Bosse tanzt sich in Zürich hoch: Vom Exil ins Dynamo

In Reviewsby indiespect

Aki Bosse streut die Saat der Liebe

Axel «Aki» Bosse ist mit Leib und Seele Musiker. Das hört man nicht nur auf seinen Platten, das spürt man vor allem bei seinen Live-Konzerten. In Deutschland hat sich das längst rumgesprochen, dort füllt er mittlerweile grosse Hallen. In der Schweiz hat man sich über die Jahre ganz behutsam angenähert. Mit seinem Album Engtanz kam er 2016 zum ersten Mal mit einer eigenen Headline-Show nach Zürich. Die Stimmung im ausverkauften Exil war energetisch. Damals wurde die Saat für eine grosse Liebesgeschichte zwischen Bosse und der Schweiz ausgestreut.

Die Rückkehr nach Zürich mit «Alles ist Jetzt»

Im Oktober veröffentlichte der Braunschweiger mit Alles ist Jetzt sein zweites Nummer-1-Album in Folge. Nummer 1 in Deutschland wohlgemerkt. Während es Engtanz noch kurzzeitig auf Platz 92 der Schweizer Charts schaffte, fand das neue Album den Weg in die Hitparade nicht. Dennoch scheint sich eine immer grösser werdende Fangemeinde um den sympathischen Sänger zu bilden. Für seine Rückkehr nach Zürich stand gestern eine Show im Dynamo auf dem Programm. Das Konzertlokal an der Limmat fasst immerhin die doppelte Besucherzahl wie das kleine Exil.

KLAN eröffnen für Bosse.

KLAN erreichen ein ganz neues Publikum

Das Geschwister-Duo von KLAN eröffnet den Abend für Bosse. Bei der Frage, wer sie denn bereits kenne, strecken gerade mal drei Menschen auf – einer davon ihr Tontechniker. Die Brüder sehen darin ihre Chance auf ein neues Publikum und holen alles aus ihren Songs. Abwechslungsreich und multi-instrumental können sie im bereits gut gefüllten Dynamo punkten. Es gibt immer wieder langanhaltenden Szenen-Applaus. Die Musiker sind sichtlich gelöst, so wohlwollend begrüsst zu werden. Sie haben einen guten Grundstein für ihre Rückkehr nach Zürich gelegt. Im März werden sie im Exil auf der Bühne stehen. Sie machen es also in genau umgekehrter Reihenfolge wie Bosse.

Bosse mit seiner beeindruckenden Live-Band.

Ein bunt gemischter Haufen für Bosse

Wie schon bei seiner Zürich-Premiere hört man auch im Dynamo viele Deutsche Stimmen. Es wäre spannend zu wissen, wie gross der Anteil der angereisten Fans im Verhältnis zu den heimischen ist. Auch das Altersspektrum ist gut abgedeckt. Von jung bis alt ist alles dabei. Mit seiner beeindruckenden Live-Band eröffnet Bosse mit Wanderer das Set. Innert weniger Minuten ertanzt er sich die ganze Bühne, als müsste er sich mit ihr vertraut machen. Kein Wunder ist er nach dem folgenden Titeltrack Alles ist Jetzt und Du federst bereits total verschwitzt. Es ist Leistungssport, was dieser Mann da macht. Engtanz, mit dem Bosse Zürich zum ersten Mal besuchte, kommt nur mit einem Song zum Zug. Dein Hurra ist an diesem Abend das einzige Stück des tollen Vorgängers von Alles ist Jetzt. Das ist zwar etwas schade, doch auf einer Folgetour zu einem Album nicht unüblich.

Schweisstreibender Auftritt von Aki Bosse

Hintergründe, Lacher und Entstehungs-Geschichten

Bosse weiss seine Fans auch zwischen den Stücken bestens zu unterhalten. Die Geschichte seines Auftrittes in der mittlerweile geschlossenen Bar La Catrina in der Zürcher Langstrasse hat er zwar schon im Exil erzählt, doch innerhalb der zwei Jahren scheinen im weitere Details eingefallen zu sein. Er habe damals seinen ersten Hendrick’s Gin mit Gurke getrunken. Und weil er das so lecker fand, gab es gleich 14(!) Stück davon. Damals habe er vor ungefähr 30 Menschen gespielt und sich vorgenommen, die Anzahl der Getränke, den Besucherzahlen anzupassen. Man könne also schon mal anfangen die Gurken zu schneiden, sagt der Sänger mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Auch zu den einzelnen Tracks gibt es Hintergrundinfos von Bosse. Während sich andere Künstler damit schwer tun, ihre Songs zu analysieren oder zu erklären, macht er das aus freien Stücken.

Refugees Welcome – das Aufwachsen auf dem Land hat Bosse politisch werden lassen.

Rauchpause und Texthänger

Mit Robert de Niro will Bosse ein Zeichen gegen Fremdenhass setzen. Das Lied handelt von Claire, die auf dem von Bosse kreierten Latte-Macchiato-Strich in einem Café arbeitet und sich fragt, warum sie sich so fühlt wie der wohl beste Schauspieler in der wohl schlechtesten Serie – also wie Robert de Niro in Berlin Tag & Nacht.

Man gibt den Hass immer weiter an die Schwächsten
Schuld sind die anderen, die soll der Teufen hol’n
Ist das noch das Land, in dem sie Leben will?
Ist das das Leben, das es sich zu leben lohnt?«Robert de Niro» von Bosse

Mit leichteren Tönen geht es bei So oder So weiter. Damit hatte Bosse 2013 Stefan Raabs Bundesvision Song Contest gewonnen. Nach dem eher unbekannten Roboterbeine vom Album Wartesaal (2011) wird es romantisch. Das Stück Ich warte auf dich ist wiederum ein Liebeslied der etwas anderen Art, wie es der Sänger schon mit Immer so lieben auf Engtanz geschafft hat. Plötzlich gibt es Verwirrung auf der Bühne. Bosses Blick wandert nach oben zum Fumoir, welches sich im ersten Stock befindet. Hinter der Glasscheibe grinst ihm frech sein Gitarrist entgegen – mit einer Kippe in der Hand. Der Sänger traut seinen Augen kaum und befindet: Gefeuert wegen Rauchens! Es folgt passenderweise eine reduzierte Version von Kraniche, wo zum Glück keine Gitarre gebraucht wird. Nach der Rauchpause kehrt der gefeuerte doch zu seinen Bandkollegen zurück. in Komlett-Besetzung folgt mit Augen zu Musik an ein ansteckender Tanzsong, den bereits jeder mitsingen kann.

Augen zu Musik an – Bosse macht vor wie es geht.

Die Befreiung ist es, einen Texthänger zu haben. Das scheint sich Bosse bei diesem Song zu denken, als er nach einigen Takten den Text vergisst. Kurzerhand bricht er ab, um noch einmal neu zu starten. Seiner Bitte so zu tun, als wäre das nie passiert, kommen die Fans natürlich gerne nach. Trotzdem darf es an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Im gleichen Song folgt wohl eine der Lieblings-Textzeilen des Sängers auf dem neuen Album:

Das erste Mal im Berghain, du kommst aus Obereschershain
Du bist begeistert und schmeißt dir ein
Und du fliegst über den Dancefloor, kriechst durch den Darkroom, dir saust dein Ohr
Über all Schnee und nackte Haut
Du denkst: „Halleluja, ist das hier versaut«Die Befreiung» von Bosse

Die Schönste Zeit und eine handvoll Zugaben

Von seiner ersten grossen Liebe mit lila Haaren und warum die Zeit als Kurt Cobain starb, die schönste war, singt Bosse in Die Schönste Zeit. Der wohl bekannteste Song aus dem Repertoire wird gesanglich lautstark vom Publikum untermalt. Es ist sogleich der Abschluss des offiziellen Sets. Natürlich kann es das noch nicht gewesen sein. Dass weiss auch der Herr, der immer Frankfurt Oder ruft, wenn sich die Gelegenheit bietet. Bosse wirkt leicht genervt (was schwierig zu erreichen scheint) als er ihm zu verstehen gibt, dass der Song auf jeden Fall noch folgt. Vorher darf aber seine langjährige Gesangs-Partnerin Valentine zum Duett antreten. Ich bereue nichts hat der Braunschweiger in einem glückseligen Rausch geschrieben und ihr in der gleichen Nacht das Demo geschickt, damit sie ihren Gesangspart einsingen kann. Als er sich das später im Garten angehört hat, habe er geweint wie ein Schlosshund, weil es so schön war. Daraus ist das Duett entstanden. Den Text habe er eigentlich noch überarbeiten wollen, aber dann doch genau so belassen. So erklären sich auch die ersten Worte: Ich bin voll wie ein Pferd und lieg auf dem Rasen. Nach einer Liebeserklärung an sein Elternhaus bei Hallo Hometown verabschiedet sich Bosse mit dem versprochenen Frankfurt Oder zum zweiten Mal von Zürich. Und wieder hinterlässt er nur glückliche Gesichter.

«Ich bereue nichts», das Duett mit Valentine Romanski.

Fazit

Bosse steigt Stück für Stück in der Gunst der Schweizer. Was in Deutschland schon zweimal geklappt hat, könnte in den nächsten Jahren auch hierzulande mal eintreffen – ein Nummer 1 Album. Wenn er sich die Zeit nimmt und die Geduld mit seinen Schweizer Fans nicht verliert, kann er auch hier die grösseren Hallen füllen. Einige Wochen vor dem Auftritt hatte ich die Möglichkeit mit Bosse am Telefon zu sprechen. Das Interview findet ihr hier.