Shout Out Louds in Winterthur:
Säulenfreie Traumwelten im Salzhaus

In Reviews by indiespect

Shout Out Louds Premiere in Winterthur

Bis vor der Sommerpause kannte jeder Konzertbesucher die Eigenheiten im Salzhaus Winterthur. Je nachdem wo man stand, wurden einem durch eine der zahlreichen Holzsäulen der Blick auf die Bühne versperrt. Was bei Partys überhaupt nicht störend war und auch zum Charme beitrug, konnte bei Liveshows zur Beeinträchtigung werden. Es gab sogar Bands, welche deswegen nicht im Salzhaus auftreten konnten oder wollten. Denn auch die Bühne wurde von zwei Pfeilern unterteilt. Während sich in den Sommermonaten die Gäste an der Sommerbar im Freien vergnügten, wurde im Inneren fleissig gearbeitet. Endlich hatte man grünes Licht vom Denkmalschutz erhalten und die Holzsäulen durften entfernt werden. Neu wird die Decke vom Dachboden aus getragen und muss daher nicht mehr wie bis anhin von den Holzsäulen gestützt werden.

Unter dem Motto säulenfrei finden nun seit Beginn der neuen Saison die Konzerte mit freier Sicht auf die Bühne statt. Für manchen Besucher mag es noch etwas gewöhnungsbedürftig sein und einige werden die markanten Säulen gar vermissen, doch die Band des gestrigen Abend kannte es nie anders. Shout Out Louds, die schwedischen Indie-Pop-Lieblinge, spielten nämlich ihr erstes Konzert in Winterthur. Mit ihrem fünften Album Ease My Mind besuchten sie das Salzhaus für ein exklusives Konzert in der Schweiz. Vor dem Auftritt konnte ich Sänger Adam Olenius und Gitarrist Carl von Arbin zum Interview treffen. Dieses könnt ihr hier nachlesen.

The Hanged Man: Support-Act aus Stockholm

Mystischer Einstieg mit The Hanged Man aus Stockholm

Für ihre aktuelle Tour haben sich Shout Out Louds Freunde aus Stockholm als Support-Act an Bord geholt. The Hanged Man ist ein Projekt der Sängerin Rebecka Rolfart, welche bis zur Auflösung 2011 Gitarristin der Indie-Pop Band The Dancing Days war. Danach war sie bis Ende 2012 Mitglied der Post-Punk-Band Vulkano. Der Stil von The Hanged Man unterscheidet sich von beiden Vorgängerbands ziemlich stark. Der sphärische Sound lebt von der Stimme der Sängerin sowie den mystischen Synthie- und Keyboardklängen. Sympathisch und spielfreudig eröffneten The Hanged Man mit mystischen Indie-Klängen den Abend. Zwischen eher ruhigeren Stücken fanden sich auch immer wieder temporeichere Nummern, was für einen angenehmen und abwechslungsreichen Auftakt sorgte.

Adam Olenius von Shout Out Louds. Wie immer mit Bart und Gitarre bewaffnet

Shout Out Louds: Ein Wiedersehen mit alten Freunden

Nach einem kurzen, afrikanisch angehauchten Intro betrat die zweite Band aus Stockholm die Bühne vom Salzhaus. Shout Out Louds hatten sich seit ihrem letzen Konzert in der Schweiz ziemlich viel Zeit gelassen. Ganze vier Jahre ist es her, seit sie im KiFF in Aarau aufgetreten sind. Winterthur war nach drei Konzerten in Österreich die vierte Station auf der aktuellen Ease My Mind-Tour. Das mittlerweile fünfte Album der Schweden ist seit dem 22. September auf dem Markt. Es ist persönlicher und weniger durchproduziert als der Vorgänger Optica. Es ist zudem das erste Album, das komplett ohne Schlagzeuger und Gründungsmitglied Eric Edman entstanden ist. Lars Skoglund hatte ihn schon seit mehreren Jahren bei Live-Auftritten ersetzt, weil Edman das Tourleben nie wirklich zusagte.

Persönlich wurde es bereits beim Eröffnungsstück Paola. Dieses hatte Sänger Adam Olenius für Bandkollegin Bebban Stenborg geschrieben, deren eigentlicher Vorname Paola ist. Da sie aber seit jeher jeder nur Bebban nannte, war das ausser den Passkontrolleuren am Flughafen, praktisch niemandem bekannt. Der Song behandelt die Zeit vor der Bandgründung und die Suche nach dem Lebensweg der beiden Jugendfreunde.

Singt praktisch nur mit geschlossenen Augen – Adam Olenius

Positive Energie im Sonderangebot

Weiter ging es mit einem Klassiker, der an keiner Indie-Party fehlen darf. Very Loud vom Debüt-Album Howl Howl Gaff Gaff versetzte das Winterthurer Publikum in Sing- und Tanzlaune. Mit Fall Hard wurde das Tempo weiter aufrecht erhalten. Dass die Schweden nicht nur sanfte Träumer-Melodien schaffen können, haben sie in ihrer Karriere bereits mehrfach bewiesen. Jumbo Jet, der als Opener des aktuellen Albums fungiert, war der zweite Song des aktuellen Albums im Set. Eigentlich schien es schon fast überraschend, dass dieser nicht für die Konzerteröffnung gewählt wurde.

Doch die Wahl des persönlicheren Stücks Paola zeigt die tiefe Verbundenheit der einzelnen Bandmitglieder. Dies war auch immer wieder spürbar, wenn sie einander Sachen ins Ohr flüsterten oder sich gegenseitig angrinsten. Natürlich durfte auch Our Ill Wills, das zweite Album von 2007 auf keinen Fall fehlen. Mit Normandie fand der erste Song aus dieser Ära den Weg auf die Bühne. Nach dem sommerlichen Oh Oh war mit Sugar und Walking in Your Footsteps das Album Optica von 2013 gleich im Doppelpack vertreten. Bei letzterem vergass Olenius gleich in der ersten Strophe den Text und kaschierte dies geschickt mit Zeilen wie I forgot the words and blablabla. Dabei sang er die Melodie so überzeugt weiter, dass es den meisten Besuchern bestimmt gar nicht aufgefallen ist.

Spass mit der Beleuchtung. Die Bühnenlichter wurden von Shout Out Louds zweckenentfremdet.

Das melancholische Throw Some Light folgte vor einer äusserst amüsanten Darbietung von Tonight I Have To Leave it. Sobald Adam Olenius seine Samba-Glocken in der Hand hält, weiss jeder Shout Out Louds-Fan spätestens was als nächstes folgt. Lautstark wurde der Refrain mitgesungen. Davon angetrieben begann der Sänger und sein Bandkollege, Gitarrist Carl von Arbin, mit der Bühnenbeleuchtung zu schwenken und sich gegenseitig ins Gesicht zu blenden. In der Mitte des Songs bahnte sich Olenius den Weg ins Publikum und sang zusammen mit den Zuschauern weiter. Wo man auch hinsah, blickte man in strahlende Gesichter.

Adam Olenius auf Tuchfühlung mit den Winterthurer Zuschauern

Where were you when we called the police? fragte Olenius, wieder auf der Bühne angekommen und leitete so den ebenfalls auf Our Ill Wills befindlichen Song You Are Dreaming ein. Anschliessend durfte die einzige Dame der Band in den Vordergrund treten. Bebban Stenborg fühlt sich zwar hinter ihrem Keyboard und etwas im Dunkeln sichtlich wohler, doch mit ihrer Stimme und dem Titeltrack vom neuen Album zog sie sofort den gesamten Raum in ihren Bann. Ease My Mind ist eines der seltenen Stücke, bei denen sie die Lead-Vocals übernimmt. Noch seltener war es bisher, dass diese Titel auch live gespielt wurden. Zwischenzeitlich nahm Carl von Arbin ihren Platz hinter dem Keyboard ein und wirkte dabei wie ein verlorener Riese auf seinem Podest.

Paola «Bebban» Stenborg sang den Titeltrack Ease My Mind

Auf Souvenirs, den Abschluss-Titel von Ease My Mind folgten mit Walls und dem Publikumsliebling Please Please Please zwei richtige Tanzsongs. Zu letzterem wird wohl fast jeder in seiner Ausgangskarriere schon einmal den Refrain mitgegrölt haben. Nach diesem Indie-Feuerwerkt verabschiedeten sich die Schweden von der Bühne. Das konnte es eigentlich noch nicht gewesen sein, denn mindestens ein Must-Hear war noch ausstehend. Und natürlich kehrten Shout Out Louds nach tosendem Applaus noch einmal auf die Bühne zurück. Vorerst jedoch nur Adam Olenius und Bebban Stenborg. Zusammen spielten sie eine wunderschöne, reduzierte Version von Go Sadness. Dieser Track untermalte seinerzeit sogar eine dramatische Szene in der Hit-Serie O.C. California.

Für Porcelain fanden sich dann wieder sämtliche Bandmitglieder auf der Bühne ein. Zum krönenden Abschluss wurde mit den ersten Klängen von Impossible angesetzt. Bereits bei den vorherigen Zugaben hatten sich die Musiker von The Hanged Man unters Publikum gemischt und wie wild getanzt. Jetzt gab es für sie kein Halten mehr. Sie enterten die Bühne und sagen neben Bebban stehend den Refrain mit. Adam Olenius holte sich zusätzlich Zuschauer zu sich und liess sie für die letzten Takte Teil seiner Band werden. In ihren strahlenden Gesichtern war die pure Freude zu sehen. Das säulenfreie Salzhaus wurde von den Discokugeln zusätzlich in ein zauberhaftes Licht getaucht.

Krönender Abschluss mit Impossible

Fazit

Bereits mit ihrem Album hatten sich Shout Out Louds die Aufgabe gesetzt, für eine Verschnaufpause in unserer Verrückten Welt zu sorgen. Einfach mal Abschalten und Geniessen lautete die Devise. Dies haben sie mit ihrem Konzert im Salzhaus Winterthur noch einmal deutlich unterstrichen. Selten hat ein Konzert die Besucher mit einer positiver Energie zurückgelassen. Sie haben sie noch immer: Die Formel Menschen glücklich zu machen.

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