine Stimme ins Falsett treibt, das kann die strengen Hardcore-Fans begeistern. In der Brixton Academy haben Muse den Song zum ersten Mal auf die Bühne gebracht. Als Abschluss meinte der Sänger: Be nice on Reddit, or you'll break Dom's heart.

Cryogen feierte Live-Premiere in der Brixton Academy in London.

Das könnte eine direkte Anspielung auf die Reaktion auf das nächste Stück gewesen sein. Be With You stiess nicht auf Anhieb auf viel Gegenliebe. Es ist nicht die schöne Melodie am Anfang, die irritiert, sondern vielmehr die an einen Drum-Computer anmutenden Einsätze nach etwas mehr als einer Minute. Zu sehr weckt das bei vielen ein Madness-Trauma. Ein Song, bei dem die Gefühle in beide Richtungen seit Jahren stark sind. Die Fans haben immer Angst, wenn ihre Band zu sehr in den Kaugummi-Pop abdriftet. Be With You wirkt im Gegensatz zu Madness trotzdem organischer und wächst bei jedem Durchlauf mehr ans Herz.

It seems my light's been swallowed up
I've used up every ounce of luck
I need to leap into the fire
Find a higher power
And reach for something new

Be With You, Muse

Hexagons ist wie schon der Opener ein Epos von einem Song. Ein Instrumentalintro darf gut und gerne über eine Minute lang sein. Hier klingen Muse so sehr nach Weltall wie schon lange nicht mehr. Textlich wirkt es fast wie ein Rückblick auf die Resistance-Ära mit dessen Titeltrack und dem Song Uprising. Our resistance is mass produced oder Love revealed our failed rebellion wirken wie ein Nachhall auf rise up and take the power back.

Muse

Mit Blick in die Sterne: So schreibt wohl auch Matthew Bellamy viele seiner Songs.

Ein seltsamer Stilmix ist The Sickness In You & I. Während auch der Groove von Nightshift Superstar mitschwingt, wird dieser von schweren, Rammstein-artigen Riffs gebrochen. Hier passiert viel und gleichzeitig wenig. Dabei verliert sich der Track in seinen Einzelteilen und wirkt dadurch seltsam fragmentiert. Vielleicht verändert sich dieser erste Eindruck noch. Spannend ist, dass das Outro direkt in das Intro von Unravelling übergeht.

Feeling the glow
Die inside of our bones
This is a hymn for our love
With no God and no throne

Unravelling, Muse

Die erste Vorabveröffentlichung ist mittlerweile schon so verinnerlicht, als wäre sie auf einem früheren Album erschienen. Unravelling kann in Dauerschleife laufen und wird nie langweilig. Das liegt weniger am Matt-typischen un-un-unravelling-Gesang, sondern vielmehr am fantastischen Übergang in den Refrain. Der kurze Break und der Wechsel in die Höhe sorgen jedes Mal für Gänsehaut. Gleichzeitig verändert sich der Track mehrfach durch leichte Verschiebungen und bietet der Band zum Ende hin noch einmal die Möglichkeit, alles aus ihren Instrumenten zu holen.

Hat bei Erscheinen des neuen Albums bereits ein Jahr auf dem Buckel – Unravelling.

Eine Bridge wie bei Billie Eilish und ein Genre-Chamäleon der Extraklasse. Hush hält viele Überraschungen bereit. So ist der Song auch das erste Featuring in der Karriere von Muse. Das Duett mit Ellie Goulding fügt eine ganz neue Klangfarbe hinzu. Matt überlässt ihr dabei den grösseren Gesangspart; seine Einsätze wirken eher wie eine Klammer, die den Track eröffnet und mit dem sanftesten hushhhhhhh abschliesst. Wie oft es das Featuring effektiv live zu sehen gibt, bleibt offen. Offen bleibt auch, ob es, falls es tatsächlich für die Bühne arrangiert wird, eine Version mit nur einer Gesangsstimme wird oder ob der Part von Ellie Goulding ab Band kommt.

Hush; it’s getting too loud
Don't let it drown the sound (hush)
It's you and me now
There's chaos all around
So lose yourself, free yourself
Take a breath and...

Hush, Muse featuring Ellie Goulding

In Space Debris klingt alles nach Abschied. Hier trifft das Sprichwort in der Ruhe liegt die Kraft wieder einmal voll ins Schwarze. Die Stimme schwebt schwerelos über den sehr reduzierten Instrumenten. Sogar die längst versprochene Akustikgitarre findet ihren Einsatz. In der Mitte scheinen Raum und Zeit stillzustehen, bevor sanfte Cello-Klänge den Gesang untermalen. Das hätte schnell zu dick aufgetragen sein können, doch es bleibt fragil und schlicht. In der Sternwarte wird der Himmel immer wieder dunkler und die Musik scheint sich passend dazu immer weiter in die Nacht zu entgleiten. Ein perfekter Abschluss.

Muse

Etwas Werbung für die beiden Zürich-Konzerte im Dezember darf natürlich auch nicht fehlen

Obwohl... noch nicht ganz. Während das Album noch einmal eine Ehrenrunde auf dem digitalen Plattenteller drehen darf, wird das Teleskop der Sternwarte auf den Mond ausgerichtet. Schliesslich soll der Ort nicht nur als passende Deko fungieren. Durch das Teleskop sieht man die Krater auf der Mondoberfläche so nahe, dass man sie schon fast greifen kann. Währenddessen singt Matthew Bellamy noch einmal davon, wie sein Blut kristallisiert und zu Diamanten gefriert. Beim Verlassen des Gebäudes ist es zwar kühler geworden, aber von einem Cryotank sind die Temperaturen im nächtlichen Zürich doch noch weit entfernt.

Muse

Entweder kann man den Mond in seiner vollen Pracht sehen oder noch näher mit all seinen Kratern im Detail

Fazit

Das Vorgänger-Album Will Of The People wird wohl nie ein Fan-Favorit werden. Auch mit The Wow! Signal werden Muse ihre sehr strenge Fanbase wahrscheinlich spalten. Wirklich sagen kann man das aber erst in einer gewissen Zeit. Man sieht nur schon bei den Vorab-Releases wie sich diese über die Monate entwickelt haben. Der erste Eindruck ist aber deutlich stärker als beim letztem Album. Muse wirken befreit und trauen sich verschiedenste Experimente zu. Das ist genau das, was die Band seit mittlerweile Jahrzehnten ausmacht. Am 7. und 8. Dezember 2026 spielt die Band zwei Konzerte im Zürcher Hallenstadion. Bis dahin werden die Texte auf jeden Fall bei allen sitzen.

© Sacha Lecca